Haus aus Sand und Nebel
(House of Sand and Fog, The)

USA, 126min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Vadim Perelman
B:Andre Dubus, Vadim Perelman
D:Ben Kingsley,
Jennifer Connelly,
Ron Eldard,
Shohreh Aghdashloo
L:IMDb
„You have my respect for your heart”
Inhalt
Kathy Nicolo (Jennifer Connelly) ist von ihrem Mann verlassen worden, seitdem Alkoholikerin und zahlungsunfähig. Durch Nachlässigkeit verliert sie ihr Haus, das zur Versteigerung freigegeben und direkt von dem Ex-Iraner Amir Behrani (Ben Kingsley) für seine Familie erworben wird. Kathy versucht allerdings mit allen Mitteln und mit persönlicher Unterstützung des Polizisten Lester (Ron Eldard), ihre Eigentum zurückzubekommen. Es entbrennt ein hartnäckiger Konflikt.
Kurzkommentar
Wieder glückt ein Erstlingsfilm. Mit der Romanadaption „House of Sand and Fog“ schafft der Ukrainer Vadim Perelman dank exzellenter Besetzung und geschickt inszenierter moralischer Distanz eine absorbierende, konsequente Tragödie. Trotz einer nicht optimal entwickelten Spannungskurve sticht der elegisch-schöne und stimmungsdichte Film um den nicht gewollten Konflikt verschiedener Träume aus der Masse sonstiger Dramen positiv hervor.
Kritik
Frischer Wind in Hollywood? Es wäre schön, wenn daraus eine Tendenz würde: Dass Debütfilme nicht nur eine eigene Handschrift tragen, sondern dass sie dabei auch noch als Film insgesamt überzeugen oder doch Potential erkennen lassen. Bei dem leichtgängigen Stilexperiment „Sky Captain“ z.B. ist das nun sicher aus anderen Gründen der Fall als in Michael Mayers „Ein Zuhause am Ende der Welt“ oder im elegischen „House of Sand and Fog“. Aber in allen Fällen lässt der Name des Regisseurs aufhorchen. Vadim Perelman kommt aus Kiev und hat sich für seinen ersten Film, die Adaption eines Romans von Andre Dubus, die volle Kontrolle gesichert, indem er auch gleich das zugehörige Drehbuch verfasste. Das hätte satt ins Auge gehen könne, aber als ausgefallenes, mutiges Drama ist „House of Sand and Fog“ durch mehrere Momente ein bemerkenswerter Film geworden.

Das beginnt bei der Besetzung. Ben Kingsley und Jennifer Connelly haben gemeinsam, dass sie beide Ausnahmedarsteller, sympathisch bescheiden und doch weiterhin unterschätzt sind. Kingsley bekam für „Ghandi“, die Rolle seines Lebens, bekanntermaßen den Oscar, was lange zurück liegt. Seitdem verdingte er sich z.T. in ziemlich fragwürdigen Streifen weit unter Niveau. Jennifer Connelly wurde für ihre Darstellung in „A Beautiful Mind“ mit dem Oscar als beste Nebendarstellerin ausgezeichnet, konnte bis heute aber nicht den großen Durchbruch feiern. Als ungewollte Kontrahenten in sich tragisch zuspitzenden Verwicklungen machen sie „House of Sand and Fog“ zum schauspielerischen Ereignis. Regisseur Perelman zeigt Qualität dadurch, dass sein Film dem Optimismus üblicher Hollywood-Dramen völlig zuwiderläuft und – besonders das – den Zuschauer moralisch nicht bei der Hand nimmt.

Dramaturgisch hätte das Ganze denn auch schnell misslingen können, weil Geschichte und konstruierte Konfliktsituation grundsimpel sind. Es wäre ein Einfaches gewesen, den Zuschauer auf die Seite des ihr letztes Refugium betrogene Kathy zu bringen und die Figur des fremden und schon dadurch suspekten Behrani als niederträchtigen Antagonisten zu installieren. Zuweilen scheint das zu erfolgen und der Zuschauer neigt für Momente restlos zur Empfindung Kathys, obwohl auch sie nicht unschuldig am Zustandekommen des situativen Dilemmas ist. Doch Perelmans Film, der mit verstörender Ruhe davon erzählt, wie Leben unter einer unheilvollen Verkettung unglücklicher Umstände zerbrechen, umläuft eine feste Positionierung und pauschale Erklärung seiner Figuren. Programmatisch gibt er sie nur sehr zögerlich preis.

So erfährt der Zuschauer über die emotionale und soziale Isolation Kathys ebenso wenig wie über die eigentlichen Motive und die präzise Situation der iranischen Familie, die, geflohen aus ihrer Heimat, in den USA gegenüber der reichen Familie ihrer verheirateten Tochter unter Aufopferung und Angst vor Ehrverlust den Schein eines verlorenen Lebensstandards verteidigt. Aus dieser vagen Ahnung heraus, die der Regisseur aber nie in extenso ausbuchstabiert, wächst das Mitgefühl mit der moralisch im Kern integeren und mitfühlenden Familie, die gegen die Widrigkeit ihrer unsteten Existenz um aufrechte Haltung und kulturelle Identität ringt. Es ist gerade das permanent Rätselhafte, das Changieren zwischen ethischem Bewusstsein und dann wieder egoistischem Stolz, selbst auferlegter Härte und „innerer Emigration“, das der Zuschauer zunehmend absorbiert. Kingsley brilliert als Behrain, der seine tief humanen Züge hinter einer zweckmäßig-zielgerichteten Fassade verbirgt.

Nicht weniger brillant besetzt sind die Nebenrollen. Die Iranerin Shohreh Aghdashloo überzeugt mit außergewöhnlicher Glaubwürdigkeit als Frau Behrains. Das drang selbst bis zur Academy vor: Sie bedachte die 46-jährige Aghdashloo dafür mit einer Oscarnominierung für die beste Nebenrolle. Und auch Ron Eldard, bisher nur beiläufig im Kino, verleiht seiner Figur des Polizisten und deren aus Liebe zu Kathy erwachsenden, jedoch unmoralischen Gerechtigkeitssinn klare und sichere Züge. Die Einschaltung der Figur des Polizisten Lester war dramaturgisch nahe liegend, weil der Konflikt zwischen Kathy und Behrain sonst zu schnell hätte vorangebracht werden müssen. So gewinnt „House of Sand and Fog“ durch das Hinzufügen einer weiteren Figur und ihrer Sehnsüchte die nötige Ruhe und Distanz, weil Perelman damit zwei parallele Handlungsstränge mit dem Konflikt um das Haus verknüpfen und entwickeln kann.

Connelly gibt ihre Figur der biographisch gescheiterten, verlorenen und doch hoffenden Ex- Alkoholikerin großartig und bildet den emotionalen Angelpunkt des Streifens. Dennoch zeichnet sich Perelmans Umsetzung, wie angedeutet, vor allem dadurch aus, dass er so intensiv wie in letzter Zeit kaum ein anderer Film den Zuschauer im Hinblick auf die moralische Identifikation mit den Figuren in ein ständiges Hin- und Hergerissensein wirft. „House of Sand and Fog“ entwirft einen ganzen Sog tragisch sich zuspitzender, auf Missverständnissen beruhender Verwicklungen. Das ist nicht restlos plausibel, auch nicht ohne Längen, insgesamt aber immer wirkungsvoll. Perelman hat damit sicher kein Film für entspannte Stunden geschaffen, aber seine Tragödie der vor allem auch inneren Konflikte ist um das Schicksal ihrer äußerst bewegenden Figuren bemüht, sehr stilsicher und damit erfrischend ungewöhnlich.

Bestens gespielte, sorgfältig inszenierte Tragödie


Flemming Schock