Nackt

Deutschland 2002, 98min
R:Doris Dörrie
B:Doris Dörrie
D:Heike Makatsch,
Benno Fürmann,
Alexandra Maria Lara,
Jürgen Vogel
L:IMDb
„Ach, sind wir jetzt endlich alle glücklich?”
Inhalt
Drei Paare, die seit langer Zeit eine intensive Freundschaft verbindet, treffen sich zum gemeinsamen Abendessen. Doch die Zeiten, in denen alles unkompliziert lief, sind längst vorbei. Emilia (Heike Makatsch) und Felix (Benno Fürmann) sind frisch getrennt, während Dylan (Mehmet Kurtulus) und Charlie (Nina Hoss) durch plötzlichen Reichtum "Fett auf der Seele" angesetzt haben. Lediglich zwischen Annette (Alexandra Maria Lara) und Boris (Jürgen Vogel) knistert es wie am ersten Tag. Während eines gemeinsamen Dinners schlägt Felix ein Spiel vor: Zwei der Paare sollen sich die Augen verbinden und versuchen, den jeweiligen nackten Partner durch Tasten zu erkennen. Ein Experiment, das nicht ohne Folgen bleibt.
Kurzkommentar
Glück ist eine Erwartung, kein Zustand. Doris Dörrie zeigt auf authentische Weise drei Paare im Kampf gegen die Widrigkeiten des täglichen Menschseins. „Nackt“ driftet dabei häufig in klischeehafte Melodramatik ab, schafft es aber dank sehr guter Darsteller im Dauerredefluss, die Möglichkeiten von Liebe und Glück intelligent wie unterhaltsam abzubilden.
Kritik
Wie fühlt man den deutschen Befindlichkeiten auf den Zahn? Am besten gesprächig, mit möglichst vielen Worten. Mythen des Alltags wollen ja schließlich erklärt sein. Zur Bestandsaufnahme der Seelenlagen in der gegenwärtigen Gesellschaft dürfte kaum jemand besser geeignet sein als Doris Dörrie. Der erfolgreichen Regisseurin und Autorin scheint es seit jeher ums Existentielle zu gehen, schon die Titel ihrer letzten Filme verraten das programmatisch: „Niemand liebt mich“ und „Bin ich schön?“.

Geändert hat sich das auch nicht, denn „Nackt“, eine Adaption ihres eigenen Theaterstückes „Happy“, deutet an, mit welchen Mitteln wonach geschürft werden soll: nach dem Wirklichen, nach Liebe, nach profundem Glück und dessen Bedingtheit, nicht nach oberflächlicher „Happyness“. Dahin muss bei allem Theater im Leben der Mensch nun erst einmal durchdringen, mit den Mitteln der Nacktheit eben. Beziehungen, auch Liebe genannt, sprechen ja eine Sprache, mit der alle aneinander vorbeireden und sich bald selbst nicht mehr erkennen. Das kennt man ja.

Aber können unterschiedliche Erwartungshaltungen hinsichtlich eines individuellen, gemeinsamen Glücks auf einen Nenner gebracht werden? Oder projiziert der jeweilige Partner nur den eigenen Traum in sein Gegenüber, so dass die ganze Liebe nur ständige Sehnsucht und Verlangen nach dem unbestimmten Anderen ist? Und muss man sich erst fremd werden, um sich wirklich lieben zu können? Das sind Fragen von verwirrender Alltäglichkeit, mit den Mitteln einer unpräzisen Sprache kaum zu lösen. Dörries verdeutlicht es eloquent.

Der formale Aufbau von „Nackt“ zeigt sich in einer artifiziellen, aber angenehmen Straffheit, der man Bühnenprovenienz und typisierenden Charakter deutlich anmerkt: der Reihe nach werden drei Paare in ihren unterschiedlichen Lebensräumen vorgestellt. Die soziale Dreistufung läuft vom alternativen Studentenloch über die IKEA-Kulisse bis zur dekadent unterkühlten Designerbude. Die billigste Erkenntnis ist auch gleich die, dass das gesuchte Glück ganz sicher nicht im Geld zu finden ist. Es gibt aber einen Grundton an, in allen drei Beziehungen.

Auch sonst ist man ganz verwandt, auch wenn drei unterschiedliche Ausgangsstadien vorausgesetzt werden: das eine Paar ist frisch getrennt, das andere vermeintlich glücklich und das dritte reich und damit sicher das unglücklichste. Schließlich ist die Natürlichkeit des Zusammenseins schon im Luxus erstickt. Bis nun alle sechs zur Läuterung zusammengebracht werden, seziert Dörries mit ungewohnter Authentizität die ausweglosen Eigenarten des Zusammenseins.

Sie sucht nach dem Punkt, von dem an die Liebe nur noch Beziehung ist, wo man sich fremd wird oder wo das Erregende der Liebe stirbt, paradoxerweise weil man sich zu vertraut geworden ist. Verlassen kann sich Dörrie dabei auf sehr gute Darsteller, die allesamt zur Höchstform auflaufen, und das gilt diesmal sogar für Benno Fürmann. Gelegenheit zu reden haben denn auch alle mehr als genug. Dörries macht den deutschen Film wieder redefreudig, sogar geschwätzig. Mit unverbindlicher Fahrstuhlmusik im Hintergrund ist das Gerede oft schon banal.

Aber es hält den Seelen eben auch einen glaubwürdigen, wortstromartigen Spiegel vor. Das erfordert erst Geduld, macht dann aber eleganten Spaß. Zwar hat das Räsonnieren einen geringen Erkenntniswert, doch man merkt, dass Dörries etablierte Autorin ist. „Nackt“ zeigt, wie Zynismus als Schutzmechanismus an die Stelle von unverstellter Unsicherheit tritt und wie Menschen miteinander nur mehr zufrieden sind, sich aber unter Glück etwas anderes vorstellen. Sobald dann aber auch metaphorisch alle Hüllen gefallen sind, wird alles wieder natürlich geordnet.

Dass zur wiedergewonnenen Selbsterkenntnis und der des anderen aber erst blinder Körperkontakt notwendig ist, ist, wie es „Nackt“ zeigt, nicht wirklich befriedigend. Liebe ist nicht nur Körperlichkeit, sie ist unsicher. Das einzige was Halt verspricht, ist an sie und daran zu glauben, dass man trotz allem glücklich ist. Dass man aber auch vollkommenes Glück unabhängig von der Liebe nur in Momenten erfährt, dass das aber auch in Ordnung ist, zeigt eine Szene sehr eindrucksvoll. Der Katharsiseffekt ist letztlich wirklich kein großartiger.

Trotzdem bildet „Nackt“ die Kuriositäten von lächerlichen, aber eben doch so menschlichen Beziehungsscharmützeln ziemlich pointiert ab. Eingefangen wird damit auch eine der wenigen Absolutheiten der Existenz, dass man nämlich über dem ganzen altklugen Gerede, bestimmt von unausgesprochenen Erwartungen, nie zu einem Ende kommt. Manchmal hält man nur kurz befriedigt inne und denkt, alles sei für einen so, wie es sein müsste. Selbstironisch ist das zu ertragen, Dörries zeigt dies mit geistiger Geschwätzigkeit. Im Grunde ist das für den deutschen Film ein Gewinn.

Redefreudige Existenzstudie mit leichtem Hang zur Banalität


Flemming Schock