Pieces of April - Ein Tag mit April Burns
(Pieces of April)

USA, 81min
R:Peter Hedges
B:Peter Hedges
D:Katie Holmes,
Patricia Clarkson,
Oliver Platt,
Derek Luke,
Sean Hayer
L:IMDb
„Sie hat mich als Baby in die Brustwarzen gebissen. Kein Wunder, dass ich heute Brustkrebs habe.”
Inhalt
April Burns (Katie Holmes) steht schon seit geraumer Zeit mit ihrer Mutter Joy (Patricia Clarkson) auf Kriegsfuß. Sie galt immer als das schwarze Schaf der Familie und war deswegen mit ihrem Freund Bobby (Derek Luke) in ein Apartment an der Lower East Side gezogen - weit weg von Zuhause. Dennoch hat sie sich dazu hinreißen lassen, ihre Familie zum Truthahnessen anlässlich des Erntedankfestes einzuladen, was sie allerdings - kaum dass sie die Einladung ausgesprochen hat - auch schon wieder bereute. Doch nun ist es soweit, und während ihre komplette Familie im Auto sitzt und auf dem Weg zu ihr ist, hat April mit immer neuen Problemen zu kämpfen.
Kurzkommentar
Peter Hedges (Autor von „Gilbert Grape“) gibt mit „Pieces of April“ sein Regiedebüt, Katie Holmes bricht aus ihrem Stereotypen-Dasein aus und mimt die moderne Pippi Langstrumpf und Patricia Clarkson darf sich für einige, sarkastische Kommentare eine Oscar-Nominierung abholen. Das ist wohl einen Tick zu viel des Guten, auch wenn einem die sichtbaren Bemühungen um Authenzität und Glaubwürdigkeit sympathisch erscheinen und mögliche Folgeprojekte Peter Hedges durchaus freudig entgegen gesehen werden dürfen.
Kritik
In der Zusammenkunft zu Familienfesten die explosive Mischung für eine emotionale Eskalation gefunden zu haben, der Meinung war schon so mancher Filmemacher: Woody Allen, stellvertretend für die Amerikaner, mit „Hannah und ihre Schwestern“, Thomas Vinterberg, stellvertretend für die Europäer, mit dem ersten Dogma-Film „Das Fest“. Dann, wenn traute Glückseligkeit und unzerstörbarer Zusammenhalt kritiklos gefeiert werden, man sich dem romantischen Gedanken hingibt, unter seinen Nächsten nur edle Ritter und liebevolle Prinzessinen zu wähnen, man sich gegenseitig betüdelt und liebkost, dann finden Spießbürgerlichkeit und Lüge ihren Höhepunkt. Bricht sodann jemand aus den etablierten Strukturen aus und äußert Kritik an Fadenscheinigkeit und Inszenierung von Gefühlen, ist das Theater groß. Es kommt zu handfestem Streit, unschönen Worten, tiefen Beleidigungen. Eine Eruption der Gefühle, die aber wiederum zur Reinigung der sozialen Verhältnisse, zur Renovierung von Beziehungen, quasi zur Entdeckung der Ehrlichkeit innerhalb der Lüge führen kann. Und damit zur Katharsis des Dramas.

Das ist ein Spannungsbogen, der zu den ältesten überhaupt gehört und auch Regiedebütant Peter Hedges, in der Filmbranche bislang hauptsächlich durch seine preisgekrönten Drehbücher zu „Gilbert Grape“ und „About a Boy“ bekannt, bedient sich hier ganz ungeniert, wenn auch mit einem kleinen Twist: in „Pieces of April“ ist es nicht die Mutter oder ein anderes, erwachsenes Familienmitglied, dass die Familie nochmal vereinen möchte, sondern die Tochter. Diese sehnt sich – entgegen ihrem extrovertiertem Äußeren – nämlich auch nur nach ein bißchen Spießbürgerlichkeit und Anerkennung unter denen, die ihr das Leben schenkten, dass sie nun alleine zu meistern versucht.

Wie sich schnell zeigt, ist die erneute Annäherung nach Monaten oder gar Jahren der Funkstille allerdings für beide Seiten nicht einfach und Hedges macht dem Zuschauer nicht vor, dass seine Charaktere in einem Anfall von christlicher Nächstenliebe plötzlich zur Vernunft gekommen sind: das Motiv für das Wiedersehen ist nicht zuletzt ein fatalistisches, denn Aprils Mutter hat Brustkrebs und für ein Thanksgiving im nächsten Jahr könnte eventuell nicht mehr genügend Zeit sein. Damit etabliert Hedges sogleich den Tonfall seines Films: trotz eines als märchenhaft interpretierbaren Ausgangs will er eine realistische, rationale Geschichte aus dem Leben erzählen, eben nichts von der Fadenscheinigkeit vermitteln, die in angesprochenen Familienfesten – und vor allem in üblichen Hollywood-Produktionen – an der Tagesordnung sind. Auch formal, mit Handkamera im DV-Format, zurückhaltender Musik, spontaner Inszenierung (der Dreh dauerte 16 Tage) und unverblümter Mise-en-scène, will Hedges diesen Weg gehen.

Dass er dabei nicht auf ganzer Linie Erfolg hat, liegt vor allem am wesentlich zu prominenten Cast: zwar sind weder Oliver Platt, noch Patricia Clarkson, Derek Luke, Sean Hayes und von mir aus auch Katie Holmes „echte“ Großstars in Hollywood, bekannte Gesichter haben sie dennoch und das lenkt von der angepeilten und auch erwünschten Authenzität eigentlich nur ab. Trotz durchweg guter bis hervorragender Leistungen (die sogar – etwas übertrieben, aber trotzdem begrüßenswert – in einer Oscar-Nominierung für Patricia Clarkson mündete) kann sein Film so nie die Intensität erreichen, zu der er vielleicht fähig gewesen wäre. Denn der Plot ist durchaus tragfähig für einen 80 minütigen Film und man möchte Hedges neben seinen Qualitäten als Drehbuchautor auch ausreichend Feingefühl in der Aufgabe des Regisseurs zugestehen – auch wenn so mancher Schuss nach hinten losgeht.

So will er scheinbar auch ein Plädoyer gegen den immer noch existenten Rassenhass Amerikas halten, will kulturelle Verständigung und Hilfsbereitschaft predigen, traut sich sogar – eigentlich purer Sozialkitsch, aber mit der Standbild-Montage extrem klug gerettet –, am Ende all seine „guten“ Charaktere zu vereinen und gemeinsam Thanksgiving feiern zu lassen. Ganz treffsicher ist er dabei aber nicht, denn während z.B. das Verhältnis zwischen April und Bobby sowie das hilfsbereite, schwarze Nachbarspaar von großer Herzlichkeit geprägt sind, rutschen ihm ein paar fragwürdige Scherze zwischen die Zeilen, so etwa der mysteriöse „Tyrone“, von dem wir wohl annehmen sollen, dass er ein Schwarzer ist und die Gefahr, ins Drogen- und Kriminalitätsmilieu abzurutschen, eine Bewährungsprobe für Bobby darstellen soll. Oder der Schluss“schock“ für Aprils Eltern, wenn Bobby als klischeehafter „Ghetto-Gangster“ aufkreuzt und Aprils Glaubwürdigkeit kurzzeitig untergräbt.

In diesen, wenigen Momenten zeigt sich vielleicht noch die Unerfahrenheit in Hedges' jungem Regie-Dasein, auch wenn ihm dafür niemand wirklich böse sein kann. Vielleicht gewinnt er bei Folgeprojekten ja etwas an Sicherheit – der Erfolg von „Pieces of April“ beim Sundance-Filmfestival sowie der diesjährigen Oscar-Verleihung sollten weitere Regie-Projekte jedenfalls ermöglichen.

Sympathischer Versuch einer Familiengrotesk – nicht immer treffsicher, aber ambitioniert


Thomas Schlömer