Day After Tomorrow, The

USA, 124min
R:Roland Emmerich
B:Roland Emmerich
D:Dennis Quaid,
Jake Gyllenhaal,
Emmy Rossum,
Sela Ward
L:IMDb
„Ich hol dich da raus!”
Inhalt
Was wäre, wenn wir am Anfang einer neuen Eiszeit stünden? Diese Frage lässt dem Klimaforscher Jack Hall (Dennis Quaid) keine Ruhe. Seine Untersuchungen haben nämlich ergeben, dass die globale Erwärmung einen plötzlichen und katastrophalen Umschwung im Klima des Planeten auslösen könnte. Bohrungen im antarktischen Eis beweisen: So etwas geschah schon einmal vor zehntausend Jahren. Daher informiert der Wissenschaftler die zuständigen Stellen über die Möglichkeit eines drohenden neuen Klima-Umschwungs, wenn nicht schnell etwas unternommen wird. Doch seine Warnungen kommen zu spät. Alles beginnt, als Hall beobachtet, wie ein Eisberg von der Größe Rhode Islands vom antarktischen Schelfeis abbricht. Plötzlich spielen sich rund um den Globus immer gewaltigere Unwetter ab: Grapefruitgroße Hagelkörner prasseln auf Tokio nieder, Wirbelstürme ungeahnter Größe fegen über Hawaii hinweg, Schnee bedeckt Neu-Delhi und Tornados hinterlassen Verwüstungen in Los Angeles.
Kurzkommentar
Emmerichs neues Katastrophenspektakel gleicht seinen vorigen - »The Day after Tomorrow« ist gewissermaßen »Independence Day« ohne Aliens. Filmische Innovationen sind also Mangelware, dennoch funktioniert der Film unter dieser Vorgabe ganz ordentlich, zumal die Thematik allein schon für eiskalte Schauer sorgt.
Kritik
Emmerichs größer Verdienst, der den Film schon allein deswegen sympathisch macht, ist die Aufbereitung eines ernst zu nehmenden Themas für einen Hollywood-Blockbuster und die recht schonungslose Darlegung der verfehlten Klimapolitik insbesondere der USA. Große Subtilität ist dabei nicht zu erwarten: Der amerikanische Präsident ist eine machtlose Puppe, der Vizepräsident ein skrupelloser, kapitalistischer Machtpolitiker – irgendwie wie im richtigen Leben.

Insbesondere der Beginn des Films lässt doch einiges Unbehagen aufkommen, denn die geschilderten Veränderungen sind zu diesem Zeitpunkt entweder bereits Realität oder sind in absehbarer Zeit zu erwarten; richtiges Popcorn-Feeling mag sich da gar nicht einstellen, und das ist vielleicht gar nicht so schlecht. Später gleitet der Film dann – notwendigerweise – in die wissenschaftliche Unglaubwürdigkeit ab, aber dieser Vorwurf wird letztlich durch die dramaturgischen Regeln des Films entkräftet. In der realen Welt mögen die geschilderten Klimaveränderungen Jahrhunderte oder Jahrtausende in Anspruch nehmen, für einen zweistündigen Film müssen sie auf ein handhabbares Maß gestutzt werden. Akzeptiert man diese handlungslogische Prämisse, bleibt der Rest durchaus glaubwürdig. Schade ist jedoch, dass dem Zuschauer durch die offensichtliche Unwirklichkeit ein wenig das beklemmende Gefühl der realen Gefahr genommen wird – schon hört man die ewigen Leugner ihr Mantra vortragen, die Auswirkungen der Klimaveränderungen seien sowieso unbewiesen und in jedem Fall zu langfristig um jetzt Handlungen von uns zu erfordern.

In großer Ähnlichkeit zu »Independence Day« illustriert Emmerich im weiteren Verlauf die Auswirkungen der Katastrophe an einem Einzelschicksal, bereichert durch gelegentliche Schnitte auf unterstützende Figuren. Auch hier gilt: Die Handlung ist platt, aber sie funktioniert durchaus. Vater will Sohn retten, um damit seine Versäumnisse bei der Erziehung wieder gutzumachen, der schüchterne Sohn wächst über sich hinaus und rettet nicht nur alle seine Freunde sondern erobert auch noch seine Angebetete, und die grundgute Mutter kümmert sich selbstlos um die kranken Kinder ihres Hospitals – der Klischeesaft trieft nur so aus allen Ritzen und Spalten, aber erstaunlicherweise gelingt es den Stars der zweiten Reihe (Dennis Quaid, Jake Gyllenhaal), diese stereotypen Charaktere hinreichend glaubwürdig zu vermitteln.

Zwischendrin präsentiert Emmerich gut platziert die eine oder andere unerwartete Idee, und so bleibt das Spektakel trotz einer gewissen Vorhersehbarkeit unterhaltsam. Mit dazu trägt auch ein gewisser bissiger Sarkasmus bei, den Emmerich immer dann aufblitzen lässt, wenn er die große Eiszeit über »God's Own Country« kommen lässt. Die Aussicht, auf der Flucht die mexikanische Grenze in der entgegengesetzten Richtung überqueren zu müssen, könnte die amerikanischen Zuschauer nachhaltiger traumatisieren als die reale Klimagefahr. Mit einer anständigen Portion Kulturarroganz lässt sich also festhalten: Ein solides Hollywood-Spektakel für uns, aber ein wichtiger Erziehungsfilm für Amerika!

Ernstes Thema in krachender Action-Umsetzung


Wolfgang Huang