Elephant

USA, 81min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Gus Van Sant
B:Gus Van Sant
D:Alex Frost,
Eric Deulen,
John Robinson,
Elias McConnell,
Jordan Taylor
L:IMDb
„Heute werden wir sterben. Aber hab deinen Spaß.”
Inhalt
In Portland, Oregon, scheint an einer High School ein Tag wie jeder andere angebrochen. Aber er ist es nicht.
Kurzkommentar
Der „Good Will Hunting“-Regisseur überrascht mit einem filmischen Wagnis, das zum Gewinn in Cannes führte. Gegen jedes Prinzip von Unterhaltung und Dramaturgie inszeniert er einen symbolisch-meditativen Kommentar zum Massenmord an der High School in Columbine.
Kritik
Kurz vor dem Massaker sollen die beiden Schüler noch Bowling gespielt haben, ganz unauffällig, ganz so, als ob sie das, was sie wenig später an der High School in Columbine anrichteten, Ergebnis innerer Seelenruhe war. Das gab Michael Moores „Bowling for Columbine“ seinen Titel. Der Film suchte nach einer möglichen Erklärung für das eigentlich Unerklärliche. Das macht die Tat von Columbine und auch Erfurt so verstörend. Die Frage, wie sozial unauffällige Kinder zu Massenmördern mutieren können, bot Moore dabei nur den Ausgangspunkt. Er nahm satirisch gleich die amerikanische Gesellschaft, eine vermeintlich per se gewalttätige, dokumentarisch in den Blick und formulierte provokativ: dass in Amerika jährlich tausende durch Schusswaffen zu Tode kommen, liegt nicht an der Menge der Waffen, daran, dass man sie selbst bei Wal Mart kaufen kann, sondern an einer angstneurotischen Gesellschaft, Ergebnis gezielter politischer Demagogie.

Also ist die Gesellschaft generell schuld? Oder waren Columbine und Erfurt einfach nur Einbrüche des singulär Bösen? Während die toten Massenmörder dann zu Medienhelden weitermutierten, brach die Suche nach sicheren Antworten geradezu hysterisch aus, verschiedene Sündenböcke, so die Gewaltvideos und Computerspiele, wurden gefunden. Deren Anhänger schlugen angesichts pauschaler Verdammung nicht ungerechtfertigt zurück. Und indessen hatten Presse und Fernsehen die Biographien der Täter voyeuristisch psychologisierend seziert und meinten ebenso Sicherheit spendende Erklärung der Psychopathen anbieten zu können. Geblieben ist davon nichts, nur die Angst einer Kopie des schon Geschehenen. Wer dann einen Film als Momentaufnahme eines einzigen Tages an einer High School dreht, an dessen Ende ein fiktives Massaker steht, sieht sich implizit mit zwei Vorwürfen konfrontiert: zum einen, wie so etwas, da jeder Film letztlich Unterhaltung bleibt, moralisch zu rechtfertigen ist und zum anderen, ob man damit nicht unwillentlich potentiellen Nachahmern Stimulierung bietet.

Äußerst prekäres Terrain also. Schon jenseits der Antworten darauf bleibt „Elephant“ insofern fragwürdig, weil, wenn es schon keine „rationalen“ Antworten gibt, wieder einmal die eitle Kunst kommen und die brutale Wirklichkeit irgendwohin läutern muss. Und dass die Katharsis dann trotzdem ausbleibt, gehört zum Stil. Da, wo sich Filmkunst mal gerne richtig feiert, bei den Filmfestspielen in Cannes, gefiel das freilich. Regisseur Gus van Sant („Good Will Hunting“, „Forrester – Gefunden!“) strich mehr oder weniger überraschend die Goldene Palme als bester Regisseur ein. Aus zwei Gründen ist das sicher legitim: „Elephant“ ist ein drastischer und gleichzeitig doch typischer Film für Cannes. Sehr überraschend ist er allerdings für die Filmographie van Sants, der sich mit dem Film ein bisschen enigmatisch aus dem Mainstream verabschiedet. Denn von Beginn an wird deutlich, dass wir es mit einem dramaturgisch-erzählerischen Experiment, richtig schönem Arthouse also, zu tun haben. Und van Sant tut gut daran, sich in das Lager der Negativerklärung für die Bluttaten zu stellen: es gibt für sie keinen Grund, jedenfalls keinen, der singulär oder irgendwie fasslich destillierbar wäre.

„Elephant“ setzt auf einen pseudodokumentarischen Ansatz, will möglichst berührend, weil authentisch wirken. So lässt van Sant keine professionellen Darsteller auflaufen, sondern Teenager im Grunde sich selbst spielen. Der Film ist schon insofern radikal, als dass er auf eine klassisch komponierte Erzählung – die ja notwendigerweise ja auch schon immer Sinn und Ziel vermittelt – rundherum verzichtet und die Perspektive auf reine Beobachtung beschränkt. Sehr deutlich wir das schon auf der technischen- und gleichzeitigen Metaebene der Kameraführung. Auf den Schul- und Heimwegen blicken wir den Schülern per Steadycam über die Schulter, direkte Frontalaufnahmen sind selten. Der handwerkliche Purismus des Streifens - nur dann mit Musik, wenn einer der Täter ein wenig Beethoven klimpert – ist auch sein inhaltlicher: entwickelte Dialoge gibt es keine, restlos soll und wirkt auch alles so, als blickten wir baldigen Opfern und Tätern rein zufällig über die Schulter, aber nicht in ihr Inneres. Wie van Sant demonstrativ Unterhaltung zu vermeiden scheint so wird auch jede Psychologisierung ausgeklammert.

Mit der Beobachtung, in der van Sant erzählerisch geschickt die Wege der „tragisch Verbundenen“ mehrfach kreuzt, dürfen wir, da die Kamera lange auf den Einzelnen ruht und so Bedeutung suggeriert, nur vermuten, was sie bewegt, wer sie sind. Durch diese stumme Verbindung mit den Figuren potentiert sich gleichwohl die Schockwirkung des Finales. Wie surreal der Einbruch der Gewalt nachvollzogen werden kann, davon gibt van Sants „Elephant“ einen starken Eindruck. Bis zu den Zähnen bewaffnet stehen die beiden Jungen in den Gängen der High School, die sie Passierenden realisieren jedoch einer Surrealität gleich überhaupt nicht, was in der nächsten Sekunde ansteht. Mit der Gewaltdarstellung zieht sich van Sant geschickt aus der Affäre: denn das Morden erscheint vor allem als eines nicht: als aufregend, als Thrill, als druckvoll. Nein, in „Elephant“ findet Gewalt in sinnlos kühler Präzision einfach statt und die Gesichter der Täter sind ausdruckslos. Das rührt in diesen Monaten ans Innerste des Zuschauers und damit ist der Sinn der Kunst, die hier kein interessenloses Wohlgefallen ist, sicher erfüllt.

Weil „Elephant“ sich so schon aber im Titel unbegreiflich gibt, wird er Manchen wohl doch frustriert zurücklassen. Kann nur Dickhäutigkeit der Wirklichkeit standhalten? Auch darf man noch immer die Frage stellen: was soll das Ganze jenseits des vielleicht plakativen Effekts? Als bildgewordener Kommentar des Nichtentschlüsselbaren reicht das. Van Sant gefällt sich in einigen symbolischen Bildern, in Aufnahmen von bewegten Wolken, in denen ein Gewitter metaphorisch die Gewaltentladung in der Schule ankündigt. Einige Fahrlässigkeiten, die simple Deutungsmomente einfließen lassen, gibt es dennoch: so schmerzt es z.B., dass einer der Täter kurz vor der Ausführung der Tat ein Ballerspiel auf dem Computer spielt und van Sant in der ersten Szene des „realen“ Mordens eben dieses sehr deutlich als Ergebnis des fiktiven Tötens ausweist. Hinzu kommt das üble Klischee, das jedes unerklärlich Böse ja doch immer irgendwie faschistisch sein muss: als die beiden ihre bestellte Waffe auspacken, geschieht das zufälligerweise vor dem Hintergrund deiner Nazi-Dokumentation im Fernsehen. Und da beide Täter sich zudem einer liturgischen Homosexualität hingeben, scheinen Perversion und Psychopathentum ja gleichauf zu sein.

„Elephant“ ist schwer, wenn nicht gar unmöglich zu kategorisieren. Er will aufgewühlt zurücklassen und zum Nachdenken anregen, dabei bewusst offen lassen, in welche Richtung dieses Denken zu laufen hat. Das gelingt ihm trotz der genannten Punkte erfolgreich. Ob das aber gut ist, dass die Wirklichkeit der Erinnerung an die Massenmorde nicht mehr als einzige Erschütterung erzählen soll und ästhetisch reflektiert werden muss, mag dahingestellt bleiben.

Ästhetisierende und diskussionswürdige Pseudodokumentation


Flemming Schock
Weiterer Kommentar auf der folgenden Seite...
Mit „Elephant“ ist Van Sant ein unangenehmer Film gelungen, einer der in der Vermittlung von Emotionslosigkeit und Gleichgültigkeit verstörender wirkt als die meisten anderen Filme zum Thema Gewalt und was einen Menschen dazu treiben kann. Weil er es auf subtile Weise versteht, seine Argumente in eine kongeniale filmische Form zu bringe...