Passion Christi, Die
(Passion of the Christ, The)

USA
R:Mel Gibson
B:Bibel,Benedict Fitzgerald, Mel Gibson
D:Jim Caviezel,
Hristo Shopov,
Mattia Sbragia,
Maia Morgenstern
L:IMDb
„Siehe, Mutter. Ich mache alles neu.”
Inhalt
Gezeigt werden die letzten zwölf Stunden im Leben des Jesus von Nazareth. Nach dem Abendmahl begibt sich Jesus in den Garten Gethsemane, um dort zu beten. Tief in sich gekehrt, erscheint ihm Satan und Jesus erfährt eine Vision dessen, was ihm in den kommenden Stunden widerfahren wird. Doch er widersteht der Versuchung des Bösen. Verraten von seinem Jünger Judas Ischariot wird Jesus kurze Zeit später festgenommen. Die Anführer der Pharisäer bezichtigen ihn der Gotteslästerung und verlangen seinen Tod. Jesus wird dem römischen Statthalter in Palästina, Pontius Pilatus, vorgeführt. Dieser hört sich die vorgebrachten Anschuldigungen an und erkennt schnell, dass es sich hier um einen politischen Konflikt handelt. Um einer Entscheidung aus dem Weg zu gehen, übergibt Pilatus die Angelegenheit an König Herodes. Auch dieser scheut ein Urteil und lässt Jesus zum Statthalter zurückbringen. Pontius Pilatus überlässt es nun der aufgebrachten Menge Jerusalems, offen zwischen dem Angeklagten Jesus von Nazareth und dem Verbrecher Barrabas zu entscheiden, welcher der beiden begnadigt werden soll. Das Volk entscheidet sich für Barrabas. Jesus wird den römischen Soldaten übergeben und von ihnen gefoltert.
Kurzkommentar
Die "Passion Christi" ist Gibsons Privatinterpretation der christlichen Überlieferungen auf der Grundlage seines einseitigen, sektenhaften Glaubens: Rein film-formal passabel, inhaltlich so bodenlos, dass sich jede Diskussion um Realität oder Antisemitismus eigentlich erübrigt.
Kritik
Johannes 19,1: "Daraufhin ließ Pilatus Jesus geißeln."

Johannes 19, 17: "Er trug sein Kreuz und ging hinaus zur sogenannten Schädelhöhe, die auf Hebräisch Golgota heißt."

Das Fatale an Gibsons Film ist - und dieser Punkt wurde sehr zu recht bereits vielfach bemängelt -, dass er aus diesen beiden Sätzen des Johannes-Evangeliums (welches mehr oder weniger die Grundlage für den Film bildet) zwei Drittel seiner Handlung schöpft. Geißeln, Auspeitschen, Foltern, Schlagen, Quälen, Schikanieren: Mehr fällt Gibson ganz offensichtlich nicht zur zentralen Geschichte des Christentums ein. Und man muss kein sonderlich gläubiger Kirchgänger sein, um zu verstehen, dass die Bibel viel wichtigere Botschaften hat: Liebe, Nächstenliebe, Vergebung - und vielleicht auch Auferstehung. All das unterschlägt Gibson mit penetranter Konsequenz. Stattdessen: Leid, Schmerz, Pein, Qual, und Blut, Blut, Blut. Um damit den Film zu füllen, verlässt Gibson denn auch die Schilderungen des Neuen Testaments, der gewissermaßen verbindlichen Überlieferung christlichen Glaubens: Hauptsache es schmerzt.

Der Grund für diese Perversion der christlichen Botschaft: Gibsons persönlicher Glaube, der dazu geführt hat, dass er in seiner Heimat eine Privatkirche unterstützt und finanziert, die in den Leiden Christi den Mittelpunkt der christlichen Lehre sieht. Der Sohn Gottes nimmt die Schuld der Menschheit auf seine Schultern und erlöst sie durch sein Leiden. Hinzu kommt, das Gibsons freikirchliche, konservative Glaubensgemeinschaft das Zweite Vatikanische Konzil ablehnt: Hier wurde unter anderem von der katholischen Kirche offiziell die Lehre von der Kollektivschuld des jüdischen Volkes am Tode Jesu abgeschafft. Obwohl stets zu betonen ist, dass Jesus selbst Jude war, weshalb diese Sichtweise per se kaum Sinn macht, war die Vorstellung, die insbesondere auf Matthäus 27, 25 (Pilatus weist die Schuld an der Verurteilung Jesu von sich, woraufhin die versammelte (jüdische) Menge antwortet: »Sein Blut komme über uns und unsere Kinder«) und einigen Stellen aus den Apostelbriefen beruht, historisch doch überaus wirkungsmächtig: aus ihr begründeten sich zahlreiche antisemitische Bewegungen und Pogrome. Besagte Stelle musste Gibson übrigens aufgrund von Protesten zensieren: Sie taucht zwar im Film auf, wird aber nicht untertitelt, bleibt also unverständlich.

So ist es auch kaum verwunderlich, dass Gibsons Film von den frühen Stadien der Entstehung an der Vorwurf des Antisemitismus begleitet. Als besonders heikel erweist sich hierbei, dass Gibsons Vater Hutton Gibson ein freimütiger Leugner des Holocausts ist und zum Film anmerkte, seine wichtigste Leistung sei, die Schuld den richtigen Leuten zu geben - den Juden nämlich. Seither geistert der Antisemitismus-Streit durch die Feuilletons. In der Tat bietet auch der Film genügend Anhaltspunkte und tut zu wenig, um diesen Vorwurf von sich zu weisen: Insbesondere die Darstellung des jüdischen Mobs als fratzenhafte, irrsinnige, verdorbene Meute ist doch mehr als zweifelhaft. Gerade die physiognomische Entstellung ist ein von Gibson häufig verwendetes Stilmittel, und erinnert nicht von ungefähr an die Visualisierungen der angeblichen jüdischen Abnormalität unter den Nationalsozialisten. Da diese Szenen ganz gezielt inszeniert und gewiss kein Resultat eines Versehens oder gar der Bemühung einer akkuraten Darstellung sind, sind sie folglich Absicht. Für einen bewusst antisemitischen Film ist Gibson in jedem Fall zu intelligent, und wahrscheinlich lag dies - ideologisch gesehen - auch kaum in seiner Intention. Die Existenz dieser Szenen dürfte ihre Ursache zum einen in einem gewissen Marketingkalkül haben (und diese Instrumentalisierung wäre wahrhaft schändlich), zum anderen in Gibsons - formal betrachtet - doch recht simpler Bildsprache, die in solchen Momenten eher den Regeln eines Horrorschockers folgt (und auch diese Vermischung ist sicherlich kein Ruhmeszeugnis). Ohne Zweifel hat die Antisemitismus-Debatte dem Film zu ungemeiner Aufmerksamkeit verholfen, und es erweist sich als fragwürdig, ob das laute Aufheulen insbesondere der Anti-Defamation League der Sache (nämlich der Verhinderung einer Ausweitung antisemitischer Ansichten) besonders dienlich war - in Bezug auf Gibson hätte eher gelten sollen: Don't feed the troll.

Gibsons Rechtfertigung für das Gezeigte besteht in seinem angeblichen Realitätsanspruch. In einem Cinema-Interview gab er zu Protokoll, die Evangelien für wahrheitsgetreue Augenzeugenberichte zu halten. Da verwundert es niemanden, dass Gibson jedes Wort aus dem Johannes-Evangelium für bare Münze nimmt, obwohl kaum ein Bibel-Exeget heutzutage bestreitet, dass das Neue Testament eine interpretierende Überlieferung ist. Und wenn die Worte aus dem Johannes-Evangelium nicht reichen, so wird der Film eben um ein paar andere Bibelstellen angereichert. So mutiert der Film stellenweise, insbesondere durch seine lateinischen und aramäischen Dialoge und die spärliche Untertitelung zur Zitate-Show, bei der man nur noch auf die nächste bekannte Stelle wartet, wie in einem James Bond auf den Martini-Spruch. Mit realistischer Darstellung hat das Ganze indes reichlich wenig zu tun. Wirklich historisch belegt ist von Jesu Leidensgeschichte nämlich kaum etwas. Aber selbst wenn man die Schilderung der letzten Stunden in Jesu Leben ernst nimmt und daran glaubt, dass es sich mehr oder weniger so abgespielt hat, so übersieht Gibson doch, dass selbst die Evangelisten sich nicht für sachliche Reporter hielten, sondern versuchten, ein bestimmtes Bild Jesu zu schildern. Die Aussagen Jesu sind somit als komprimiertes Glaubensbekenntnis, als literarische Charakterisierung und als verkürzte Darstellung der Ereignisse zu sehen. Nicht ohne Grund wird das bei Gibson bildschirm- und spielzeitfüllende Leiden Jesu in den Evangelien nur in wenigen Sätzen erwähnt: Es trägt weder zur Charakterisierung der Figur noch zur Veranschaulichung der Kerninhalte von Jesu Lehren bei, wie im Gegensatz dazu etwa die Gleichnisse oder die Bergpredigt.
Was mehr oder weniger gut belegt ist, sind die historischen Rahmenbedingungen, und auch hier versagt Gibsons Realitätsanspruch: Die Figuren des Pontius Pilatus und des Herodes entsprechen keinem wissenschaftlichen Verständnis der historischen Personen. Gibsons pseudo-realistisches Bemühen um linguistische Authentizität versagt ebenso, denn weder hätte Pilatus zur Menge in Aramäisch gesprochen, oder sein Untergebener Latein, noch hätten die Soldaten Latein gesprochen (sondern, wenn sie Römer waren, Griechisch, oder, wenn sie, was wahrscheinlicher ist, Palästinenser waren, Aramäisch). Ebenso wurde mehrfach angemerkt, dass die ungezügelte Brutalität der Soldaten ebenfalls unrealistisch ist: Die Soldaten unter römischem Befehl waren diszipliniert und hätten sich das im Film gezeigte Verhalten kaum leisten können.

Die vereinzelte Zustimmung, die auch hierzulande von Geistlichen zu hören war, folgend dem Tenor, man können nun erstmals sehen, welche Last Jesu tatsächlich getragen habe, darf vom Standpunkt der historisch-kritischen Betrachtung denn auch als absurd angesehen werden: Die dargestellten Qualen sind nicht realistisch, sondern eine Special-Effects-Show aus dem geistigen Universum des Mel Gibson, der in seiner Filmographie noch so den einen oder anderen wenig zimperlichen Film aufzuweisen hat (allen voran Braveheart, aber auch Mad Max, Lethal Weapon, Payback). Die Brutalität ist also einerseits ein wohlkalkulierter Schockeffekt, zum anderen Gibsons private Vorstellung des Lebens Jesu, Resultat einer besonders verqueren Interpretation des katholischen Glaubens.
Wäre der Film nicht so über die Maßen brutal, und besäße er nicht den potentiellen Makel des Antisemitismus, er hätte kaum einen solchen Kassenerfolg erzielt. Aber Gibson weiß als Hollywood-Veteran recht gut, wie man die Marketing-Maschinerie betreibt. Und so ist die »Passion Christi« trotz aller Sprachspielchen und Untertitel eben auch kein ernstzunehmendes exegetisches Werk, sondern ein Actionfilm: Gefilmt nach dramaturgischen Regeln, unter Einsatz bekannter Stilmittel, angereichert mit Blut, Schweiß und Tränen, aufgepeppt mit ein paar Special-Effects: Da darf am Ende der Teufel lachend durchs Bild sausen, natürlich fratzenhaft verzerrt - hatten wir das nicht schon mal? Auch sonst marschiert er gerne als Begleiter durch die Szenerie, natürlich abseits jeglicher Erwähnung im Neuen Testament. Realismus? Ach, was soll's, ist ein guter Schockeffekt.
Auch formal ist alles dabei: Super-Slow-Motion beim Ohrenabhacken und beim Silberstücke-Beutel-Werfen, schmalzige Rückblenden in die weichgezeichnete Vergangenheit des Buben Jesus, und ein besonders perfider Parallelschnitt: Einmal wischt Maria mit ein paar Ariel-weißen Tüchern Jesu Blut auf, kurz darauf trinken die Jünger beim Abendmahl aus den Bechern - nur was? Die Geschichte mit den Tüchern steht übrigens auch nicht in der Bibel. Und als Höhepunkt: Der gekreuzigte Jesus erhebt sich aus den Leichentüchern, und durch das Kreuzigungsloch in seiner Hand strahlt die Sonne des neuen Tages.

Warum nimmt man Gibson und diesen Film überhaupt noch ernst?

Genug Leute, die es tun gibt es, zumindest in den USA; die meisten Konservativen stimmen eifrig zu, und das bisschen Brutalität schockt heutzutage auch nur noch weltfremde ältliche Herren. Glücklicherweise tendiert die Diskussion hierzulande überwiegend dazu, den Film nicht allzu ernst zu nehmen - besser so, denn er ist nur ein Irrweg in Mr. Gibsons selten verquaster privater Weltanschauung.

Verquere, undurchdachte Leidensgeschichte - vor allem für die Zuschauer


Wolfgang Huang