Last Samurai
(Last Samurai, The)

USA, 154min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Edward Zwick
B:John Logan
D:Tom Cruise,
Ken Watanabe,
Masato Harada,
Timothy Spall
L:IMDb
„Es ist, als ringen die Moderne und die Antike um die Seele Japans”
Inhalt
Im amerikanischen Bürgerkrieg hat Captain Nathan Algren tapfer und ehrenvoll gekämpft. Aber die anschließenden grausamen Feldzüge gegen die Indianer haben ihn nachhaltig ernüchtert und entwurzelt. Jenseits des Pazifiks lässt sich der junge japanische Kaiser von den Amerikanern umwerben, die ein begehrliches Auge auf den asiatischen Markt geworfen haben. Der Tenno engagiert Algren, um in Japan eine moderne Armee nach westlichem Vorbild aufzubauen. Doch in dem fremden Land muss der Captain erfahren, dass Japan von der Habsucht und dem Eigennutz der anrückenden Moderne ebenso bedroht wird wie die sterbenden Völker der Ureinwohner im amerikanischen Westen. Denn mit der Einführung westlicher Militärprinzipien ist das Ende der uralten Kriegerkaste der Samurai besiegelt. Als der Amerikaner den Samurai-Führer Katsumoto kennen lernt, merkt er schnell, dass der traditionelle Ehrenkodex der japanischen Krieger die gleichen Prinzipien von Mut und Opferbereitschaft umfasst, die einst auch Algren zu den Waffen riefen.
Kurzkommentar
Das Kinojahr will mit einem epischen Paukenschlag beginnen, aber Edward Zwicks „The Last Samurai“ ist nicht mehr als kulturnaives Unterhaltungskino auf technisch hohem Niveau. Tradition und Moderne, Japan und Europa geraten in symbolischen Konflikt und die hölzernen Dialoge des Films zur unfreiwilligen Lachnummer. Aber trotz Geschichtsklitterung, pathetischem Schmalz, Folklorekitsch und herrlich einfacher Weltbilder ist der fernöstliche Western ohne Frage eine der besseren Tom Cruise-Filme. Edward Zwick schafft magnetische Bilder, die vor allem ihren Star transportieren.
Kritik
Die Konfrontation mit dem Fremden war ja immer der beste Gradmesser für die eigene Identität. Durch die andere Kultur entdeckt man sich am besten selbst. Was in der Geschichte seit der Entdeckung Amerikas einen komplexen interkulturellen Diskurs zwischen ethnischer Ausrottung, imperialistischer Arroganz und Verständigung ausmachte, hat mit der Aneignung und Konstruktion des Bildes von Japan im gegenwärtigen westlichen Kino wohl kaum etwas zu tun. Was hier dominiert – und der erfolgreiche Import von Anime-Streifen ins hiesige Kino zeigt das – ist die Begeisterung für das Exotische, für das geradezu Spannende und rätselhafte einer Kultur, die uns, wie die chinesische auch, weitgehend verschlossen bleibt. Berauscht sich der westliche Film an Motiven des japanischen Kinos, werden sie – was jüngst erst „Kill Bill“ zeigte – zum ironischen Zitiergut, zum kulturellen Putz, Resultat der „Cool“-Faszination des Exotischen. Im Kino mag man sich am bequemsten und effektivsten vor der eigenen Kultur flüchten, wenigstens für die Länge des Films. Das befriedigen Regisseure, indem sie das Klischee Japans gehörig bedienen.

Dabei scheint ja die offensichtliche Ambivalenz dieses Klischees Japans Triumph als Motiv im Kino auszumachen: auf der einen Seite transportiert sich ein Bild von Hypermoderne, Megalopolisvision und „Akira“, in dem Japan irgendwo als Symbol für „die“ Zukunft schlechthin steht. Kontrastiert ist das vom zweiten Bild, der Vergangenheit, von harmonischer Ziergartenkultur, Lotusblüten, hakenden Mönchen, Spiritualität und der Kriegerkaste der Samurai – und auch der mysteriösen Ninja, die nicht nur in „American Fighter“, sondern auch in Edward Zwicks „Last Samurai“ als Gimmick durch die Gegend fliegen. Zwick erprobte sich mit „Glory“ und „Legenden der Leidenschaft“ schon vorher erfolgreich im „Historischen“. Die einzig halbgare Überraschung hier jedoch ist nun nicht, dass Zwick eine für alle zugängliche sentimental-romantische Verkitschung des „alten“ Japans zeigt, sondern, dass er im Umgang mit der amerikanischen Vergangenheit, die als Kontrast gelesen wird, für ein Mainstreamereignis ungewöhnlich kritische, wenn auch platte Töne findet. So ist Nathan Algren im Amerika der 1870er Jahre zum Alkoholzombie mutiert und traumatisiert, weil er Teil des Genozids an den Indianern war.

Cruise gibt sich von Beginn an mit rot unterlaufenden Augen manische Mühe, diesem historisch-politischen Kommentar in jeder Nahaufnahme Ausdruck zu verleihen. Und davon gibt es eine Menge. Das war´s allerdings auch schon mit den Überraschungsmomenten, denn schon vor diesen Szenen sind Linearität und Vorhersehbarkeit des Streifens durch die Eröffnungssequenz festgemacht: früher, da gab es die Samurai und ganz Japan war voller Ehre, Punkt. Wie Algren diese und damit natürlich auch sich selbst wieder findet, darauf streben die restlichen zweieinhalb Stunden des Films zu. Zusammen mit John Logan, dem „Gladiator“-Drehbuchautor, hat Edward Zwick „Der mit dem Wolf tanzt“ in den fernen Osten verlegt und dabei einen trashigen Kulturklimbim produziert, der sich furchtbar ernst nimmt und auch dank unfreiwilliger Komik, aber vor allem wegen atemberaubender Bilder recht unterhaltsam daherkommt. Klasse ist vor allem, wie sich der Streifen nach dem ersten Samurai-Angriff zum offensichtlichen Cruise-Vehikel wandelt und mit tiefem Blick für die Oberfläche zeigt, wie sich der traumatisierte Suffkopp mit ein bisschen Reis und Kimono innerhalb weniger Monate zum waschechten Samurai wandelt.

Diese aufregende kulturelle Transferleistung ist einerseits folkloristischer Kitsch in fast unheimlicher Zuspitzung, schafft es aber auch nicht zuletzt durch einen ehrwürdigen Ken Watanabe von Ehre und einem humanen Menschbild in jeder Einstellung zu künden. Das ist zwar nicht wahrhaftig Japan, aber wahr ja dennoch, weil die Vorstellung poetisch schön ist. So steht man dann schließlich auch gemeinsam im Lotusgarten und redet mächtig hölzern daher. Denn sobald im „Last Samurai“ geredet wird, darf ob dümmlichster Dialoge nicht selten geschmunzelt werden. Gleiches gilt letztlich für das kolportierte und polierte Samurai-Image, bedenkt man, wie sehr sie hier als edle und selbstlose Beschützer Japans in der Opferrolle idealisiert werden. Dabei ging es im historischen Samurai-Aufstand des 19. Jahrhundert unerbittlich um Machtinteressen- und Verlust. Stattdessen wird hier Rundumschlag gegen die Moderne und ihre Symbole ausgeholt, welche die Seele Japans hier zu einer Zeit bedroht zu haben scheint, als Europa seine eigene in industrieller Revolution und folgender technischer Prostitution schon längst verloren zu haben schien.

Dementsprechend eindimensional sind hier die Vertreter der entsprechenden Weltbilder skizziert. So hat der skrupellose Omura (Masato Harada) sich selbst an den bösen Westen verkauft und den Kaiser zur Marionette degradiert. Mit ihm geraten die Symbole eines Jahrhunderts, das in Europa gnadenlos an sich selbst und an den Gott des technischen Fortschritts glaubte, zu ultimativen Weltzerstörungsmetaphern. Die Eisenbahn, eigentlich Symbol des Fortschritts, zerfetzt hier die naturmystische Idylle und Haubitzen leiten donnernd die Moderne der Kriegsführung ein, gegen die - so das „Bushido“-Klischee - die Samurai mit rührender Naivität zu Felde ziehen. Und so lernt auch Algren, was schöneres, weil ehrenvolleres Sterben heißt. Und irgendwann einmal muss es ja auch in Europa so zugegangen sein, früher, im hohen Mittelalter, das in Japan so traumhaft in den Samurai, den dortigen Rittern, bis heute nachschwingt. So setzt Zwick auf die Sympathie des Publikums, auf Sehnsucht nach der guten alten Zeit, gleich, wo sie nun liegen mag.

Klar, dass im folgenden Schlachtenlärm das Pathos dabei nur so donnert und zuweilen ins Lächerliche kippt, gerade, wenn Hans Zimmers Heroenmusik ohrenbetäubend dazu kracht und Alles mit wehenden Fahnen dem Untergang entgegenrennt. Aber trotzdem beweist Zwick hier Geschick für extrem opulente, auch alte Bilder des Actionkinos, die packende Wirkung erzielen. Gezeigt werden nur wirkliche Statisten, was den digital generierten Millionenmassen des „Herrn der Ringe“ etwas Merkwürdiges voraus hat. Dass aller Edelmut und alle Kampfeskunst schließlich vor einer der tödlichsten modernen „Errungenschaften“ zu kapitulieren droht, ist dann nur die billigste, für den Moment aber wirksamste Symbolik. Schließlich bleibt aber doch das Schlachtfeld auch das Feld der Ehre, so paradox das anmuten mag. „Last Samurai“ ist ein platter Folklorewestern mit Trashallüren, aber gut besetzt, brillant bebildert und im Rahmen seiner Möglichkeiten wenigstens in Momenten um Differenzierung bemüht. Für ein Epos ist das zuwenig, für funktionierendes Gefühlskino reicht es.

Naiv-symbolischer Krieg der Kulturen mit hohem Schauwert


Flemming Schock