21 Gramm
(21 Grams)

Mexiko / USA, 125min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Alejandro González Iñárritu
B:Guillermo Arriaga
D:Sean Penn,
Naomi Watts,
Benicio Del Toro,
Charlotte Gainsbourg
L:IMDb
„Wie oft leben wir, wie oft sterben wir?”
Inhalt
21 Gramm beschäftigt sich mit dem Leben dreier Personen, deren Schicksale sich durch einen dramatischen Unfall unwiderruflich verbinden. Der todkranke Paul (Sean Penn) hofft, dass ein Spenderherz sein Leben retten wird; die Ehefrau und Mutter Cristina (Naomi Watts) muss einen großen Verlust verkraften; und dem Ex-Strafgefangenen Jack (Benicio Del Toro) wird erneut der Boden unter seinen Füßen weggerissen.
Kurzkommentar
Licht am Ende des Tunnels gibt es hier kaum. Mit “21 Gramm” inszeniert Alejandro González Iñárritus in seinem erst zweiten Film eine drastische Tour de Force jenseits des Mainstream. Zwar mag das konsequent düstere Psychodrama über einen zerstörerischen Unfall, der das Schicksal dreier Personen zusammenbringt, zu kalkuliert wirken. Aber das ist gleichzeitig auch seine Stärke. Die nichtlineare Erzählung entwirft ein gefühlsgewaltiges Puzzle mit starken existentiellen und symbolischen Anspielungen, in dem Sean Penn, Naomi Watts und Benicio Del Toro Schauspielleistungen einsamer Klasse bringen. Unbedingt sehenswert.
Kritik
„21 Gramm”, der Renner auf den Filmfestspielen in Venedig, ist eine geschliffen konstruierte emotionale Keule. Mit rigoros dunkler Wucht erzählt sie unter anderem vom Zufall, davon, wie Existenzen, psychisch und physisch, von einem Augenblick auf den anderen zerschmettern und wie sich seelische Abgründe und das Leid der Betroffenen in der Folge inszenieren und wie das Gewicht von Schuld, Sühne und Liebe auf dieser Bühne zu veranschlagen ist; die große, theaterwirksame Agonie also, unerbittlich, bis zum Anschlag in jeder Einstellung. Das klingt ausweglos düster, ein wenig nach dem Bußtheater von „Magnolia“ und damit zum guten Teil auch kitschig. Tatsächlich changiert der Gefühlsreaktor von „21 Gramm“ zwischen teils gezwungener, doch deutlich in Richtung Oscar schielender Melodramatik und aufwühlender Tragödie. Denn dem Zufall überlassen war bei der Konzeption des Streifens natürlich nichts mehr.

Der Mexikaner Alejandro González Iñárritus landete vor runden vier Jahren mit seinem Regiedebüt „Amores Perros“ gleich einen internationalen Großerfolg. Hollywood konnte also nicht auf sich warten lassen und holte Iñárritus für seinen zweiten Film, seinen ersten englischsprachigen. Dass er für die Besetzung des Streifens mit dem dreifach oscarnominierten Sean Penn, dem Oscarpreisträger Benicio Del Toro und der aufstrebenden Naomi Watts („Mulholland Drive“, „The Ring“) gleich drei Großgewichte auffahren kann, wundert nicht. Es geht um Positionierung, ist hier doch alles auf Oscaraspiration gemünzt. Es gibt dann auch wenig daran zu kritteln, dass Naomi Watts jetzt gute Chancen hat, den Oscar als beste Darstellerin zu erhalten. Nominiert ist sie und zum Teil geht ihre explosive Darbietung wirklich unter die Haut. Das gilt für den gesamten Film auch, wenngleich die Anlehnung an das Ideenmuster des Erstlings schon schlagend ist: Wie schon in „Amores Perros“ geht es um die abrupt verschränkten Geschicke dreier Menschen und auch hier lässt der Schock eines Autounfalls die Fäden zusammenlaufen.

So wirkt es, als ob sich Iñárritus noch einmal ohne Risken im Hollywood-Rahmen selbst zitieren wollte. Aber „21 Gramm“ ist ein dramaturgisches Gebilde ganz eigener Art. Zwar scheint es seit „Pulp Fiction“ und gerade „Memento“ Mode zu sein, die herkömmliche Erzählchronologie des Films möglichst experimentell aufzubrechen oder gleich ganz auf den Kopf zu stellen, um sich somit als möglichst subtiler Filmemacher auszuweisen. So wird das Außergewöhnliche selbst schnell zur Konvention oder gar zur gekünstelten Sperrigkeit. Das Konstruierte und streng Komponierte ist so auch in „21 Gramm“ überdeutlich und mag die emotionale Zugänglichkeit zu den Figuren wohl erschweren, weil der Zuschauer intensiv mit dem Zusammensetzen der Szenen beschäftigt ist – trotzdem dürfte „21 Gramm“ das bisher gelungenste Beispiel für eine effektvoll verwobene, nichtlineare Erzählung bieten. Sie verlangt einiges vom Assoziationsvermögen des Zuschauers. Szenen werden gedoppelt und geben erst beim zweiten Einspielen Sinn, so dass das sprunghafte Konstruieren Iñárritus´ die Sehgewohnheiten nicht nur eingangs auf eine harte Probe stellt.

Aber die durch das Über- und Ineinanderschieben der einzelnen Zeitebenen erzielte Wirkung fesselt von Beginn an: So rätselt man, wieso Christina mit dem totkranken und doch genesenen Mathematiker Paul gemeinsam im Auto sitzen und Paul als ihren Lieben ansprechen kann, wo man sie doch in anderen Szenen als fraglos glückliche Frau eines anderen Mannes sieht; wieso sie verzweifelt den Entschluss fassen, Jack Jordan etwas anzutun und weshalb Paul in einem weiteren Szenenfragment plötzlich blutend auf der Rückbank eines Wagens in den Armen von Christina liegt. Je weiter der Film fortschreitet, desto klarer fügen sich die einzelnen Fragmente des Puzzles in ein größeres Bild, desto deutlicher wird, wie klug die Anlage des Dramas dreier Lebenswege von Drehbuchautor Guillermo Arriaga entworfen ist. Sicher, man mag einwenden, dass „21 Gramm“ mit diesem geschickten Kunstgriff von einem simplen Thrillerkern ablenken will.

Tatsächlich wirken die Figuren – der manisch religiöse Ex-Knacki, die traumatisierte Familienmutter und der dem Tod geweihte Mathematiker – , betrachtet man sie isoliert, zuerst nicht sonderlich originell, eher wie überdosierte Stereotype. Das gilt gerade für Benicio Del Toros Rolle des zwanghaft Bekehrten, der „Faith“ als Popgraffiti selbst auf dem Heck seines bulligen Trucks und tätowierte Kruzifixe auf den Armen haben muss. Aber die Besetzung von Iñárritus´ Sühne- und Abgrundsdrama ist sagenhaft und lässt diese Mängel letztlich vergessen. Benicio del Toro, Naomi Watts und Sean Penn bringen gemeinsam eine der beeindruckendsten Leistungen der letzten Zeit und ziehen den Zuschauer unerbittlich, fast unerträglich in den Empfindungssog der Figuren, und das ohne jedes Pathos. Innere Verzweifelung, Ausweglosigkeit, Kampf und für Momente auch Hoffnung vermittelt sich weniger über das Gesagte als durch Mimik und Gestik, wenngleich der hysterische Ausbruch Naomi Watts eine der wuchtigsten Szenen und auch Schlüssel zur Oscarnominierung ist. Man könnte Iñárritus anlasten, dass jeder Blick unbedingt symbolischer und bedeutungsschwängerer als der vorige sein muss. Doch bedeutet Mitfühlen hier eben auch Mitdenken.

Die extremen Gefühlslagen reflektiert auch betont düsteren Formsprache von „21 Gramm“. In Dogma-Manier rückt Iñárritus seinen Protagonisten mit wackelig-grobkörniger und unterbelichteter Handkamera zu Leibe, was jedoch mehr als billiger Effekt ist. Mit sezierendem Blick scheint die Kamera in die Seelen vordringen zu wollen, viele Geheimnisse bleiben aber bestehen. In jedem Fall verstärkt die finstere und demonstrativ unästhetische Bildkomposition den nihilistischen Grundton des Streifens, der sich in der Auflösung, als aus dem Off versucht wird, über die Symbolik der titelgebenden „21 Gramm“ zu sinnieren, in plakative philosophische Stichwortgeberei verliert. Wegen der eindringlichen Darstellerleistung und der geschickten Zusammenfügung des gepuzzleten Erzählgerüstes berührt Iñárritus aber auch hier. Der Film, in dem es niemals wirklich hell zu werden scheint, ist harter Tobak und wie es sich für Leiden auf hohem Niveau gehört auch ohne eindeutige Läuterung. Finsterer kann Iñárritus´ dritter Film kaum werden. Sollte er auch nicht. Trotzdem vereint „21 Gramm“ Thrillerelemente, Psychodrama und den Anstoß zum Versinken in Leben, Sterben und die Menschlichkeit dazwischen auf bestechende Weise.

Ausgetüfteltes Depressionskino mit hervorragenden Darstellern


Flemming Schock