Pearl Harbor

USA, 183min
R:Michael Bay
B:Randall Wallace
D:Ben Affleck,
Josh Hartnett,
Kate Beckinsale,
Alec Baldwin
L:IMDb
„Das ist leider kein Training, das ist Krieg. Wo's keine Sieger gibt und die Verlierer sterben oder als Wracks zurückkommen.”
Inhalt
Gemeinsam melden sich die beiden Freunde Rafe McCawley (Ben Affleck) und Danny Walker (Josh Hartnett, "Faculty") beim US Army Corps. Bei der Musterung in New York treffen sie auf Krankenschwester Evelyn (Kate Beckinsale, "Brokedown Palace"), in die sich Rafe verliebt. Das Glück ist allerdings nur von kurzer Dauer, denn Rafe wird nach England geschickt und bei einem Flugzeugmanöver abgeschossen. Während der einsamen Monate kommen die nach Pearl Harbor versetzte Krankenschwester Evelyn und Pilot Danny sich näher und verlieben sich schließlich ineinander. Gerade als das Glück von beiden perfekt scheint, bricht jedoch der legendäre Angriff der Japaner auf den Hafen von Pearl Harbor los.
Kurzkommentar
Der "spektakulärste Film des Sommers" enttäuscht dramaturgisch auf allen Ebenen und hat außer gigantischen Bildern nichts zu bieten. Regisseur Michael Bay ("Bad Boys", "The Rock", "Armageddon") entpuppt sich als Meister der Emotionslosigkeit, hatte mit dem sehr schwachen Drehbuch von "Braveheart"-Autor Randall Wallace allerdings auch eine lieblose, viel zu konstruierte Vorlage. Und drei Stunden für diesen "epischen" Dreiakter sind sowieso zu viel.
Kritik
Es gibt ja Kinogänger, die sind prinzipiell gegen alles, was Michael Bay und Jerry Bruckheimer zusammen produzieren, weil sie Filme wie "Bad Boys", "The Rock" oder auch "Armageddon" einfach für zu stupide halten. Ganz Unrecht haben sie sicherlich nicht, aber man konnte Bay insofern keinen Vorwurf machen, als daß er nie einen anderen Anspruch hatte, als explosiv zu unterhalten. Das ändert sich nun mit "Pearl Harbor", denn Bay und Bruckheimer wollen neben fulminanter Optik dieses Mal vor allem eines realisieren: eine epische Love-Story vor tragischem Hintergrund. Riecht nach "Titanic", fühlt sich an wie "Titanic", ist aber nicht "Titanic". Bay ist nicht James Cameron (Regie), Randall Wallace ist nicht James Cameron (Drehbuch) und Jerry Bruckheimer sowieso nicht (Produktion) - nur ILM ist immer noch ILM. Und deren Arbeit ist auch die einzige, die in "Pearl Harbor" überzeugen kann.

Das zentrale Problem an "Pearl Harbor" ist, daß alles in diesem Film so schrecklich gezwungen, so auffallend kalkuliert, so enttäuschend uninspiriert wirkt. Es erweckt tatsächlich den Anschein, als hätten sich Bay und Bruckheimer einfach nur an den Tisch gesetzt und überlegt, wie sie "Titanic" schlagen können. Sei es nun filmisch oder finanziell. Ale erstes nehmen wir da Randall Wallace als Drehbuchautor - dessen Skript zu "Braveheart" hatte genau die richtige, epische Breite. Dann muß das Ganze natürlich eine tiefgreifende Liebesgeschichte sein, sonst kommen die Frauen ja nicht ins Kino - schon gar nicht mehrmals. Weiterhin müssen selbstverständlich Effekte und Bilder stimmen; möglichst pompös sollte es sein. Aber Emotionen kreiert man nur mit passender Musik, also fix Hans Zimmer verpflichtet, der hat schon den "Schmalen Grat" bewegend untermalt.
Hmm, die ersten 20 Minuten von "Saving Private Ryan" hat die meisten Leute sehr beeindruckt. Also ziehen wir den Angriff auf "Pearl Harbor" als gigantisches Feuerwerk auf, aber damit die Leute auch betroffen sind, zeigen wir zwischen den Explosionen immer mal kurz ein paar Soldaten, die an sinkenden Schiffen hängen und noch um ihr Leben kämpfen. Wenn in der Liebesgeschichte Emotionen gefragt sind, machen wir es halt romantisch: eine heiße Szene zwischen Fallschirmen macht sich da gut.

Nun sind Bay und Bruckheimer tatsächlich so naiv, zu glauben, daß allein die richtigen Zutaten für ein gutes Produkt ausreichen. Wenn das so einfach wäre, würde Coca-Cola wohl kaum sein Rezept wie das größte Staatsgeheimnis hüten. Um Emotionen zu kreieren, Mitgefühl, das Leid und die Trauer eines Ereignisses auf den Zuschauer zu übertragen, bedarf es eben weit mehr als schöne Bilder und Streichermusik. Bay hingegen ist nur ein Meister der Optik, ein Werbefilmer, wie er es vor "Bad Boys" ausschließlich gewesen ist. Gefühl für Story und Charaktere hat er nicht, was sich vor allem darin zeigt, daß er die Wiederkehr Rafe's (da verrate ich wohl niemandem zuviel) emotional total in den Sand setzt. Mit Zeitlupenaufnahmen versucht er immer wieder Gefühle zu betonen, bleibt dabei aber mehr denn je nur auf der Oberfläche. Bei seinen Actionstreifen kam dieser Mangel kaum zur Geltung, aber bei einer Love-Story...
Aus diesem Grund ist auch der eigentliche Angriff auf "Pearl Harbor" recht enttäuschend, so bildgewaltig und effektreich er auch sein mag. Wenn die Bindung zum Zuschauer fehlt, helfen die schönsten Bilder nichts. Unverständlicherweise hat Bay bei seinem riesigen Luftangriff auch größtenteils auf den Einsatz von Musik verzichtet; etwas, was ich persönlich nach den sehr stimmungsvollen Trailern überhaupt nicht nachvollziehen kann. Die Gefahr, daß Komponist Hans Zimmer wie James Horner zuletzt bei "Duell" das Kriegsgeschehen mit unpassendem Gefühlskitsch überzieht, bestand wohl nicht. Unabhängig davon ist Zimmers Musik jedoch ebenso enttäuschend wie der Film und bringt uns die Charaktere und die Stimmung des aktuellen Geschehens nur sehr dürftig rüber.

Aber "Pearl Harbor" leidet noch an anderen Syndromen: da ein epischer Film im "Titanic"-Stil auch titanische Länge haben muß, füllen wir die letzte der drei Stunden mit einem vielleicht nicht unwichtigen, aber doch dramaturgisch vollkommen mißlungen, zusätzlichen Auftrag für unsere beiden Freunde. Der Teil hätte problemlos ein eigenständiger Film sein können und wäre alleinstehend gar nicht mal so schlecht gewesen, aber die Mission einfach so lieblos hinter den Angriff zu hängen, ist dem Spannungsbogen wenig förderlich. Da macht es schon eher Sinn, diesen letzten Akt als feiges Storyelement zu benutzen, um einen unserer beiden Protagonisten sterben zu lassen. Dann hat es die liebe Evelyn nämlich auch leichter, sich für einen der beiden zu entscheiden. Und die US-Zuschauer sind nach diesem heroischen Vergeltungsschlag auch nicht mehr deprimiert.

Man durfte wohl auch auf die Darstellung der Japaner in "Pearl Harbor" gespannt sein, denn sie als blutrünstige Teufel darzustellen wäre in der Schwarz-/Weiß-Welt des Michael Bay durchaus im Bereich des Möglichen gewesen. Autor Wallace aber gab sich halbwegs Mühe, den Akt der Japaner als "politsche Notwendigkeit" herauszustellen. Eine hintergründige Szenen hat Japans Admiral Yamamoto allerdings nicht spendiert bekommen. Lediglich sein wohl historisch belegter Satz "I think we only awakened a sleeping giant and filled him with a terrible resolve" zeugt etwas von der historischen Bedeutung des 7. Dezembers 1941.

Auf die Schauspieler einzugehen, lohnt sich jetzt eigentlich noch kaum: die drei Hauptfiguren (Ben Affleck, Josh Hartnett, Kate Beckinsale) machen ihre Sache recht solide und auch viele Nebenfiguren sind treffend besetzt. Cuba Gooding Jr. als einziger Farbiger war überflüssig, wenn auch sympathisch, die restlichen Charaktere wie der stotternde Red oder die kreischenden Freundinnen von Evelyn den üblichen Schubladen zuzuordnen. Eine Erwähnung verdienen vielleicht noch Dan Aykroyd, dem der Sicherheitsberater wie auf den Leib geschrieben ist, und Jon Voight, der Präsident Roosevelt mit dem richtigen, kritischen Bewußtsein verkörpert.
Trotzdem läßt der Film den Zuschauer über die volle Laufzeit ziemlich kalt und sowohl aus Sicht einer Liebesgeschichte, als auch als Kriegsfilm ist das natürlich genickbrechend. Die Optik des Films setzt dabei sicherlich neue Maßstäbe und trotz einiger, kitschiger Dialoge kann man sich den Film durchaus ansehen, aber "Pearl Harbor" wollte eben so viel mehr sein, als er letztendlich ist. Actionfreunde bekommen 40 Minuten Material bei drei Stunden Laufzeit, Freunde großer Liebesgeschichten werden mit Stereotypen gefoltert - insgesamt hat "Pearl Harbor" einfach zu wenig Substanz.

Äußert schwache, zu durchkalkulierte Love-Story in betörender Optik


Thomas Schlömer