Lichter

Deutschland, 105min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Hans-Christian Schmid
B:Michael Gutmann, Hans-Christian Schmid
D:Ivan Shvedoff,
Sebastian Urzendowsky,
Alice Dwyer,
Martin Kiefer,
August Diehl
L:IMDb
„Willkommen in der Wirklichkeit, Philip!”
Inhalt
Zwei Länder, zwei Orte, ein Fluss. Die Oder trennt nicht nur das deutsche Frankfurt vom polnischen Slubice, sondern ganze Welten. Menschen, egal ob arm oder reich, suchen hier ihr Glück - und stoßen dabei oft an ihre Grenzen. Zum Beispiel der junge Zigarettenschmuggler Andreas, der durch eine unerwiderte Liebe zum Verräter wird. Oder Ingo, der Pächter eines Matratzen-Discounts, der versucht seinen Laden mit allen Mitteln vor dem sicheren Untergang zu bewahren. Antoni, ein polnischer Taxifahrer, der dringend Geld für das Kommunionskleid seiner Tochter braucht. Da sind Kolja, Anna und Dimitri, drei Ukrainer, die um jeden Preis in den Goldenen Westen wollen. Sonja, eine deutsche Dolmetscherin für russische Flüchtlinge, die es einfach wagt, das Richtige zu tun. Und Philip, ein junger Architekt aus dem Westen, der zu spät begreift, dass man für sein Glück auch Verantwortung übernehmen muss.
Kurzkommentar
Einer der ambitioniertesten deutschen Regisseure legt seine neue Arbeit vor und wählt ein erstaunlich bitteres Sujet. Hans-Christian Schmid ("Nach Fünf im Urwald", "23") zeigt uns das Schicksal mehrerer Existenzen an der deutsch-polnischen Grenze und scheut sich nicht, jeden Funken Hoffnung im Keim zu ersticken. Sein Episodenfilm funktioniert dabei nicht als kunstvoll-verschachtelte Fiktion, sondern als semi-dokumentarisches Drama teils berührender, teils äußerst depressiver Einzelschicksale.
Kritik
Es ist die Faszination des Lichts, die den Grundstein für Hans-Christian Schmids neuen Film legt. Sei es in Form des Feuers, das dem Menschen erstmals ermöglichte, die Nacht zum Tage zu machen, sei es in Form der Glühbirne, die das Hinwegsetzen über natürliche Helligkeitsverhältnisse endgültig ermöglichte. Wie kaum ein zweites, natürliches "Wunder" nimmt es aber auch unzählige sinnbildliche Charakteristika an: als Leuchtturm wird es zum Wegweiser und letztendlich Behüter des Unheils, als in der Kirche angezündete Kerze zum Symbol für Hoffnung, als Punktlicht zum Äquivalent der Orientierung. Darüber hinaus haftet ihm etwas göttliches, etwas stark übernatürliches an: Licht bedeutet nicht nur (biologisches) Leben, Licht bedeutet auch Diffusion, Unerklärbares, Mystisches.

Dass Hans-Christian Schmid nun ein derart symbolbehaftetes, aber vor allem vielschichtiges Wort zum Titel seines neuen Filmes macht, zeigt seinen Anspruch, universelle Geschichten erzählen zu wollen. Er erhebt den Begriff damit nicht nur zum angesprochenen Sinnbild des Wegweisers, der über die Oder zwischen Frankfurt und Slubice weisen soll, er unterstützt auch den Episodencharakter seiner semi-dokumentarischen Arbeit. Schon in „Nach Fünf im Urwald“, „23“ und „crazy“ hat er nicht stur aus der Sicht eines Außenseiters erzählt, sondern auch (wenn auch noch beschränkten) Raum für seine Nebenfiguren und deren Schicksal gelassen: in „Nach Fünf im Urwald“ entwickelt er parallel zur Pubertätsbewältigung der Tochter den Reifungsprozess der Eltern (und sogar die ersten Lebenserfahrungen der kleinen Schwester), in „23“ interessiert ihn ebenso das Schicksal von David wie das des Hackers Karl Koch, in „crazy“ ist ihm Janosch, dargestellt von Tom Schilling, ebenso wichtig wie Hauptfigur Benjamin Lebert.

„Lichter“ versucht nun gleich mehrere Schicksale gleichwertig nebeneinander zu stellen, sie zwar einem übergeordneten Thema zuzuordnen, aber nicht künstlich zu verschachteln (und damit allzu offensichtlich deren Fiktion preiszugeben). Jede der sechs Episoden steht für sich, jeder Handlungsfaden ist autark. Und doch ist deren Thematik natürlich nicht beliebig: es geht um Träume, Selbstverwirklichung, Liebe, oder treffender: um zerbrochene Träume, gescheiterte Existenzen, unerwiderte Gefühle. Schmid erzählt, auch formal, mit Handkamera und kargen Kompositionen von The Notwist, direkt und unverblümt, will ganz nah ran ans Leben, ein Stück „Wahrheit“, oder eher, Wahrhaftigkeit auf die Leinwand bringen. Das gelingt ihm in den meisten Episoden. Wenn Matratzenverkäufer Ingo endgültig realisieren muss, dass sein Traum von der eigenen Filiale wohl nie mehr Wirklichkeit werden wird, wenn Taxifahrer Antoni in seiner Verzweiflung das Geld derer stehlt, deren Traum er soeben noch mitverwirklichen wollte und unmittelbar in Tränen ausbrechen muss und wenn die idealistische Sonja erschütternd feststellen muss, dass ihre Hilfe schamlos ausgenutzt wurde, ist „Lichter“ ganz nah dran an der bitteren Wirklichkeit, die nach wie vor in Deutschland, aber vor allem auch in Polen existiert.

Und da jede der sechs Episoden mit einer bitteren Erkenntnis verbunden ist, nahezu jeder Traum zerplatzt und Schmid mit dem letzten Bild des Films dem Zuschauer unweigerlich ins Gedächtnis brennen möchte, wie traurig und „ungerecht“ das Leben doch sein kann, so muss gefragt werden dürfen, ob das unbedingt verfilmenswert gewesen ist. Vornehmlich depressive Sozialdramen haben wir zu genüge schon von den Brüdern Dardenne („Rosetta“, „Der Sohn“), Englands Ken Loach (eine (unbeabsichtigte) Referenz ist die Episode mit dem Kommunionskleid) oder auch Andreas Dresen („Nachtgestalten“, „Halbe Treppe“) gesehen. Aber neben der erwähnenswerten Erkenntnis, dass es auch und gerade an der deutschen (und zugleich auch) EU-Grenze noch ergreifende Schicksale gibt, ist „Lichter“ auch als die gereifte Arbeit eines Regisseurs zu lesen. Wo Schmid sich vom reinen Jugenddrama, vom Coming-of-Age verabschieden möchte, bleibt er seinen Themen treu: noch immer geht es um Selbstverwirklichung, Idealismus, Träume und nicht zuletzt deren Scheitern. Aber wo er in „Nach Fünf im Urwald“ und „crazy“ noch eine vielleicht nicht positive, aber dennoch ermutigende Bilanz gezogen hat, überwiegt hier die Bitterkeit: die kleine Marysia zündet zu ihrer Erstkommunion ein Licht an, eine große Kerze, die sie kaum halten kann. Das Schlusswort aber hat ihr Vater, der es erst zur laufenden Zeremonie geschafft hat, das gewünschte Kleid aufzutreiben und den die Kamera von hinten zeigt, mit gesenktem Kopf. Was folgt ist ein harter Schnitt ins Schwarz.

Bitteres, teils berührendes Fazit gescheiterter Träume und Existenzen


Thomas Schlömer