Open Range - Weites Land
(Open Range)

USA, 134min
R:Kevin Costner
B:Lauran Paine,Craig Storper
D:Kevin Costner,
Robert Duvall,
Annette Benning,
Michael Gambon
L:IMDb
„Die Kühe sind eine Sache. Aber einem Mann zu sagen, wohin er in diesem Land zu gehen hat, ist etwas anderes.”
Inhalt
Charley Waite (Kevin Costner) und Boss Spearman (Robert Duvall) sind die Letzten ihrer Art. Wo 1882 die Zäune der Zivilisation den Westen Amerikas noch nicht erreicht haben, treiben sie ihre Rinder über freies Weideland – unterstützt vom sanftmütigen Riesen Mose (Abraham Benrubi) und dem jungen Mexikaner Button (Diego Luna). Es ist ein hartes, aber von der Schönheit der Natur versöhntes, Leben. Bis zu dem Zeitpunkt, als sie das Reich eines Tyrannen streifen: Rancher Baxter (Michael Gambon), der das Örtchen Harmonville fest in seiner Hand hat, hasst die sogenannten „Freegrazer“ – wie die vier Cowboys, die vom Land leben, selbst aber keines besitzen. Und wider Willen sehen sich Waite und Spearman in einen gnadenlosen Kampf verstrickt, der über ihre Zukunft und die aller Bewohner von Harmonville entscheidet.
Kurzkommentar
Kevin Costner versucht mit einem schlichten Western-Entwurf an seinen großen Erfolg von „Der mit dem Wolf tanzt“ anzuknüpfen. „Weites Land“ ist in keinem Belang oscarreif und auch keine wesentliche Bereicherung für das Genre. Costner überrascht nicht, gerade in der gewohnten Inszenierung seiner selbst. Dennoch ist der überzeugend langsame Abgesang auf den Western-Mythos gut besetzt, ordentlich fotografiert und insgesamt angenehm bescheiden. Dass reaktionäre Genre-Werte transportiert werden, stört kaum. Eine Neuerfindung des Genres wäre ohnehin nicht zeitgemäß gewesen.
Kritik
Gut möglich, dass der Western mit Wurzeln und Tradition des amerikanischen Kinos zu sehr eins ist, um jemals wirklich abinszeniert und verabschiedet zu werden. Denn er ist es ja auch, der geschichtsmächtiger wurde als die Vergangenheit selbst und damit bis heute die gewalttätige Besiedlung des Raumes im 18. und 19. Jahrhundert in romantische Bilder und simple Konfliktmuster verkehrte. Ihm musste damit immer eine gute Portion ideologisch-politischer Rechtfertigung innewohnen. Und dann war es Kevin Costner, der, politisch gänzlich inkorrekt, 1990 das durchaus kulturell-imperialistische Interpretationsmuster dieser Zeit umkehrte und die amerikanischen Ureinwohner in ihr historisches Recht einsetzte – um dabei freilich selbst in ethnische Romantisierung abzugleiten. Die Weite der Prärie kann somit gar nicht ohne Klischee. Hier hat die stilbildende Kraft der Kinobilder das Genre schon zu stark geprägt.

In einem Western ist die Erwartungshaltung an das Genre damit eine sehr fixierte, die gleichzeitig ein gewisses Dilemma offenbart: So weiß man, aus welchen konventionellen Zutaten sich das Präriekino zusammenzusetzen hat, und auch die Konfliktmuster sind letztlich die ewig gleichen. Und genau diese Dinge will die Sehkonvention vorgesetzt bekommen, vergegenwärtigt dabei aber gleichzeitig deren Abgegriffen- und Absehbarkeit. So schien auch aus diesem Grund das Genre in jüngster Zeit anachronistisch und zum Tode verurteilt, weil dramaturgische und erzählerische Grenzen ausgeschöpft, weil Weltbild und Mythos des Western der Postmoderne nicht mehr als ein müdes Schmunzeln entlockt. Und dennoch lebt das Ganze in doppelter Nostalgie fort, in der Erinnerung an den Ursprung des „amerikanischen Traums“ selbst, an die Utopie der Vergangenheit, und an die Hochzeit des Westerns in Hollywood. Dass sich Kevin Costner in seiner vierten Regiearbeit sich wieder dem Genre annimmt, hat natürlich primär Karrieregründe: „Der mit dem Wolf tanzt“ von 1990 war sein überwältigender Erfolg, er konnte ihn nie wiederholen.

Costner versucht also, sich selbst zu kopieren und steht dabei vor dem Problem, dass ein Western der Revision der Gut-Böse-Rollen auch nichts Neues mehr wäre. Das Motiv der einsamen Selbstfindung in den Reihen der Fremden hat gerade erst „Last Samurai“ noch einmal variiert. Um politische Verlegenheiten von vornherein auszuklammern, spielt der Konflikt mit den „Indianern“ in „Open Range“ überhaupt keine Rolle. „Weites Land“ – aber schon der Unterton des Titels lässt erahnen, dass jenseits aller möglichen Differenzierung und gleichzeitigen Zitation des Genres gerade bei Costner mal wieder eine gute Portion rührseligen Rückblicks im Spiel sein wird. Dass er den Western in seiner alten Verfassung ernst nimmt und trotzig bereit ist, damit schon formal gegen die Gegenwart des Actionkinos und der schnellen Bilder zu inszenieren, macht der Rhythmus der ersten Bilder schlagend deutlich: „Weites Land“ verweist auf die Poesie des Bildes, die im Western will- oder unwillkürlich zwangsweise Idyllisierung bringt.

Seeleruhig legt sich der Blickwinkel der Kamera über saftige, schier endlose Wiesen. Horizont und durchwölkter Himmel scheinen ebenso unbegrenzt. Schnell stellt sich die klassische Vorstellung der Freiheit jenseits der Gesellschaft ein und durch die Stimmungslandschaft werden die Protagonisten eher erläutert als durch die ohnehin spärlichen Dialoge selbst. Viele Worte über Respekt und ehrenhaftes Verhalten werden nicht gemacht, das würde auch der Theorie des Genres widersprechen. Es ist vielmehr ja so, dass jeder seine Gesetze selbst schreiben und allein gegen die Vergangenheit ringen muss. Vor ihr bietet die Weite der Prärie nur bedingt Flucht. Dieses reaktionäre Muster legt sich auch Costner zu Grunde, bringt es aber letztlich ohne überbordene Sentimentalität zur Anwendung und versucht es im übergeordneten Grundkonflikt gleichzeitig aufzubrechen: Die Cowboys Boss und Waite sind die letzten ihrer Art, die noch den klassischen, ja altmodischen Freiheitsbegriff leben und ihn gegen die Moderne in Gestalt des skrupellosen Großgrundbesitzers verteidigen müssen. So reflektieren, wie schon in „Der mit dem Wolf tanzt“, Einzelschicksale einen größeren Entwurf. Wen die Zuschreibung des Heldentums trifft, ist dabei natürlich von vornherein ausgemacht.

Das über weite Strecken angenehm antiquarische von „Weites Land“ ist seine schon fast anmaßende Ruhe. Costner erklärte in einem Interview, er wüsste, dass mit Western ohnehin kein Geld zu machen sei – wieso also die von radikal schnellen Schnitten und atemlosem Vorpreschen dominierte Sehgewohnheit der jüngeren Generation bedienen? Nein, das Tempo dieses Films ist störrisch langsam, von daher schon eine Referenz vor den Gesetzen der Alten des Genres. Spearman und Waite werden nicht durch lange Erklärungen aufs Differenzierteste vorgestellt und dennoch gelingt es Costner, in der entwickelten Ruhe gleichzeitig viel über das Seelenleben seiner Charaktere zu vermitteln. Das ist weder sonderlich originell oder bewegend. Es funktioniert aber, weil das Zusammenspiel von Costner und Robert Duvall sehenswert ist. Duvall wirkt jedoch um Längen souveräner als Costner, der nur einmal mehr den in sich Verkehrten, den grüblerisch Verschlossenen mimt.

Bringt man Geduld für einen Eskapismus aus der hektischen Schnittwelt im Kino mit, belohnt „Weites Land“ trotz offensichtlicher Längen. Dass das transportierte Unrechtsbewusstsein vor vornherein keine Flucht vor den Bösewichten, sondern nur den Kampf erlaubt, ist ebenso unvermeidlich wie der daraus resultierende Showdown. Doch fallen die genreobligaten Schüsse hier erst spät, dann aber wuchtig. Und auch hier gibt sich Costner klassisch, indem seine Bildsprache keine möglichst kunstfertig geschnittene Gewaltästhetik entwickelt, sondern in zuweilen distanzierten Aufnahmen Gewalt zeigt, wie sie wohl eigentlich ist, nämlich schlichtes Abknallen. Damit wird gleichwohl das Gebrochene in der Figur Waites schlussendlich der Heldenkonvention geopfert: Waite hat mit Mut, der Tugend, die siegen muss, alle gerichtet, die es verdient haben und die Liebe erobert. Die Geschwindigkeit, in der sich die Romanze zu Sue entwickelt, ist jedoch alles andere als glaubwürdig. So verliert sich „Weites Land“ zum Ende hin in verkitschter Westernidylle, die viel über Costners eigene Sehnsucht verrät. Immerhin hat Robert Duvall als Boss immer einen weisen Aphorismus auf den Lippen.

Der Film ist en bloc sicherlich kein großer Wurf, da die Geschichte, die er erzählt, trotz aller Mühe keine größeren Dimensionen gewinnt. Zudem verweigert „Weites Land“ jedes Experiment. Aber darin liegt wohl auch seine Stärke. Als handwerklich tadelloser und gut besetzter Western ist Costners neue Regiearbeit nie manieriert oder selbstverliebt, eher angenehm bescheiden und verhältnismäßig unsentimental. „Weites Land“ ist ein schön betulicher Genrevertreter, der insgesamt das tut, was ein Western doch immer tun muss: bedauern, dass es keine Cowboys mehr gibt.

Altbackene Western-Hommage mit überzeugendem Stil und Ensemble


Flemming Schock