Jazzclub - Der frühe Vogel fängt den Wurm

Deutschland, 84min
R:Helge Schneider
B:Helge Schneider
D:Helge Schneider,
Jimmy Wood,
Pete York,
Andreas Kunze
L:IMDb
„Die Tonne scheint gut. Das Feuer geht hoch. Wunderbar. Kann man nicht meckern.”
Inhalt
Fischverkäufer Teddy Schu ist Jazzmusiker. Seine Frau findet Musik doof und tyrannisiert Teddy, wo sie kann. Weil sie sehr anspruchsvoll ist, arbeitet Teddy zusätzlich noch als Zeitungsausträger und als Mann für gewisse Stunden. Im Jazzclub wird allabendlich Musik gespielt: Die Band besteht aus Jimmy, dem Bassisten, Pete, dem Drummer und Teddy selbst. Der Besitzer des Jazzclubs und sein stimmer Bruder Theodor, der immer die Tische abwischt, haben große Geldsorgen; der Club wird wohl schließen müssen. Als Hoffnungsstreif tritt der Musikmanager E. Klemke auf den Plan. Doch als er, nachdem der Jazzclubbesitzer gestorben ist, die Band unter Vertrag nehmen will, geschieht etwas Unerwartetes.
Kurzkommentar
Schneider kommt, der Sinn geht. Über ein halbes Jahrzehnt nach „Praxis Dr. Hasenbein“ legt der Mühlheimer seinen vierten Filmversuch über einen jazzspielenden Lebenskünstler vor. Jazz ist freie Improvisation im Gegensatz zur komponierten Musik. Schneiders eigene Reality-Soap ist genauso spontan und darüber hinaus das Altbekannte: Pantomimisches Chaos, Trash und Humor – und Rhythmus.
Kritik
Mülheims berüchtigter Alleinunterhalter schlägt zurück. Die Zeiten, in denen Helge „Katzeklo“ Schneider mit seiner verschrobene Anarchokomik ein großes Publikum erreichte und die Kritik darüber spaltete, ob sein Tun genial oder als Masche nach zehn Minuten unwitzig sei, sind sicher vorbei; dürfte ihm aber auch egal sein, Schneider macht weiterhin das, was er am besten kann: Ein bisschen Musik auf der jazzigen Heimorgel, und die bringt ihn gleich zur eigenen Metatheorie des Films: „In der Musik heißt es immer: Weniger ist mehr. Wenn Count Basie am Klavier saß, hat der ganz wenige Tönchen gespielt, aber das dazwischen, das Nichtgespielte, hat eigentlich die Musik ausgemacht. Und im Leben ist es eigentlich ähnlich. Das Leben muss nicht supervoll sein. Wenn ich ihn einen Film gehe, möchte ich noch denken können und nicht zugeballert werden“, so Schneider in der „Zeit“.

Zugeballert wird man allerdings doch, auf Schneiders Weise, aber das wird die klar umrissene Zielgruppe schon vor dem Lösen der Kinokarte wissen. Schneider wäre also nicht Schneider, wenn er nicht gegen alle erzählerische Konventionen des Mainstream- als auch des „Autoren“-Kinos mal wieder sein absurdes Theater ins Feld führen würde. Und genau das passiert in „Jazzclub – Der frühe Vogel fängt den Wurm“: im Grunde nichts. Das Leben ist ja auch nicht prallvoll, wieso sollte es das Kino sein. Weil es für Illusionen zuständig ist? Nun, Schneider will nur seine eigene Reality-Soap, in der jeder Moment trotzdem zum Unwirklichen übersteigert wird. Die witzlose Auflösung aller als sinnvoll erscheinenden Erzählstrukturen ist als humorvolles Nichts auf der Leinwand wenigstens ein Stück weit erfrischend; mag aber auch daran liegen, dass seit Schneiders „Praxis Dr. Hasenbein“ runde sechs Jahre vergangen sind.

„Ich bin Jazz“, sagt Schneider, und also ist auch im Film die Musik Metapher des Lebens. Spielt Schneiders Figur, Teddy Schu, mal kein Piano mit seinen schweigsamen Kumpanen nach Feierabend in einer abgewrackten Kneipe, dann kommt das Nichtgespielte zum Tragen, also erst einmal und sogar zu Beginn des Films das, was Sehgewohnheiten programmmäßig gegen den Kopf stößt und inhaltliche Kritik sowieso auszuhebeln scheint: Schneiders übliche Definition seiner „Performance-Art“, in die Rolle von Teddy Schu fortgeschrieben. Wie ist damit umzugehen? Man fasst sich an den Kopf, lacht oder tut beides. Nachdem Teddy/Schneider unvermittelt als natürlich miesen brasilianischen Sexartikelvertreter bei seinem ersten Nebenjob bei der – ja – Agentur „Seniora Fuck“ seinen Einstand gibt, setzt „Jazzclub“ die obige filmtheoretische Prämisse postwendend um und zeigt die pralle Leere des Wartens an der Bushaltestelle, und zwar über Minuten. Wieder wird Schneider zum dramaturgischen Grenzgänger.

Das braucht die Welt nicht wirklich, aber genau das ist ja das Prinzip von Schneiders Improvisation, die nicht weniger als Kalkül ist. Im Kreis von Leben und Musik gilt, während die Heimorgel düdelt, dass auch der Film freie, spontane Gestaltung oder vielleicht schon irgendwas in Richtung erklärt sinnfreier Postmodernität zu sein hat. An den einzelnen Etappen, Schneider-gemäß zwischen Kunst und Schrott schwebend, könnte man sich nun interpretatorisch abmühen, wohl vergebens. Nur so viel zur möglichen Essenz hinter der „Hauptbotschaft“, dass Filme gefälligst genauso vergebens, ziel- und bedeutungslos zu sein haben wie das Leben selbst: Teddy träumt von einem besseren Leben als Jazz-Musiker, doch die Wirklichkeit ist natürlich nicht nur anders, sondern das totale Gegenteil. Neben seiner Sexartikelvertretersache kämpft er sich noch durch zwei weitere Gelegenheitsjobs, als Zeitungsausträger sowie als Fischverkäufer. Und auch kämpft er gegen seine Frau, oder seine Freundin. Wer sie ist – egal. „Jazzmusik“ operiert hier stark mit wiederholenden Szenen, die dem Film als einzige überhaupt so etwas wie Erzählstruktur verleihen.

Denn in „Jazzclub“ wird zwar gesprochen, aber durchweg nichts gesagt. Dieser „Wie geht´s?“ – „Ja, muss. Ich muss los“-Quatsch ist zuweilen sehr spaßig, weil er sich wiederum über alle Gesetzmäßigkeiten des (Ton)Filmes lustig macht und das Nichts ziemlich lässig feiert. Zusammen mit Schneiders Pantomimen-Masche samt Badelatschen und sonstigen textilen Verbrechen trägt sich die Groteske mit ihrer Geschichte, die alles sein kann und nichts ist, recht ordentlich. Gegen Ende, wenn es die Musiker selbst auf andere Planenten verschlägt, hat sich Schneiders Trash allerdings wieder totgelaufen und kippt. „Jazzclub“ wird nur unerbittliche Jünger mit dem Erwartungsgemäßen im Anarchischen beglücken. Den Anderen mag er wenigstens als Kontrast dienen.

Sympathisch verstörte Jazz-Groteske - jenseits von jedem


Flemming Schock