Vampire Hunter D

Japan/USA 2000, 105min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Yoshiaki Kawajiri
B:Hideyuki Kikuchi,Yoshiaki Kawajiri
L:IMDb
„Your kind must face extinction”
Inhalt
In einer weit entfernten dunklen Zukunft stehen Vampire, die einst die Welt in Angst und Schrecken versetzten, kurz vor Ihrer Ausrottung. Auch auf den Kopf von Meier Link, einem der letzten aktiven Vampire, ist eine hohe Belohnung ausgesetzt; er hat Charlotte, die Tochter einer wohlhabenden Familie, entführt.Der geheimnisvolle Kopfgeldjäger D, ein sogenannter Dunpeal (halb Mensch, halb Vampir), nimmt die Jagd nach Meier Link auf. Doch er ist nicht allein: auch die ‚Markus Brüder', ein hoch trainiertes Vampirjäger-Team mit einem Arsenal an modernsten Waffen, sind ihm auf der Spur. Ein Wettlauf gegen die Zeit und über die gotische-anmutende Landschaft beginnt, und keiner weiß von der dunklen Macht, die im Geheimen ihre Schritte manipuliert, und sie in eine schreckliche Falle lockt.
Kurzkommentar
Runde drei Jahre nach seiner Entstehung findet „Vampire Hunter D“ im Zuge des Untoten-Trends doch noch den Weg ins Kino. Der Anime um einen rächenden Vampirjäger und ein unmögliches Liebespaar ist die reinste Seele von Endzeitatmosphäre. Sie saugt Stilbilder aller europäischer Epoche auf wirft zusammen mit Horror und Western-Elementen eine kraftvolles, sinnliches Ergebnis aus. Formal spielt „Vampire Hunter D“ damit in der obersten zweidimensionalen Liga und auch inhaltlich kann die Ausgewichtung von teils brutaler Action, inneren Konflikten und Liebesgeschichte überzeugen, wenn auch Klischees und Sentimentalität nicht ausgespart werden.
Kritik
Am Ende des vorletzten Jahrhunderts schrieb der Ire Bram Stoker „Dracula“. Vermodert ist der bis heute nicht, ganz im Gegenteil verjüngt. Der Spaß an Nacht- und untoten Wesen, an Zombies und fledermausartigen Wiedergängern, den Vampiren erlebt im Kino momentan eine neue Blüte. Die Erklärungen dafür sind sicher vielfältig, könnten von der Annahme, dass im „Volksglauben“ eingebettete mythische Faszination an kannibalischen Umtrieben auf immer währt bis zur simplen Einsicht reichen, dass sich aus dem Gut/Böse-Muster zur Not immer ein taugliches Drehbuch bauen lässt. Wie man das Blutsauger-Genre aufs Schlichteste reduziert und ihm ein zeitgemäß technoides Gewand verschafft, zeigt momentan die „Blade“-Serie recht erfolgreich.

Die ist selbst, auch wenn sie auf einer Comic-Serie aus dem Hause Marvel basiert, wohl nicht ohne Vorlage und dürfte vielmehr an diverse motivische Traditionen und Vorbilder anknüpfen. Eines davon könnte aus dem Bereich der japanischen Comic-Großkultur, der Manga-Welt kommen. „Vampire Hunter D“ von Hideyuki Kikuchi liegt in Serienbuchform schon im 22. Band vor und wurde bereits vor über 15 Jahren eher stümperhaft, weil mies gezeichnet, in die Anime-Form übertragen. Der im Mittelpunkt stehende mysteriöse Held und Vampirjäger, kurz „D“ genannt, bricht das übliche kontrastive Genremuster auf: halb Mensch, halb Vampir steht er naturgemäß zwischen den Fronten, kämpft in einem postapokalyptischen Szenario aber doch auf Seiten der Menschen.

Parallelen zur Charakteristik von „Blade“ sind offensichtlich. Wer hier vom wem kopiert hat, dürfte sich mit der Frage nach dem Alter der Comic-Serien beantworten. Und noch ein weiteres Motiv findet sich in „Blade“ eher am Rande, das „Vampire Hunter D“ im vorliegenden Film in den Mittelpunkt stellt: die nicht nur unorthodoxe, sondern fast schon revolutionäre Moral, dass so etwas wie Liebe zwischen Mensch und Vampir all dem unnötigen Anbeißen und Pfählen, dem Ringen der „Rassen“ ein Ende setzen kann. Schon im Jahre 2000 wurde „Vampire Hunter D“ als japanisch/amerikanische Koproduktion mit wesentlich höherem Budget unter Yoshiaki Kawajiri (der auch mit dem Kurzfilm „Program“ an der „Animatrix“ beteiligt ist) erneut verfilmt. Möglich, dass „Blade 2“ dem Streifen eine Referenz erwies: der Arbeitstitel war „Bloodlust“, „Vampire Hunter D“ trägt ihn im Untertitel.

Dass der Filmverleih „Rapid Eye Movies“ den Film Jahre nach seinem Entstehen noch in die Kinos bringt, hat seinen guten Grund. „Vampire Hunter D“ ist Teil eines Trends; er hat zwar nicht die Tiefe von „Prinzessin Mononoke“ oder die Komplexität von „Chihiros Reise ins Zauberland“. Genrebedingt befördert er Menschen und Vampire mit drastischen Bildern ins Jenseits und erzählt trotz der Variation und des epischen Aufwands eine einfache Geschichte. Aber das Ergebnis ist ungeachtet einiger Spannungshänger und Sentimentalitäten formal wie inhaltlich außergewöhnlich, ein klasse Anime. Vor allem der phantastische visuelle Einfallsreichtum sucht seinesgleichen, weil er das schafft, was neuere Animes häufig und die japanische Bildkultur vielleicht an sich auszeichnet: eine hemmungslos unbekümmerte Kultursynthese, für die Anachronismus Programm ist.

Das Team um Regisseur Kawajiri vermittelt die Atmosphäre eines faszinierendes Irgendwo und postapokalyptischen Irgendwann, in dem europäische Stil- und Architekturepochen Szene für Szene abenteuerlich ineinandergeschoben über das Raster von Science-Fiction, Horror und besonders Western-Formeln gelegt werden. Formal werden alle Genres gesprengt. In einem Moment sehen wir die allen Zeiten entsprungenen Protagonisten vor dorischen Säulen im griechischen Arkadien, dann in postmodernen Industriewüsten, Barockschlössern, Katedralen und klischeehaften Westernstädten. So hat die schattenhafte Identifikationsfigur „D“ stereotype Merkmale des geächteten und einsamen Outlaws. Allerdings trägt dieser keinen Revolver, sondern Schwert und schwarzes Gewand. Die Assoziationen des merkwürdigen Wortes „gotisch“ treffen seine Erscheinung.

Nicht nur das Charakterdesign von „D“, des schweigend-markigen Typen mit der plappernden Hand, trägt zur Dichte des Films bei, sondern auch die übrigen Charaktere. Alle sind sorgfältig entwickelt (besonders Leila), individuell und phantasiereich gezeichnet, die Musik ist stimmig choralisch. Erste Szenen, in denen Zombies von der illustren Jäger-Crew niedergemacht werden, scheinen das Tempo vorzugeben. Aber „Vampire Hunter D“ nimmt sich neben den schicken „ästhetischen“ Kämpfen Zeit für die Figuren, ihre inneren Konflikte und missverstandene Vampire. Die Themenkreise sind zwar recht plan, doch die dramaturgische Balance zwischen „D“, seiner gespaltenen Natur und der Flucht des Liebespaares ist klug gelöst, selbst wenn er am Ende melodramatisch gipfelt. Vor allem spielt „Vampire Hunter D“ immer die Stärken seines Looks aus, bietet etliche ätherische Zeichenmomente, ansehnliche Anime-Action und eine unvergleichliche Stimmung.

Romantischer Vampiranime mit großartig synthetischer Stimmung


Flemming Schock