Paycheck - Die Abrechnung
(Paycheck)

USA, 119min
R:John Woo
B:Philip K. Dick,Dean Georgaris
D:Ben Affleck,
Uma Thurman,
Aaron Eckhart,
Paul Giamatti
L:IMDb
„Zeigt man den Menschen ihre Zukunft, dann haben sie keine.”
Inhalt
Ein doppelt riskanter Job: Drei Jahre lang erledigt der hochbegabte Computerspezialist Jennings (Ben Affleck) Geheimaufträge für die Rethrick-Corporation. Und er weiß genau, auf was er sich dabei einlässt. Denn die Bezahlung ist hoch: 4,4 Mio. Dollar! Einzige Bedingung: Alle Erinnerungen werden nach Beendigung der Projekte aus dem Gedächtnis gelöscht. Doch statt des Geldes erwartet ihn nur ein Umschlag mit sieben scheinbar wertlosen Dingen. Mit Rachel (Uma Thurman) beginnt ein lebensgefährliches Verwirrspiel zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Kurzkommentar
Action-Großmeister John Woo bewegt sich mit „Paycheck“ bedenklich auf Abwegen. Waren seine vorigen Hollywood-Filme schon durchwachsen, so markiert der unspannend wie unspektakuläre Science-Fiction-Thriller einen eklatanten Tiefpunkt. Fragwürdig besetzt, bietet „Paycheck“ zur Kompensation einer konfusen und teilnahmslos entwickelten Futurismus-Geschichte nicht einmal überdurchschnittliche handwerkliche Arbeit.
Kritik
Der Science-Fiction-Kult-Autor Philip K. Dick hat sich stets im besonderen Maße an die Zukunft erinnert. In ihr steht weniger die Technik im Mittelpunkt als der Mensch selbst, oder anders: der Mensch in der Konsequenz der Technik. „Blade Runner“, Dicks berühmtestes Werk, thematisiert unter anderem die Manipulierbarkeit der menschlichen Erinnerung, deren Summe ja erst Identität gebärt. Ich erinnere mich, also bin ich – so in etwa. Dicks Oeuvre stößt in technoider Szenerie vielerlei existentielle Fragen an, die man, wie man will, entweder schnell vergessen oder bis in die Zukunft diskutieren kann. Das hat seit 1982, seitdem Ridley Scott in der gleichnamigen Adaption von Dicks Androidenroman den Meilenstein des modernen Science-Fiction-Kinos schuf, andere Filmemacher natürlich angespornt, den erst verzögerten Erfolg von Scotts Film zu wiederholen und Ruhm für sich selbst einzustreichen. 1990 war da z.B. Paul Verhoevens Mars-Kracher „Die totale Erinnerung“, basierend auf einer Kurzgeschichte Dicks.

Im vorletzten Jahr versuchte sich dann auch Steven Spielberg mit relativem Erfolg an der „Blade Runner“-Formel und griff in „Minority Report“ seinerseits auf eine Kurzgeschichte von Dick zurück – schon von den Proportionen her optimal für eine Drehbuchvorlage. Und so mancher dürfte sich hier noch einreihen, denn der 1982 verstorbene Autor hat noch so einiges in Petto: Er schrieb nicht weniger als 121 Kurzgeschichten und 44 Novellen, wird möglich als einer der größten Autoren des 20. Jahrhunderts in Erinnerung bleiben. Dass bei akuter Drehbuchverlegenheit ein Griff des Kinoregisseurs in diesen reichen Fundus Erfolg fast zwangsgemäß zeitigen muss, wird sich auch Actiondemiurg John Woo gedacht haben. Denn Erfolg hätte Woo nach seinen beiden letzten Hollywood-Filmen auch bitter nötig. „Mission: Impossible 2“ (2000) enttäuschte und die lärmende Kriegsoper „Windtalkers“ führte diesen Negativtrend im vorletzten Jahr konsequent weiter. Und mit „Paycheck“ treibt Woo nun, Dick hin oder her, tatsächlich die Demontage des eigenen Rufes noch einen Stück weiter voran, weil er versucht, was ihm nicht möglich scheint und nicht einmal das tut, was er so gut kann: es knallen lassen.

„Paycheck“ hat viele Probleme, Ben Affleck ist nur eines davon. Ob Affleck ein fähiger Darsteller ist, mag offen bleiben. Hier ist er, selbst wenn er bemüht bei der Sache ist, als Wissenschaftler durchweg unglaubwürdig, wirkt deplatziert. Damit hat der Streifen ein Defizit in der Mitte, die angesichts der beiden anderen Voraussetzungen eigentlich hätten locker kompensiert werden müssen: durch Dicks Vorlage und Woos visuell-theatralische Klasse. Aber es ist schon fast spektakulär, wie wenig Woo aus all dem macht. Und viel bleibt zu „Paycheck“ auch gar nicht mehr zu sagen, erinnern wird diesen Film niemand. Die übrige Besetzung ist durchaus respektabel, wenn Uma Thurman auch in einer peinlichen Nebenrolle abgespeist wird. Das wäre wiederum zu verschmerzen gewesen, wenn der Hautplot tatsächlich das vermittelt hätte, was jeder Dick als Substrat bietet: Spannung und Fragen, die unter die Oberfläche gehen. Aber abseits aller logischen Unglaubwürdigkeiten, die ein Film, der in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleichzeitig spielen will, wohl immer vermitteln wird, ist der Reiz der Geschichte früh verflogen und Woos Inszenierung setzt sich in totaler Profillosigkeit fest.

Jennings hat also den ominösen Umschlag und alsbald steht fest, dass er den Häschern seines ehemaligen Arbeitgebers immer wieder entkommt, weil er ja noch nicht zuletzt noch Haarspray hat, das zu irgendwas Lebensrettendem ja taugen muss. Alles, was Woo aus der Vorlage macht, ist eine einfallslose Flucht- und Jagdrevue, die häufig die Luft anhält und irgendwas von der Maschine faselt, fragt, wer wohl was ist und wohin geht, dabei aber wenig sagt. Die Charaktere sind für eine Produktion vom vermeintlichen Großformat satt hölzern und die Dialoge zuweilen unfreiwillig komisch, weil für die potentielle Tiefe des Stoffes hoffnungslos banal. Aber auch das hätte man ja, sozusagen als Lückenbüßer, zwischen den Actionmomenten stoisch hingenommen, wenn sich „Paycheck“ nicht auch bei der Action als Nullnummer entpuppt hätte.

Der Streifen ist allein insofern interessant, als die Antwort ausbleiben wird, wieso Woo, dessen Genie stilisiertes Gewaltkino ist, seine größte Stärke hier durchweg und entschlossen unter den Tisch kehrt. Was bleibt, sind nur arme Reminiszenzen an vorige seiner Filme, so durch die obligatorische Taube und penetrante Zeitlupe, wo sie keinesfalls hingehört und beträchtlich unterdurchschnittliche Actionsequenzen. Wenn hier geschossen, verfolgt oder geprügelt wird, dann stets auf niederem Niveau, das sich lückenlos in den sonstigen Gesamteindruck fügt. Wie es ausgeht, interessiert da kaum mehr. „Paycheck“ ist trotz des fantasievollen Grundeinfalls rundherum blass, zum vergessen. Will Woo sich in Hollywood halten, sollte er, wenn es schon weiterhin nicht mit dem Erzählen klappt, in der diskutierten Zukunft doch wenigstens wieder Actionkino satt bieten.

Stilarmer Sci-Fi-Langweiler mit verspieltem Vorlagenbonus


Flemming Schock