Eiskalte Engel
(Cruel Intentions)

USA, 95min
R:Roger Kumble
D:Sarah Michelle Gellar,
Ryan Philippe,
Reese Witherspoon,
Selma Blair
„..., dann fickte ich ihre Tochter”
Inhalt
Schauplatz Manhattener Highsociety in den Sommerferien. Während die finanziell bestsituierten Eltern im Urlaub sind, finden die beiden Stiefgeschwister Sebastian (Ryan Philippe) und Kathryn (Sarah Michelle Gellar) taktlose Befriedigung darin, mit möglichst vielen Menschen ins Bett zu steigen, sie dann ausgenutzt zu betrügen oder gegeneinander auszuspielen. An Liebe ist nicht zu denken, nur der Sex und die von ihnen gebrochenen Menschen zählen als Trophäen. Jeder scheint ihrem intrigantem Charme ausgeliefert zu sein. Als Kathryn von ihrer derzeitigen Eroberung jedoch wegen der einfältigen Celine (Selma Blair) versetzt wird, schmiedet sie einen perfiden Racheplan. Der Stiefbruder läßt sich dafür gewinnen, Celine erst zu entjungfern und dann fallenzulassen. Doch Playboy Sebastian sinnt in der Meinung, jede Frau haben zu können, bereits auf eine größere Hürde: Er wettet mit Kathryn, dass er es vor Wiederbeginn der Schule schafft, mit der sittsamen, bis zur Ehe der Keuschheit verpflichteten Annette (Reese Witherspoon) ins Bett zu steigen. Sie ist ausgerechnet die Tochter des neuen Schuldirektors und wirkt in ihrer intellektuellen Aura unnahbar. Gewinnt Sebastian die Wette, darf er auch mit seiner Stiefschwester schlafen. Verliert er, bekommt Kathryn seine identitätsstiftende Luxuskarosse.
Kritik
Zeitlos scheint das, was Choderlos de Laclos bereits 1782 in späten Jahren der französischen Aufklärung in seinem Briefroman 'Les Liasons dangereuses' vorlegte: Der Entwurf eines dekadenten Adelsporträit, die Belanglosigkeit des pompösen Hofalltages durch sexuelles Intrigantentum, Manipulationen und Eifersüchteleien überwindend. So bestehen nicht nur die aufklärerischen Ideale fort, vielmehr scheint das Thema der Niedertracht, der Gelüste und degenerierten Züge der menschlichen Psyche seltsam aktuell und unverbraucht. Hält man dem heimtückischen Menschen den Spiegel vor, läßt sich der Kern einer relativen Wahrheit nur schwer herausschälen. Wo Lüge und Aufrichtigkeit keine distinktiven Wertvorstellungen, sondern allein synthetische Mittel zum Zweck formen, wird sich irgendwann jeder im Netz der Arglist verstrickt sehen und zu Fall gebracht werden.

Um diesen Gedanken kreist auch die bereits fünften Filmadaption der Literaturvorlage, die auf die Jugend der Gegenwart transferiert wurde. Waren es 1989 zuletzt John Malkovich und Glenn Close, die es vor der Kulisse des Hochadels im 18. Jahrhundert arglistig trieben, so sind es Anno 99 angesagte Jungdarsteller, die dem dekadenten Klassiker postmodernes Leben einflößen dürfen. Unter der Regie von Roger Kumble wird alles auf hip und zeitbezogen getrimmt. Zwar ist es nicht gerade inspirativ, altes mit dem Millenniumspinsel zu entstauben, aber das Ergebnis kann sich sehen lassen. Ist die Originalität fragwürdig, macht das Schauspielerensemble die Frischzellenkur zum zynisch vielschichtigen Vergüngen. Hierbei wirkt es nur vordergründig störend, dass das Abbild der Schickeria-Umgang in allen Facetten hoffnungslos kitschig durchexerziert wird, denn es ist nur der stylische Rahmen für ein köstlich kurzweiliges Intrigenspiel.

Alles dreht sich - wie in letzter Zeit als Trend kurioserweise gerade aus dem scheinprüden Amerika zu beobachten (hat man was zu kompensieren?) - um Sex als das Wesensmerkmal, das die Empfindungen der Liebe abgetötet hat. Sex als Initiationsritus in eine kalte Welt, Sex als Machtinstrument über die Opfer, die 'gefickt' und dann makaber abgehakt werden. Und obwohl nur 'das Eine' obszöner Gesprächsgegenstand (Zentralvokabel:'ficken') und Handlungsmotivator ist, kommen sexuelle Darstellungen kaum gegenständlich vor, was sich als kein Mangel, sondern als Glücksgriff in der Inszenierung erweist. Denn so finden die Hauptdarsteller Gelegenheit, eine Stimmung zu verbreiten, die sich in kühler Erotik wie ein lüsternder Schleier über die Handlung legt. Oft sind Ryan Philippe ('Studio 54') und Sarah Michelle Gellar ('Scream 2') in ihrer verruchten Darstellung zwar kurz vor der Grenze zum Trash, aber stets ambivalent und kaum zu durchschauen. Besonders Sarah Michelle Gellar gelingt es unnachahmlich, sich im kitschigen Habitus zu ergehen und dabei schön schrecklich böse zu wirken. Stets weiss der Zuschauer nicht, worin sich ihre wahrhaften Ziele begründen, sondern nur, dass die Lüge ihre Wahrheit ist: sie ist das Paradebiest schlechthin, das jeden, selbst ihren Stiefbruder, ans Messer liefern würde.

Die anderen Darsteller, voran Reesen Witherspoon als Inbegriff der engelsgleichen Unschuld, sind gut besetzt, aber nur Beiwerk, wenn sich alles um den psychologischen Schlagabtausch der Geschwister dreht. Sie scheinen eiskalt, Engel sind sie aber nicht, weswegen die Allegorie des deutschen Titels nicht die Prägnanz des englischen Originaltitels ('Cruel Intentions') aufweist. Sobald Sebastian und Kathryn zusammentreffen, entwickeln die stets doppeldeutigen Dialoge einen zusätzlichen Reiz des sexuellen Begehrens und des Kampfes um Dominanz in der Beziehung. So strotzt das gesamte Geschehen nur vor emotionalen Antagonismen, wenn sich sexuelle Sehnsüchte mit Hass, Niedertracht, dem Mut zur Wahrheit und Gefühlen des Zwiespaltes vermischen. Alle moralische Dekadenz bricht sich an der Reinheit von Annette, die für den kaltschnäuzigen Sebastian mehr wird, als nur eine Wette. Sebastian läuft jedoch Gefahr, beim Eingestehen der Wahrheit seiner Liebe für Annette zum Opfer seiner eigenen Vergangenheit zu werden, die die immerböse Kathryn zum Gegenstand eines weiteren perfiden Spiels macht. So überrascht die erdichtete Handlung zwar nicht durch Einfallsreichtum, aber durch stete Ungewissheit und Wendungen, die mit einem melodramatischen Opfer und dem Fall der Intriganten enden. Überwiegend sexy, vielseitig gespielt und doch kitschig.



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Flemming Schock