Lautlos

Deutschland, 94min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Mennan Yapo
B:Lars-Olaf Beier
D:Joachim Król,
Nadja Uhl,
Christian Berkel,
Rudolf Martin
L:IMDb
„Ein Kind und ein Killer. In einer Person.”
Inhalt
Die beinahe unmögliche Liebesgeschichte zwischen dem Profikiller Viktor und der geheimnisvollen Nina. Gejagt von der Polizei, müssen die zwei über sich hinauswachsen, um sich nicht zu verlieren. Nina erlebt, dass ein Mann bereit ist, alles für sie zu riskieren und Viktor, dessen Leben vom Tod beherrscht war, erfährt erstmals die Liebe.
Kurzkommentar
X-Filme und Kinodebütant Mennan Yapo versuchen sich an einer Wiederbelebung des Genre-Kinos in Deutschland und machen das gar nicht mal schlecht. Mit treffender Besetzung, gekonntem Handwerk und solider Geschichte gelingt ihnen ein reizvoller Thriller. Die Gefahr, zwischen Kunst und Kommerz stecken zu bleiben, besteht zwar, aber letztlich können sie viele Kritikpunkte dank einer parabelhaften, traumartigen Atmosphäre ad absurdum führen.
Kritik
In Mennan Yapos Kinodebüt spürt man in jeder Sekunde die Motivation, alle üblichen Probleme des „deutschen Films“ umgehen und „echtes“, großes Kino machen zu wollen. Die Ästhetik ist ausgefeilt, die Figuren klar, die Dramaturgie sicher. Jede Verlagerung der Tiefenschärfe zieht Aufmerksamkeit auf sich, jeder Beat der überwiegend elektronischen Musik unterstreicht die subtile Spannung des Films. „Lautlos“ möchte professionell und modern zugleich sein, ein Hochglanz-Thriller, gleichzeitig ein purer Genre-Film wie ein hochgezüchtetes Kunstprodukt. Yapo und Drehbuchautor Lars-Olav Beier wollen nicht nur beweisen, dass auch in Deutschland handwerklich versierte Thriller möglich sind, sie wollen dem Genre sogleich noch ein weiteres, bemerkenswertes Mitglied hinzufügen.

Schaut man nun allzu genau hin, könnte man schnell den Spielverderber mimen und „Lautlos“ - all seinen vorhandenen Kompetenzen zum trotz – als über weite Teile gescheitert bezeichnen. Zu leicht machen es einem Yapo und Beier, wenn sie den Charakteren Dialoge in den Mund legen, die derart geschliffen und unwirklich daherkommen, dass man ihnen problemlos jedwede Glaubwürdigkeit absprechen könnte. („Ich konnte es mir nicht mehr nehmen.“ – „Was?“ – „Das Leben. Es war schon weg.“) Zu offensichtlich schielen sie auf lobende Worte ob ihrer professionellen Photographie, ihrer kalkulierten Inszenierung oder ihrer gegen die üblichen Rollen besetzten Darsteller. Zu sehr zelebrieren Yapo und Beier die Faszination des Themas „Profikiller“, deren moralischen Impetus, sowie die alles erlösende Kraft der Liebe: der Mann, der üblicherweise Leben nimmt, wird für eine Frau nun zum Lebenssinn, zum Lebensspender.

Und doch wäre es gleichzeitig unfair wie zynisch, „Lautlos“ seine allzu großen Ambitionen zum Vorwurf zu machen, seinen Willen, die deutsche Kinolandschaft mit einem Mal auf internationales Niveau zu heben, zu belächeln. Yapo macht vieles richtig, etabliert etwa die deutsche Kriminalpolizei – sonst Gaglieferant jeder zweiten Komödie oder konventioneller Serienstoff mit Schmusecharakter – als hochmotivierte und kompetente Institution, die selbst einem übermenschlichen Profikiller wie Victor auf den Fersen bleiben kann. Oder er inszeniert innerhalb des Genres sonst so konventionelle Spannungsmomente wie die subtile Anfangssequenz oder die Ermordung des feindlichen Russen mit einer Sicherheit (aber auch Gewitztheit), die man zuletzt nur noch bei Brian de Palma beobachten konnte („Femme Fatale“). Oder er nutzt das Cinemascope-Format, so dass es sich endlich mal lohnt: Hochglanz-Optik, elegische Kamerafahrten, sogartige Atmosphäre.

Hinzukommt, dass sich Yapo und Lars-Olav Beier auf geschickte Weise vor der üblichen, moralisch einwandfreien Botschaft sträuben können, indem sie ihrem Film eine traumartige Stimmung verleihen, die jedwede Verankerung in der Wirklichkeit – und damit jedwede Kritik aufgrund mangelnden Realismus oder bedenklicher Moral – aus den Angeln hebt. Jedem Satz wohnt etwas Parabelhaftes inne, jedem der streng komponierten Bilder haftet die Unwirklichkeit an, kaum etwas wird konkretisiert: die Stadt bleibt namenlos, die frühreren Aufträge Victors werden ausgeblendet, das Schlussbild ist kitschige Werbeästhetik. Es gibt ebenso wenig einen Konflikt zwischen dem erfahrenen Profiler und seinem neuen, blutjungen Kollegen wie es eine rationale „Erklärung“ für die Gefühle zwischen Victor und Nina gibt. „Lautlos“ ist ganz und gar fiktional und findet nicht in dieser Welt statt. Trotzdem bleibt er spannend und trotzdem fiebert man mit. Das verdient Anerkennung und Respekt.

Spannender, wenn auch etwas überambitionierter Genre-Film


Thomas Schlömer