Bang Boom Bang

Deutschland, 110min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Peter Thorwarth
D:Oliver Korittke,
Ralf Richter,
Markus Knüfken,
Martin Semmelrogge,
Diether Krebs
„Ihr seht nicht nur scheisse aus, ihr seid auch scheisse!”
Inhalt
Ort des Geschehens ist Unna, ein trostloses Kaff im Ruhrpott. Der elegische, immerwährend bekiffte Keek (Oliver Korritke) füllt seinen Alltag mit dem Ausleihen von Videos und dem Verzocken der Kohle, die er vor Jahren zusammen mit Kalle (Ralf Richter) bei einem Bankraub machte. Da Brutalokumpel Kalle wegen des Bruchs noch Knastexistenz abzureissen hat, scheint das Problem der Wiederbeschaffung des Geldes für Keek noch nicht akut. Nun erhält er aber vom schmierigen Videotheksbesitzer Franky (Jochen Nickel) einen selbstproduzierten Porno, 'Eingelocht - Sex auf dem Billiardtisch', den er ungesehen beim Knastbesuch an Kalle weitergibt. Fatalerweise ist dessen Gattin 'Mitakteurin', worauf Kalle ausbricht, um den Videotheksbetreiber zu killen. Keek hat sich schnell um Schadensbegrenzung zu bemühen und schlittert doch von einer Katastrophe in die nächste, wenn es heisst, Kalles verprasste Kohle wiederzubeschaffen. Zusammen mit Freund Andy (Markus Knüfken), dem unterbelichteten Schlucke (Martin Semmelrogge) und dem verohten Ratte (Heinrich Giskes) will er den widerlichen Spediteur Kampmann (Dieter Krebs) um seinen Tresor erleichtern. Was folgt, ist eine Oper des totalen Versagens.
Kritik
Die vielgestaltige Wesensart, die Kulisse mit seiner Fülle an Charaktertypen hat das Ruhrgebiet seit jeher für den Film attraktiv gemacht, wobei in der Vergangenheit zumeist jedoch kein Wert auf realitätsspiegelnden Anspruch, geschweige denn Wertneutralität gelegt wurde; im Gegenteil: durch entsetzlich flache Zelluloidstraftaten, allen voran 'Manta, Manta' und Tom Gerhardts unaussprechliche 'Boah, ey'-Debilitäten mit ultimativer Verblödungsgarantie, drückten dem 'Revier' den Stempel des vorwiegend Asozialen auf. Beschränkte Plattitüden und undifferenzierte Allgemeinplätze werden negativ überzeichnet ausgewälzt, entsprechen dem Nivau der Manta-Witzkultur und verfestigen das tief verwurzelte Bild des hassenswerten Ruhrgebiets, dem schmutzigen Kind Deutschlands. Dass der deutsche Film am Boden liegt, ist nicht zuletzt auf die hoffentlich vergangene, nationale Neudefinition des Begriffsinhaltes der 'Komödie' zurückzuführen. Der Schuss der Proll- und Beziehungsklamotten ging aber letztlich nach hinten los und ließ die Kinobesucher zur Rettung des Verstandes dankenswerterweise ausbleiben. Fast wurde der deutsche Film zum Signum für das Gegenteil von Qualität.

Neuere Beiträge wie 'Lola rennt' oder 'Nachtgestalten' zeigen nun, dass Kreativität und Innovation nicht auf vollends verlorenem Posten stehen müssen. So scheint die Möglichkeit greifbar, dem deutschen Film endlich eine eigene, originale Identität mit neuen Impulsen zu verleihen. Erfreulich, daß 'Bang Boom Bang', das Kinodebüt von Kurzfilmregisseur Peter Thorwarth, in diese Sparte einzuordnen ist. Obgleich sich Thorwarth mit der Wahl des Ruhrgebiets als Szenerie und der Farce als Genre aufs Glatteis begab, ist das Resultat beachtlich. Es ist eine Gangsterpersiflage, eine herrlich unverbrauchter Looserstudie und doch auch eine Liebeserklärung an den rauen Charme des Reviers. Weniger der rote Faden der Haupthandlung ist es, der für skurrile Kurzweil sorgt, sondern die vielen Subplots und vor allem die eigenwilligen Typen, die markigen Charaktere, die Thorwarth mit lebendigem Profil ins Bild zu setzen vermag. Klischees, denen partielle Wahrheit nicht abgesprochen werden kann, umgeht der Regisseur nicht, doch verarbeitet er sie gekonnt. Ziel ist nicht mehr, sich über eine haarsträubende Gesamtkonstruktion voller schablonenhafter Vorurteile zu belustigen, sondern stilechte Sympathie und Verschrobenheit zu inszenieren.

Und obwohl es in Unna außer einem Fußballplatz, einer abgehalfterten Videothek und lauter gleichförmig trostloser Häuse nichts zu geben scheint, hat Thorwarths Darstellung eine Hommage im Sinn. Durch den verwahrlosten Stil der Optik entwickelt die Lokalstudie einen Schmuddelcharme, der an 'Jackie Brown' erinnert, mit originären Typen, die jeder für sich ein Genuß sind. Oliver Korritke, spätestens seit den 'Musterknaben' in der Oberliga deutscher Mimen, läßt den warmherzig antriebsarmen Kiffer souverän heraushängen und formt den Musterfall des geborenen Verlierers. Er steht seinem Schicksal mit seltsamer Gemütsruhe gegenüber und versucht dennoch, im Chaos rettend zu vermitteln - einfach liebenswert. Nicht anders Markus Knüfken als sein Freund Andy, ein desillusionierter Automechaniker, eher der 'Realist'. Seine Sprache bildet 'den' Ruhrgebietsslang ('watt denn?') authentisch ab läßt Andy originär und sympathisch schlicht auftreten. Und obwohl Ralf Richter mal wieder in die Rolle des schablonenhaften Erzprolls und trainingshosentragenden Gewalttäters schlüpft, tut er dies in urkomischer Vollendung. Ein Original.

Auch andere, so Martin Semmelrogge als bemitleidenswertes, debiles Würstchen und Dieter Krebs als ekelhafter Spediteur sind Charakterdarsteller mit reizvollem Eigenleben. Selbst minimale Nebenrollen von Til Schweiger und Ingolf Lück zeigen augenzwinkernden Mut zur Hässlichkeit. So ist das Miteinander des bunten Protagonistenhaufens stets lakonisch, situativ witzig und nur selten abgedroschen. Irgendwie versinken alle Handelnden immer weiter im Sumpf des Verlierens. Alles, was schief laufen kann, läuft schief - egal, auch wenn alles verloren scheint, läßt man sich nicht unterkriegen und trotzt dem Leben. Thorwarths Gangsterballade ist originell, versprüht schmuddeligen Charme und ist voll von krassen Typen. Nur hätte die Erzählung ein wenig gestrafft und konsequent mit noch mehr Gags aufgeladen werden müssen, denn gerade die erste Filmhälfte weist einige Längen auf. Dennoch: mit der kreativen Eigenart von 'Bang Boom Bang' ist der deutschen Filmkultur zu gratulieren.

Herrlich bunte Versagerrunde in stilechter Verpackung


Flemming Schock