Schnee, der auf Zedern fällt
(Snow falling on cedars)

127min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Scott Hicks
B:David Guterson, Ronald Bass
D:Ethan Hawke,
Youki Kudoh,
Reeve Carney,
Ann Suzuki
L:IMDb
„I´m so grateful for your gentle heart.”
Inhalt
Im Jahre 1954 wird der Fischer Kazuo Miyamoto (Rick Yune) vor Gericht gestellt. Er soll seinen Jugendfreund Carl Heine umgebracht haben. Ishmael Chambers (Ethan Hawke), Redakteur der einzigen Zeitung auf der Insel San Piedro, versucht den Fall aufzuklären. Da der vermeintliche Täter Amerikaner japanischer Abstammung ist und die schmerzhafte Erinnerung an Pearl Harbour noch lebendig ist, wird die Verhandlung von Ressentiments und Rachsucht begleitet. Hatsue Miyamoto (Youki Kudoh), jetzt die Frau Kazuos, war zudem Ishmaels frühere Liebe. Ishmael sieht sich mehr und mehr mit der eigenen Vergangenheit konfrontiert.
Kurzkommentar
Scott Hicks ("Shine") bringt David Gutersons Weltbestseller in unverwechselbarem Kolorit auf die Leinwand. Eigentlicher Star des Films ist seine lyrische Bildsprache, die das traumhafte, schon im Titel deutlich werdende Grundmotiv der Buchvorlage wundervoll einfängt. Die verschiedenen Zeitebenen der Erzählstruktur werden stilvoll miteinader verwoben. "Schnee, der auf Zedern fällt" lebt nicht von Spannung und nicht von Schauspielern, sondern von der Entsprechung zu Gutersons Prosa mit den Kunstmitteln des Kinos.
Kritik
Die Romanautoren der Gegenwart müssen, wenn sie ans Geld denken, vielleicht mit einem Auge nach Hollywood schielen. Denn mit dieser Kunst einen ansehnlichen Lohn einzustreichen, scheint nur der Auflagenstärke eines John Grisham, Steven King oder jenen Romanciers möglich, die ein magisches Buch schreiben.

So geschehen bei David Gutersons Debütroman "Schnee, der auf Zedern fällt". Das Buch des Amerikaners entwickelte sich vom Geheimtip in einen in über 30 Sprachen übertragenen Weltbestseller, ist ergo das gleiche Phänomen wie Frank McCourts "Die Asche meiner Mutter". In beiden Fällen beschloss Hollywood erst nach den literarischen Triumphen, dass die Stoffe das haben, was der Leinwanderfolg verlangt. Im Falle des Englischlehrers Guterson, dessen drittes Buch mittlerweile vorliegt, war es das Talent, einen in geschickten Rückblenden aufgeschlüsselten Krimi mit poetischen Naturthemen phantasiereich zu verbinden. Im Kopf des Lesers entstand eine verschneite, äußerst plastische Traumwelt, melancholisch und romantisch zugleich.

Und da das Kino als Bildmedium das Potential hat, der literarischen Stimmung eines Buches visuell zu entsprechen, hätte eigentlich schon 1994 klar sein müssen, dass das gerade publizierte Werk nach Verfilmung schreit. Scott Hicks, der seinen Hollywood-Durchbruch 1996 mit dem siebenfach oscarnominierten Pianistenporträit "Shine" feierte, machte sich im letzten Jahr visionär an die Arbeit. Das Ergebnis ist - wie jede Literaturadaption - problematisch, aber doch würdig. Gutersons Vorlage rekonstruiert in spannender Erzähltechnik die Wahrheit um den Todesfall, Liebe und irrationalen Ressentiments der Menschen auf einer fiktiven Insel. Da im Film die Entfaltungsmöglichkeiten der Charaktere im Vergleich zum Buch jedoch beschränkt sind, musste Hicks raffen, ohne sträflich zu kürzen.

Mit der Konzentration auf die Optik geht der Australier den richtigen Weg, und es ist zu verschmerzen, dass das gute Schauspielensemble im Grunde weniger zu sagen hat. Das Gefühlsleben der Figuren und die übrige Atmossphäre erschließt sich allein über die teils atemberaubende Illustration des oscarprämierten Kameramanns Robert Richardson. Zusammen mit der wirkungsvoll subtilen, nur selten zu dick auftragenden Klangkulisse von James Newton Howard ("The Sixth Sense") entsteht ein geschlossener Filmkosmos.

Das Denken und Handeln der Protagonisten erklärte sich bei Guterson nicht aus der Gegenwart, sondern aus den Rückblenden in verschiedene Momente der individuellen Vergangenheiten. Hicks schafft es, durch ausgewogenen Rhythmus und harmonisches Hin- und Herspringen zwischen den Zeitebenen, seine Figuren mit Geschichte und damit mit Leben zu füllen, sie menschlich und erfahrbar zu machen. Die Schnitttechnik ist virtuos und die Bilder haben ihre eigene, ganz spezielle Ästhetik. Kühle Blau-Grautöne, der metaphernreiche Schnee und Aufnahmen des Meeres und der Buchten stellen ein Setting, dessen Schönheit man sich nur schwer entziehen kann.

Hicks muss von dem Stoff und den Bildern in seinem Kopf derart begeistert gewesen sein, dass er einen Fehler machte, nämlich den, dass der Film eine Liebeserklärung an das Buch geworden ist. Dramatik und Spannung werden vor kontemplativen Ansichten fast ganz vergessen, und überaupt geschieht recht wenig. So ahnt man von vornherein den Ausgang des den Film einleitenden Mordprozesses und hat das Empfinden von Ishmael und Hatsuo schnell durchschaut. Schauspielerisch bleibt wegen Drehbuchrestriktionen wenig Glorreiches, auch wenn alle Rollen stimmig besetzt sind. Trotz dieser Kritik ist Hicks bilderreiche Interpretation ein Schmuckstück mit nicht nur pittoresker Verpackung. Vielmehr ist er auch ein Nachsinnen über menschliche Wärme und Kälte, Humanität und Hass. Die Verfilumung ist nicht perfekt, sie erzählt weder eine große Liebesgeschichte noch einen Gerichtsthriller, aber sie ist malerisch sanft wie das Bild vom Schnee, der auf Zedern fällt.

Bildschöne Leinwandentsprechung eines magischen Weltbestsellers


Flemming Schock
Weiterer Kommentar auf der folgenden Seite...
Leider schwankt "Schnee, der auf Zedern fällt" zwischen seinen langatmigen, oftmals bezugslosen Bildersequenzen und einer wenig spannenden, hervorsehbaren Story. Das der Film gut gemeint ist, kommt zwar rüber, doch die Botschaft mag nicht zu fesseln - zumal nicht so ganz zu erkennen ist, was denn nun die Botschaft ist....