Xiao's Weg
(He ni zai yiqi)

China, 116min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Chen Kaige
D:Yun Tang,
Liu Peiqi,
Chen Hong,
Wang Zhiwen,
Chen Kaige
L:IMDb
Inhalt
Tag und Nacht arbeitet der Provinzler Liu Cheng (Liu Peiqi), um seinem talentierten 13-jährigen Sohn Xiao Chun (Tang Yun) Violinunterricht bei dem berühmten Professor Yu (Chen Kaige) in Peking zu ermöglichen. Doch anstatt fleißig auf der Geige zu üben, streunt Xiao Chun durch die Straßen Pekings und entdeckt dabei nicht nur die Faszination der Großstadt, sondern auch die Reize der Liebe: Die schöne Nachbarin Lili (Chen Hong) hat es Xiao Chun angetan. Als der Junge sogar seine Geige versetzt, um für die angebetete Lili ein Geschenk zu kaufen, wird die Beziehung zwischen Vater und Sohn auf eine harte Probe gestellt.
Kurzkommentar
Auf den ersten Blick gesehen liefert Chen Kaige einen reichlich sentimentalen und wenig authentischen Film ab, der zudem handwerklich nicht unbedingt überzeugen kann. Dahinter verbirgt sich jedoch, geschickt unter der Oberfläche versteckt, eine fundamentale politische Systemkritik, die mehr als mutig ist.
Kritik
Nachdem Chens Hollywood-Ausflug »Killing Me Softly« von der Kritik fast einhellig verissen wurde, ist er mit »Xiaos Weg« wieder an den geographischen und auch inhaltlichen Ursprung seines Schaffens zurück gekehrt, nach China. Chen gehört zu jenen Regisseuren, die stets einen Balance-Akt vollbringen mussten zwischen inhaltlichem und künstlerischem Anspruch auf der einen und Zensurbestimmungen der Regierung auf der anderen Seite. Wer in der Volksrepublik heutzutage Filme drehen will, wird genau beäugt - das gilt besonders für Chen, der mit »Lebewohl, meine Konkubine« bereits einen Film vorgelegt hat, der zunächst von der Zensur übersehen, dann jedoch, nachdem man seine Brisanz erkannt hatte, schnell aus dem Umlauf gezogen wurde.

»Xiaos Weg« mit »Shine« zu vergleichen oder sich auf seine musikalischen Aspekte zu beziehen ist lächerlich - die Musik spielt, als Musik an sich, eine vollkommen nebensächliche Rolle. Ebensowenig geht es um die Geschichte des armen Jungen vom Lande, der durch sein Genie schließlich seinen Weg geht. Und schon gleich gar nicht um die Beziehung des Dreizehnjährigen zu der allzu lebensfrohen Lili, wie man mancherorts lesen kann. Vielmehr setzt Chen hier eine Reihe geradezu platter Klischees ein, um ein gewisse oberflächliche Glätte zu erzeugen und dem Zuschauer (und kritischen Betrachter) im eigenen Land wohlwollende Zustimmung zu entlocken.

Das Motiv des Bauerns, der in der Stadt sein Glück sucht, ist so ein Beispiel. Trotz der impliziten Kritik an den ärmlichen Lebensumständen im ländlichen China bietet sich hier kaum politischer Zündstoff, denn dieses Problem ist nicht nur sowieso offensichtlich, sondern zugleich gewissermaßen offiziell von der Kommunistischen Partei anerkannt; tatsächlich kann sie sogar einige Erfolge bei der Modernisierung für sich verbuchen. Ähnliche Stereotype finden sich in dem kauzigen Lehrer, in den gerissenen Marktständebesitzern oder in den wohlbekannten Stadtansichten Beijings, die in ihrem Wechsel zwischen traditionellem, modernen und romantisch-ärmlichen Bild der Partei gut gefallen dürften: traditionsbewußt, modern, volksnah.

Hinter alledem verbirgt sich jedoch mehr: Liu Cheng, sein Sohn, Professor Jiang und Lili sind, ganz platt, die anständigen Menschen in diesem Film, die in ihrem Leben hart kämpfen müssen und zugleich doch liebenswerte, empfindsame Menschen sind. Der Bauer Liu, sichtbar gezeichnet von der Kulturellen Revolution, der sich liebevoll um seinen Sohn kümmert, Xiaochun, der unter seinem Schicksal leidet und einen Ausweg in der Musik findet, Lili, die dem Geld hinterherjagt und doch nur Liebe will, und Jiang, der große Künstler, leidend an seiner Schwäche und am System, der das eigentliche musikalische Genie darstellt. Auf der Gegenseite: Die kalte Perfektion, machtvoll aber herzlos. Einzelne, versteckte Sätze bringen ein wenig Licht in diese Parellel-Ebene, etwa wenn Professor Yu dem Vater Liu bedeutet, dass Können seinem Sohn noch lange nicht den Weg an die Spitze ebnen wird - dafür muss Xiaochun nicht zu einem guten Musiker, sondern zu einem Mann mit guten Beziehungen. Und Professor Yu ist dieser Mann, der sogleich sein Credo verkündet: Empfindsamkeit könne man bei ihm nicht lernen.

Chen gelingt etwas Erstaunliches: Zum einen versteckt er diese zweite Bedeutungsebene geschickt unter einer hinreichend tragfähigen Oberfläche, zugleich aber fällt seine Kritik sehr deutlich aus, fast schon zu simpel: Seine Forderung ist gewissermaßen eine Art Aufstand der Anständigen, und als Motto könnte man dem Finale ein deutsches Sprichwort mitgeben: »Kindermund tut Wahrheit kund«. Während Liu, Lili und Jiang sich zwangsläufig dem System angepasst haben um zu überleben, rebelliert der reine, unverdorbene Geist des Kindes, er besitzt, was dem Parteigänger Yu fehlt: Empfindsamkeit und Herzensgüte.

Erstaunlicherweise loben die meisten Kritiken die oberflächlichen Aspkte des Films; in der Tat ist auch diese Geschichte sehenswert, wenngleich für sich alleine genommen zu klischeehaft und zu sentimental, auch wenn der Film zusätzlich eine schöne Beschreibung des gegenwärtigen rapiden Wandels in China, dem Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne, liefert. Doch erst die doppelte Bedeutung verleiht dem Film die notwendige Tiefe und ermöglicht es, über die etwas flache Geschichte hinwegzusehen.

Sehenswert ist in »Xiaos Weg« übrigens die erstklassige, in China sehr bekannte Darstellerriege. An erste Stelle zu nennen ist hier Liu Peiqi, der Gestik, Mimik und auch Sprache eines Bauern täuschend echt verkörpert. Die Rolle der Lili übernimmt Chen Hong, im wahren Leben die Frau des Regisseur Chen Kaige, der selbst den Professor Yu spielt. Leider nicht ganz so überzeugend: Yun Tang als Liu Xiaochun, der jugendliche Protagonist. Auch handwerklich vermag »Xiaos Weg« keine Begeisterung hervorzurufen. Die Szenen sind überaus konventionell gefilmt, die ganze Komposition eher fade, einzelne Szenen wirken geradezu billig. Zudem scheint der Schnitt stellenweise arg abrupt.

Doch nur schwerlich lassen sich technische Mängel oder dramaturgische Schwächen gegen den Mut anführen, den Chen mit »Xiaos Weg« beweist; denn obwohl es zunächst anders erscheinen mag, so ist der Film doch zutiefst politisch, ja regime-kritisch. Chen mag sogar hoffen, dass nicht allen Zuschauern der Blick hinter die Fassaden gelingt - denn allzu offensichtlich darf sein Anliegen nicht werden. Die absichtliche vordergründige Harmlosigkeit, verbunden mit einer treffenden Charakterisierung des modernen China ist Teil des Schauspiels. Doch auch der Bereich hinter den Kulissen gehört dazu, ja er ist sogar bestimmend für den Film, und wer ihn ignoriert, hat fast nichts gesehen.

Sowohl sentimental als auch fundamental regime-kritisch: Sehr sehenswert!


Wolfgang Huang