Jersey Girl

USA, 102min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Kevin Smith
B:Kevin Smith
D:Ben Affleck,
Jennifer Lopez,
Raquel Castro,
Liv Tyler,
George Carlin
L:IMDb
„Men cannot live on porn alone.”
Inhalt
Ollie Trinke (Ben Affleck) scheint es geschafft zu haben. Als einer der beliebtesten und erfolgreichsten PR-Profis in Manhattan berät er die Musikbranche. Doch als sein Bilderbuchleben auf tragische Weise endet und Ollie plötzlich als allein erziehender Vater dasteht, brennen sämtliche Sicherungen durch. Im Handumdrehen ist sein glamouröses Großstadtleben nur noch eine blasse Erinnerung. Ollie verliert Job, Wohnung und schließlich sein Selbstvertrauen. Er zieht zurück zu seinem Vater (George Carlin) in jenen biederen Vorort nach New Jersey, in dem er seine Kindheit verbrachte. Der absolute Tiefpunkt in Ollies Leben ist erreicht. Aber die Jahre vergehen und Ollie schmiedet neue Pläne für seine Zukunft in Manhattan. Doch wie soll er seiner Tochter Gertie (Raquel Castro) das lieb gewonnene Kleinstadtleben in Jersey wieder abgewöhnen? Und dass er in seiner Stammvideothek auf die selbstbewusste Maya (Liv Tyler) trifft, die sein Herz in Aufruhr versetzt, vereinfacht die Sache auch nicht gerade.
Kurzkommentar
Viele werden Kultregisseur Kevin Smith ("Clerks", "Dogma") vorwerfen, sich mit diesem Film vollständig verkauft und seine bisherigen Prinzipien gnadenlos über Bord geworfen zu haben, aber "Jersey Girl" ist von einer Ehrlichkeit und Direktheit, von der man schamlos gerührt sein darf. Der eigentlich gänzlich konventionellen und formelhaften Romanze gelingt somit etwas, was den zahllosen Konkurrenten oftmals vorbehalten bleibt: Persönlichkeit.
Kritik
Die Luft war sichtbar raus aus Kevin Smiths originärem Oeuvre, das bewies "Jay and Silent Bob strike back" - Smiths Hommage an die Charaktere, die ihn groß gemacht haben - deutlich. Darsteller Jason Mewes und Smith selbst waren mittlerweile einfach zu alt, um noch jeden Scherz mitzunehmen, der sich nur irgendwie vulgär und kraftmeierisch äußern ließ. Dementsprechend hoffnungsvoll nahm man 2001 die Credits zu "Jay and Silent Bob strike back" zur Kenntnis, bittend, dass Smith sein unbestreitbares Talent für absurden Wortwitz und ironische Reverenz endlich mal abseits eines "Geek"-Films zu nutzen verstehen möge. "Jersey Girl" ist dann das, was aus dieser Hoffnung geworden ist, aber sicher kaum das, was sich seine Fans insgeheim von ihm gewünscht haben. Schlecht muss das aber ja nicht sein.

Was zunächst einmal verwundert, sind die absolute Formelhaftigkeit und Konventionalität, mit der sich "Jersey Girl" als total unaufgeregte, romantische Komödie zu erkennen gibt und dann auch noch ohne jede Ironie bis zum Ende hin durchhält. Als drehe er eine Auftragsarbeit für seinen Distributor Miramax, inszeniert Smith die hübsche, aber doch unspektakuläre Geschichte eines Mannes, der nach dem Tode seiner Frau sein Yuppie-Dasein überkommen und zurück zu seinen familiären Wurzeln finden muss - ganz so als habe Smith die arg strapazierten, amerikanischen Vorstellungen von Familie und Moral gerade erst für sich entdeckt. Hinzukommt, dass ausgerechnet "Goldene Himbeere"-Kandidaten Ben Affleck und Jennifer Lopez die Hauptrollen in dieser romantischen Komödie zu übernehmen scheinen - jenes Paar, das sich noch am Set zu "Gigli" heftigst ineinander verknallte und fortan die Klatschpresse beherrschte. Ein Umstand, von dem sich Martin Brests Film nie erholen konnte und nicht zuletzt dazu führte, dass "Gigli" seitdem munter bei den 100 schlechtesten Filmen der IMDb mitmischt.

Aber Smith, der im Presseheft von seinem Film selbst sagt, "Jersey Girl" sei wohl kaum sein bislang witzigster oder originellster Film, dafür aber sein persönlichster, versteht eine vermeintlich banale Lektion: ehrlich währt am längsten. So muss man schon lange im Archiv der amerikanischen Mainstream-Familienfilme suchen, um derart liebevoll gezeichnete Charaktere zu entdecken, derart gutmütige Väter und derart niedliche Töchter - ohne enervierend zu wirken, versteht sich. So zeichnet Smith, dessen Vater kurz vor Veröffentlichung des Films starb und dessen Persönlichkeit maßgeblich zum Drehbuch beigetragen hat, zwar nahezu alle seine Figuren hoffnungslos romantisch und geradezu disney'isch-süßlich, aber das auf eine grundsympathische und durchaus märchenhaft-überhöhte Art. Trotz der Verankerung der Geschichte in Smiths Heimat New Jersey, erhalten die Konstellationen somit etwas universales und zeitloses, zumal Smith es gekonnt versteht, alten Klischees neues Leben einzuhauchen.

Symptomatisch ist hier etwa der Schlussakt, indem Ollie Trinke gleich drei der üblicherweise reichlich abgedroschen Auflösungen einer gängigen, romantischen Komödie durchleben muss: die Entscheidung zwischen Beruf und Familie und zwischen Stadt und Land, der Zeitdruck, rechtzeitig zur Schulaufführung seiner Tochter zu kommen, und das peinliche Durchleben eben jener Aufführung. Hier trägt Smith knüppeldicke auf, siegt aber doch, weil er es über die Konzentration dieser Schemata versteht, ihre Bedeutung wieder zu beleben, und weil er mit Ben Affleck die ideale Besetzung für diese neokonservative Geschichte gefunden hat: wem, wenn nicht ihm ist karrieregeile Ellenbogenmentalität ebenso ins Gesicht geschrieben wie naives Gutmenschtum?

Bei aller Schablonencharakteristik kann man "Jersey Girl" so gesehen durchaus Inspiration unterstellen, zumal Smith in den Schlussmomenten unmissverständlich klarmacht, dass es ihm hier nicht primär um die Neuauflage der x-ten, romantischen Komödie geht, sondern um eine Ode an die Familie: nicht der erwartete Schlusskuss mit Liv Tyler bildet die letzte Einstellung, sondern Vater und Tochter, die es geschafft haben, einander zu respektieren. Sowas kann man zweifelsohne Kitsch nennen, aber sage niemand, dass es keine Leistung sei, Ben Affleck, Jennifer Lopez und ein neunmalkluges Kind gänzlich harmonisch in einem Film unterzubringen.

Konventionelle, doch sehr offenherzige und sympathische Romanze


Thomas Schlömer