Untergang, Der

Deutschland, 155min
R:Oliver Hirschbiegel
B:Joachim Fest,Bernd Eichinger
D:Bruno Ganz,
Alexandra Maria Lara,
Juliane Köhler,
Ulrich Noethen,
Corinna Harfouch
L:IMDb
„Der Führer ist der Führer!”
Inhalt
Berlin, April 1945. Ein Volk wartet auf seinen Untergang. In den Straßen der Hauptstadt tobt der Häuserkampf. Hitler (Bruno Ganz) hat sich mit einigen Generälen und engsten Vertrauten im Führerbunker der Reichskanzlei verschanzt. Zu ihnen gehören auch Traudl Junge (Alexandra Maria Lara), seine Privatsekretärin, die ihn nicht im Stich lassen will. Während draußen die Lage immer mehr eskaliert, die Rote Armee weiter vorrückt und sich in den von Explosionen erschütterten Vierteln verzweifelte Szenen abspielen, erlebt Hitler den Untergang des Dritten Reiches hinter Bunkermauern. Obwohl Berlin nicht mehr zu halten ist, weigert sich der Führer, die Stadt zu verlassen. Er will, wie Architekt Speer (Heino Ferch) es ausdrückt, "auf der Bühne stehen, wenn der Vorhang fällt". Doch Hitler steht nicht auf der Bühne. Während sich die Wucht des verloren gegangenen Krieges mit aller Härte über seinem Volk entlädt, inszeniert der Führer im Bunker seinen Abgang.
Kurzkommentar
Fast hätte man es Bernd Eichinger abgenommen: "Der Untergang" ist tatsächlich ein sehr bemühter Versuch, die letzten Tage im Führerbunker Adolf Hitlers möglichst akkurat und unpathetisch wiederzugeben, aber letztlich scheitert er, weil Regisseur Oliver Hirschbiegel und Eichinger nicht verstehen (oder bewusst ignorieren), dass Hitler aufgrund des immensen medialen Ballasts und dem Status des Oberbösewichts aller Oberbösewichter schlicht nicht "normal" dargestellt werden kann. So bleibt sein Film letztlich nur die bloße Bebilderung zur Genüge bekannter Fakten, zumal er sich hartnäckig jeglicher, künstlerischer Auseinandersetzung mit der Thematik entzieht.
Kritik
Das Zitat steht exemplarisch für den Film. Nach zweieinhalb Stunden bemühten Engagements aller Beteiligten stellen Produzentengröße Bernd Eichinger und "Das Experiment"-Regisseur Oliver Hirschbiegel auch nur ein weiteres mal fest: der Führer ist der Führer. Fakten über Fakten werden präsentiert, das Geschehen manisch-authentisch eingefangen, jeder belegbare Dialog integriert, ganze Szenen aus Traudl Junges autobiographischem Bericht "Bis zur letzten Stunde" 1:1 umgesetzt, jede noch so sekundäre Figur im Kreise Adolf Hitlers wenigstens für wenige Augenblicke präsentiert. Aber wer kann es Eichinger verdenken? Wäre die Kritik an seinem Film nicht noch viel größer gewesen, wenn er von den halbwegs gesicherten Fakten abgewichen wäre? Gerade in den deutschen Feuilletons, die sehr penibel mit der historischen Authentizität aktueller Kinofilme umgehen (insbesondere der amerikanischen), wäre der Aufschrei doch ungemein groß gewesen. Und nun schreien sie, der Film sei "banal" (Spiegel.de), "merkwürdig leer" (Tagesspiegel) und sowieso ziemlich sinnlos (Die Zeit). Nur Frank Schirrmacher von der FAZ redet von einem "Meisterwerk", auch wenn ihn vor allem zu begeistern scheint, dass Bernd Eichinger vielleicht doch nicht der "Bewohner einer Schickimicki-Welt" ist, wie er bislang angenommen hat.

Recht haben sie alle (bis auf Frank Schirrmacher) und doch kratzen sie nur an der Oberfläche - können nur an der Oberfläche kratzen. Denn der Mythos Hitler ist schon seit Jahren übergroß, gigantisch genaugenommen, so groß, dass man ihn in keinem Feuilleton, in keinem Buch, in keinem Spielfilm und schon gar nicht in dieser Filmkritik erfassen kann. Deshalb ist er ja ein Mythos. Adolf Hitler ist der Anti-Christ, das personifizierte Böse, die fleischgewordene Negation Gottes und das mit Worten zu erfassen, ist ganz und gar aussichtslos. Adolf Hitler ist tot und deswegen jenseits unserer Welt und damit jenseits eines vollständigen Fassungsvermögens. Folgert man daraus jetzt, dass jedwede Auseinandersetzung mit der Vergangenheit keinen Wert hat, weil sie grundsätzlich nur Annäherung und damit ungreifbar bleibt? Wohl kaum. Aber es hilft, manche Versuche der künstlerischen Auseinandersetzung mit so einem Stoff kategorisch auszuschließen. Den Spielfilm etwa. Und damit den "Untergang".

Bruno Ganz etwa: die Bandbreite seines schauspielerischen Könnens ist beeindruckend, seine Imitation Hitlers, sei es äußerlich, akustisch oder auch seelisch, - vermutlich - verblüffend echt. Und doch bleibt er nur Karikatur, kann dem Zuschauer in keinem Moment den "Menschen Hitler" (das erklärte Hauptziel der Filmemacher) vermitteln: weil Hitler mindestens einmal am Tag auf irgendeinem Fernsehkanal entdeckt werden kann, weil er jede Woche in einem beliebigen Magazin abgebildet ist, weil er nicht mehr Person, sondern Synonym geworden ist für "das Böse" im Menschen. Eben weil er Mythos ist: sieht man Bin-Laden, denkt man Hitler, sieht man Hussein, denkt man Hitler, sieht man Jong-Il, denkt man Hitler. Ganz kann noch so perfekt die Mischung aus Österreichisch und Süd-Bayerisch simulieren (und das berühmte rollende "r"), man hört immer nur "Ratatschuten!" und "Wiener Schnitzel!" aus Chaplins Hitler-Parodie "Der große Diktator".

Diesen wesentlichen Aspekt bei der Erhebung Hitlers zum Protagonisten eines szenischen Films haben Eichinger und Hirschbiegel entweder nicht verstanden (kaum vorstellbar) oder bewusst ignoriert (wahrscheinlicher), aber auch andere Aspekte rauben dem als Werk von größtmöglicher Authentizität beworbenen Film viel von seiner Überzeugungskraft und Glaubwürdigkeit: die irritierend üppige Starbesetzung, die penetrante Reduzierung der Verbrechensschuld auf die Führungsriege und so manch platter, dramaturgischer Einfall ("Du darfst den Russen nicht direkt in die Augen schauen!"). In jedem Hollywood-Blockbuster wären das vernachlässigbare Schwachpunkte, aber gerade weil Hirschbiegel und Eichinger so sehr auf ihre dokumentarisch-anmutende Inszenierung pochen wirken sie befremdlich und in ihrer Intention wenig glaubwürdig. Warum Heino Ferch als Albert Speer, wenn es Eichinger - wie mehrmals angegeben - wirklich nur um eine akkurate Erfassung der letzten Tage ging? Nein, Eichinger möchte Co-Existenz von "Doku-Drama" und "epischem Kino" und das funktioniert leider nicht - genauso wenig wie der Ansatz, die letzten zwölf Tage im Führerbunker als Mikrokosmos für die gesamten zwölf Jahre Nationalsozialismus zu betrachten. (Immerhin wird ja der wahre Untergang, nämlich der des menschlichen Geistes als er sich dazu entschloss, Millionen von Juden zu deportieren, hier nicht thematisiert.)

Überhaupt ist "Der Untergang" viel zu sehr ein unentschlossener Flickenteppich geworden und viel zu wenig ein künstlerischer Versuch, sich Hitler und seiner Umgebung zu nähern. Da man aber ja doch den szenischen Film als Form für eine Auseinandersetzung gewählt hat, ist man nun gefangen zwischen dokumentarischer Strenge und schwachbrüstigen, interpretatorischen Versuchen wie etwa dem, nicht den Tode Hitlers oder Goebbels, sondern die Momente, in denen Magda Goebbels ihre sechs Kinder vergiftet, minutiös auszukosten. Das erschreckt, keine Frage, und kann wohl auch symbolisch für die Vergiftung des deutschen Volkes - in Körper und Geist - gelesen werden, aber es steht zu lose im Raum, um wirklich Resonanz zu erzeugen. Dazu gibt es zu viele Figuren, zu viele Handlungsorte und eine zu große Unentschlossenheit, ob denn nun Adolf Hitler oder Traudl Junge die Hauptfigur des Films sein soll.

Und trotz des konzeptionellen Scheiterns des Films soll nicht unerwähnt bleiben, dass "Der Untergang" weitaus schlechter hätte werden können: trotz aller Bedenken ist er professionell gemacht, unpathetisch inszeniert, durchaus mit Engagement und sehr viel Respekt gefilmt. Oliver Hirschbiegel ist ein viel zu guter Regisseur um in die einfachsten Stolperfallen zu tappen und auch Bernd Eichinger entpuppt sich als wesentlich besserer Drehbuchautor als man befürchten konnte. Dennoch sind seine Motive - er wolle vor allem ein Tabu brechen, zur Reflexion anregen und die Thematik jüngeren Generation nahebringen - zumindest teilweise heuchlerisch, das zeigen die Ignoranz des obigen Arguments, die feudale Besetzung sowie sein Durst nach Medienrummel. Nur eines dürfte er tatsächlich erreicht haben: dass jeder Folgefilm, der Hitler zum Protagonisten eines kompletten Spielfilms erhebt, noch mehr Achselzucken provozieren dürfte als dieser. Insofern ist ein gewisser Beitrag zur "Normalisierung dieser Thematik" (Eichinger) nicht zu leugnen.

Bemühter, aber letztlich gescheiterter Versuch, sich der Person Adolf Hitler und dem Untergang einer Ideologie zu nähern


Thomas Schlömer