One Hour Photo

USA, 96min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Mark Romanek
B:Mark Romanek
D:Robin Williams,
Connie Nielsen,
Michael Vartan,
Dylan Smith,
Eriq La Salle
L:IMDb
„Schnappschuss ist ursprünglich ein Begriff aus der Jagd.”
Inhalt
Der einsame Fotoentwickler Seymour Parrish (Robin Williams) sehnt sich nach Liebe und einer Familie. Mit den Jahren hat sich sein Wunsch zur krankhaften Besessenheit gesteigert. Heimlich kopiert er die Familienbilder seiner attraktive Stammkundin Nina Yorkin (Connie Nielsen) und formt sich daraus in seiner Phantasie eine Ersatzfamilie. Immer häufiger verschwimmen Fiktion und Realität. Als ihm sein Chef auf die Schliche seiner Obsessionen kommt, wird Seymour entlassen. Für den allein stehenden Mann bricht eine Welt zusammen. Er will "seine" Familie nicht verlieren - und dafür ist ihm jedes Mittel recht. Zur Not mit Gewalt.
Kurzkommentar
Mit begnadetem, handwerklichem Talent und sorgfältigem Drehbuch entwirft Kinodebütant Mark Romanek ein sanftes, trauriges und vorzüglich inszeniertes Seelenbild eines vereinsamten Mannes. Die superbe, schaurige Atmosphäre verdankt er dabei nicht zuletzt seinem großartigen Hauptdarsteller Robin Williams.
Kritik
Robin Williams, dank prägender Rollen in "Good Morning Vietnam", "Club der toten Dichter", "Hook" und "Mrs. Doubtfire", von der Kritik schon hoffnungslos im Rollentypus des gutherzigen, stets zu Scherzen aufgelegten Vorzeigepapa in die entsprechende Schublade eingeordnet, ersonn sein persönliches Kinojahr 2002 zum Jahr des endgültigen Imagewechsels. Erst übernahm er die durchaus noch sarkastisch-ironische Rolle des 'Rainbow' Randolph Smiley in Danny DeVitos wenig erfolgreicher Komödie "Death to Smoochy", dann zog es ihn mit Christopher Nolans "Insomnia" und nun Mark Romaneks "One Hour Photo" endgültig in die Thrillerecke. Und in der konnte auch Mondgesicht Williams durchaus der Killer sein.

Dass sein Casting in erster Linie aufgrund der bisherigen Filmographie Interesse weckt, ist eine Option, die nicht sonderlich vielen Schauspielern offensteht. Manche, die eine ähnlich monotone Filmhistorie vorweisen können, wollen entweder nicht wechseln (Clint Eastwood), scheitern gnadenlos (Silvester Stallone, Arnold Schwarzenegger) oder hatten einfach nur Glück, dass sie im richtigen Film gelandet sind (Bruce Willis). Nur wenigen gelingt das Spiel mit dem eigenen Öffentlichkeitsbild derart gut, dass ihre andersartigen Auftritte gleich doppelt Spaß machen (Hugh Grant).

Williams nun, schon in "Insomnia" durchaus mit diffizilerem Spiel als gewohnt, kann mit dem kleinen, aber feinen Drama "One Hour Photo" endgültig als charismatischer Darsteller gelten. Sein rundes Gesicht, seine großen Augen, seine Minimalmimik und das darin doch großartig eingefangene Seelenbild gibt seinem zwiespältigen Charakter Sy eine gleichzeitig faszinierende und unheimliche Stärke. Allein von seiner Ausstrahlung, von seinem bewussten Spiel gegen den Spaßvogel, bezieht der Film eine immense Anziehungskraft - gerade im Originalton.

Dass aufgrund dieser Präsenz der dahinterliegende Film beinahe untergeht, war zu befürchten, ist aber Gott sei Dank nicht eingetreten. Trotzdem Williams den Film rollengemäß dominiert, hat Videoclip-Regisseur Mark Romanek sein Kinodebüt vollkommen unter Kontrolle. Mit größter handwerklicher Präzision entwirft er ein nahe gehendes, durchaus komplexes, vor allem aber unendlich trauriges Psychogramm einer gescheiterten Existenz - und zeichnet nebenbei ein gräßliches Bild des amerikanischen Traums.

Das bemerkenswerte an Romaneks Debüt ist dabei seine reine, scheinbar unendlich durchdachte Dekonstruktion Williams' Charakters. Während sich vergleichbare Thriller wie etwa "Red Dragon" immer noch nicht verkneifen können, auf platteste Psychologisierung zu setzen (Mutterkomplex), verzichtet Romanek auf derartige Simplifizierungen und entwickelt seinen Charakter vollkommen aus dem Filmgeschehen heraus. Sy Parrish ist -trotzdem Romanek leider nicht auf abgedroschenen Psychopathen-Look inkl. großgläsiger Brille und Blondfärbung verzichten konnte- eben kein Charakter, dessen Wahnsinn in einer unglücklichen Kindheit wurzelt (zumindest setzt Romanek nicht dort an). Stattdessen ist er sowohl der vereinsamte, traurige Angestellte (die fehlende Familie) als auch das Produkt einer falschen, egoistischen Gesellschaft (sein gebieterischer Chef). So ist Parrish nicht von Natur aus aggresiv, geschweige denn gewaltbereit. Er will auch nicht einfach Will Yorkin aus dem Weg schaffen, weil er auf dessen Leben und Familie neidisch ist (wie es soviele 08/15-Thriller thematisieren). Erst als ihm die beiden letzten Dinge genommen werden, die ihn noch stabilisierten, bricht seine Abwehr (Parrish von "to parry" - parieren) zusammen (und dann auch nur "gemäßigt"): zum einen seinen Job, zum anderen das von ihm so ersehnte Bild der idealen Familie - auch wenn es nicht seine eigene ist.

In seinem psychologischen Ansatz liegt letztlich die große Stärke des Films: er liefert immer glaubwürdige Handlungsmotive für Parrish, gibt sie aber nie der Popularisation preis. Er bemüht sich redlich Parrish unvermeidbaren Ausbruch durch unerträgliche, äußere Umstände, seine Einsamkeit, die Falschheit seiner Umwelt, zu charakterisieren und sucht den Grund nicht im abnormalen, labilen Zustand seiner Seele. Romanek will nicht den Standard-Psychopathen, sondern legt wert auf Motivation und Hintergrund und genau das macht aus "One Hour Photo" denn auch vielmehr ein verzweigtes Drama, denn den üblichen Serienkiller-Thriller. Und wie erfrischend es ist, der kontemplativen Ruhe von "One Hour Photo" folgen zu können, statt sich mit ewigen Verfolgungsjagden langweilen zu müssen.

Doch damit nicht genug: Romanek, eben durch Videoclip-Erfahrung und TV-Spot-Filmographie, visuell mehr als trainiert, gelingt auch das Kunststück, Inhalt und Form zu verheiraten, ohne das eine dem anderen zu opfern (wie etwa David Fincher zuletzt in "Panic Room"). Dass Romanek dabei auf einen Storyhintergrund, die Fotografie, zurückgreift, die nicht nur die Anfänge allen Films bedeutete, sondern dem Menschen zum ersten Mal ermöglichte, "die Zeit zu stoppen", unterstützt auf nahezu geniale Weise das Sujet des Films. Zum einen dient es der Charakterisierung Parrishs, zum anderen erlaubt dies Romanek, die Gestaltung des Films selbst seinem Thema anzugleichen. So flüchtet Parrish in einem der bildsprachlich großartigsten Momente des Films im Keller eines Hotels vor der Polizei und kämpft sich nahezu unbemerkt durch feine Farbfilter, die die Grundfarben der Fotografie abdecken.

Und auch wenn handwerkliche Anleihen an das große Vorbild Stanley Kubrick unübersehbar und Detailmängel durchaus vorhanden sind, so ist "One Hour Photo" doch ein bemüht unkonventionelles, vornehmlich leises Drama und eines der nachdrücklichsten und traurigsten Psychogramme der letzten Jahre.

Intensives, präzise inszeniertes Psychogramm mit kritischem Unterton


Thomas Schlömer