Kill Bill: Volume 2

USA, 136min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Quentin Tarantino
B:Quentin Tarantino
D:Uma Thurman,
David Carradine,
Michael Madsen,
Daryl Hannah,
Sonny Chiba
L:IMDb
„There are consequences to breaking the heart of a killer”
Inhalt
Der Blutdurst der Braut (Uma Thurman) ist noch nicht gestillt. Vier Jahre zuvor hatten ihr ehemaliger Geliebter Bill (David Carradine) und dessen Deadly Viper Assassination Squad am Tag ihrer Hochzeit ihren Verlobten, vermeintlich ihr ungeborenes Baby getötet und die Braut selbst sterbend zurückgelassen. Nachdem sie aus dem Koma erwacht war, hatte sie in Japan O-Ren Ishii (Lucy Liu) und in einer kalifornischen Vorstadt Vernita Green (Vivica A. Fox) im Duell ausgelöscht. Nun stehen noch drei weitere Namen auf der Todesliste der Braut: Bills heruntergekommener Bruder Budd (Michael Madsen) und ihre ewige Rivalin Elle Driver (Daryl Hannah) müssen beseitigt werden, bevor sie sich Bill in dessen Unterschlupf in Mexiko vornehmen kann. Auf dem dornigen Weg wartet so manche Überraschung auf die Rächerin ... und die schockierende Erkenntnis, dass ihre Tochter am Leben ist und von Bill großgezogen wird.
Kurzkommentar
Reifer und ernster als der erste Teil verabschiedet sich Tarantino überraschend vom pubertären Charakter des Vorgängers und dekonstruiert unerbittlich die Übermenschlichkeit seiner Superheldin. Weniger Action, dafür mehr Dialog, weniger Coolness, dafür mehr Realismus. Vor allem psychologisch ist „Kill Bill Vol. 2“ wesentlich ausgefeilter als die meisten Genre-Filme und erstaunt außerdem mit einer gehaltvollen Liebesgeschichte. Freunde des ersten Teils dürften sich vielleicht enttäuscht fühlen, Feinde des ersten entsprechend positiv überrascht.
Kritik
Quentin Tarantino überrascht doch immer wieder. Der wegweisenden Stilübung „Pulp Fiction“ folgte der unerwartet reife, legere „Jackie Brown“, dem überraschend dialogarmen und juvenilen ersten Teil von „Kill Bill“ folgt nun ein härterer, weitaus weniger comichafter zweiter Teil. Da stellt sich unmittelbar die Frage, wie das wohl vom Publikum aufgenommen werden wird, erwartet man bei einer Fortsetzung doch eigentliche die konsequente Hervorhebung der Elemente, die einen ersten Teil so ausgezeichnet haben. Insbesondere wenn es sich, wie im Falle von „Kill Bill“, genau genommen nur um einen einzigen Film handelt, der aus ökönomischen Gründen aufgeteilt wurde.

Tarantino aber legt eine beachtliche Kehrtwende hin, reduziert Action und Anzahl der Leichen ums wesentliche, verleiht seinen Figuren unerwartete Tiefe und erlaubt sich am Ende sogar etwas Sentimentalität. Die lustvolle Kinetik des ersten Teils wird ausgetauscht gegen einen düsteren, teils sado-masochistischen, psychologisch äußerst brutalen Realismus. Das zeigt sich schon im Namen der „Braut“: aus der „Black Mamba“ wird Beatrix Kiddo, eine reale Person, nun genauso verletzbar wie jeder ihrer Gegner und keineswegs mehr die Superheldin, die im ersten Teil noch unaufhaltsam 88 wildgewordene Leibwächter niedergemetzelt hat. Und so muss Kiddo auch jede nur erdenkbare Qual über sich ergehen lassen: der Schuss einer abgesägten Schrotflinte, eine lebendige Begrabung, ein äußerst brutaler Kampf gegen Elle Driver, dazu weitere Rückblenden zu schmerzhaften Momenten wie dem Training mit Meister Pai Mei oder dem Massaker in der Kapelle.

Körperliche Brutalitäten aber hatte auch schon der erste Teil zu bieten und das war nicht weiter schlimm, denn die stilistische Leichtfüßigkeit tröstete problemlos über jeden vermeintlichen Schmerz hinweg. Jetzt aber tritt die Coolness – so sie natürlich noch immer vorhanden ist – hinter echtem Interesse an den Charakteren zurück, wird der Film vor allem psychologisch unerbittlich. Vor allem das Kapitel „Das einsame Grab der Paula Schultz“ zeugt hier vom nicht zuletzt sado-masochistischen Charakter Tarantinos: wie er den Horror einer lebendigen Begrabung auskostet trägt schon perfide Züge – auch wenn er die Situation meisterhaft einfängt. Aber auch Momente, die im ersten Teil nur „einfach cool“ oder zumindest schwarzhumorig gewirkt hätten, zeichnet nun ein finsterer Realismus aus: Michael Madsens Charakter Budd wird als heruntergekommener Alkoholiker entlarvt, der in einem Striplokal arbeitet und sich von einem wichtigtuerischen Chef Befehle geben lassen muss und die kaltblütige Elle Driver, deren Einäugigkeit im ersten Teil nur aus purer Coolness zu existieren schien, wird im finalen Aufeinandertreffen mit der „Braut“ nun auch einen ganz besonderen, psychologischen Schmerz erfahren müssen.

Es ist jedenfalls erstaunlich mit welcher Striktheit sich die beiden Teilen als trennbar erweisen und dennoch eine Art Yin und Yang Dualität bilden. Dominiert im ersten Teil mit der alleinigen Fokussierung auf die Braut die weibliche Komponente das Geschehen, schwenkt der zweite eher zum Maskulinen, zu Bill, seiner Verführungskunst um. Das Aufeinandertreffen der beiden Welten ist dann in der letzten, halben Stunde auch das Spannendste am ganzen Film und Tarantino weiß genau, dass sich der Konflikt nicht mit dem Schwert lösen lässt. Stattdessen entpuppt sich die Beziehung der beiden als eine der interessantesten Liebesgeschichten der letzten Zeit, zeugt die Begegnung mit Themen wie Familie, Mutterschaft, Vergebung und Vergeltung abermals vom schon immer moralischen Charakter Tarantinos. Wie er es hier versteht, einer vermeintlichen Action-Saga unerwartete Tiefe abzugewinnen, zeigt außerdem seine Könnerschaft. Bill liebt Beatrix, Beatrix liebt Bill, beide haben aber auch gute Gründe, sich aufs tiefste zu verachten. Man spürt im Dialog der beiden – allem Haß und aller Brutalität zum Trotz – ja doch immer noch die Zuneigung zueinander, den Wunsch nach einem gemeinsamen, glücklichen Dasein. Im Herzen sind aber auch beide kaltblütige Killer, besessen von der Vorstellung, Rache ausüben zu müssen und nicht vergeben zu können. Dass sie über ihre Ehre und Brutalität hinaus also nicht zueinander finden können, ist die schmerzhafte und in gewissem Sinne auch entlarvende Erkenntnis des Films: trotzdem Beatrix als Siegerin des Duells hervorgeht und ihre Tochter wieder in Armen halten kann, liegt sie am Ende aufgelöst auf dem Fußboden und weint ihrem Geliebten nach. Trotz der Sentimentalität ein ehrlicher, überraschend reifer Moment.

Im Nachhinein wäre es spannend gewesen, vielleicht doch nur einen einzigen „Kill Bill“ gesehen zu haben, weil man den deutlichen Stimmungswechsel wohl nicht so stark wahrgenommen und die Entwicklung der Charaktere besser im Kontext hätte beurteilen können. So hätten Momente wie der, indem die kleine Tochter der gleich zu Beginn ermordeten Vernita Green den Tod der eigenen Mutter beobachten musste, vielleicht eine größere Wirkung entfalten können, denn rückblickend war dieser Moment ja auch nur eine Version des Auslösers, der Beatrix Kiddo zu ihrem Rachefeldzug veranlasst hatte. Aber auch so ist Tarantino Respekt zu zollen, den Superhelden-Status seiner Heldin derart konsequent zu demontieren und letzten Endes dann doch nicht die reine Stilübung abgeliefert zu haben, als die sich der erste Teil angekündigt hatte. Als Gesamtfilm kann „Kill Bill“ damit nicht nur als Beleg für Tarantinos außergewöhnliches Regie-Talent gelten, sondern auch als eine der kompetentesten Genre-Verschränkungen der jüngeren Kinogeschichte.

Ungewöhnlicher, reifer Genre-Mix, meisterlich geschrieben und inszeniert


Thomas Schlömer