Harry Potter und der Gefangene von Askaban
(Harry Potter and the Prisoner of Azkaban)

USA / England, 141min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Alfonso Cuarón
B:J. K. Rowling,Steven Kloves
D:Daniel Radcliffe,
Gary Oldman,
Rupert Grint,
Emma Watson,
Michael Gambon
L:IMDb
„Sie saugen uns die Seele aus dem Leib!”
Inhalt
Widerwillig hat der 13-jährige Harry Potter seine Sommerferien erneut bei seinen unausstehlichen Verwandten, den Dursleys, verbracht, und kommt erneut nicht herum, seine Zauberkräfte anzuwenden. Aus Angst vor Tante und Onkel flieht Harry in die Nacht - nicht zuletzt fürchtet er auch ein Nachspiel in Hogwarts beziehungsweise im Ministerium für Zauberei, das den Schülern Zauberei in der nicht-magischen Welt strikt untersagt. Sofort nimmt ihn der Fahrende Ritter auf, ein fantastischer dreistöckiger lila Bus, der ihn im Nu am Gasthaus Zum Tropfenden Kessel absetzt. Dort wird Harry von Cornelius Fudge, dem Minister für Zauberei, empfangen, der ihn für seine eigenmächtige Zauberei erstaunlicherweise nicht bestraft, sondern stattdessen darauf besteht, dass Harry die Nacht im Tropfenden Kessel verbringt, um dann in Hogwarts sein drittes Ausbildungsjahr zu beginnen. Schnell wird klar, dass der gefährliche und rätselhafte Zauberer Sirius Black aus dem Askaban-Gefängnis entkommen ist - es heißt, er sei auf der Suche nach Harry. Der Legende nach war Black verantwortlich dafür, dass Lord Voldemort Harrys Eltern aufspüren und schließlich umbringen konnte.
Kurzkommentar
Mit dem Mexikaner Alfonso Cuarón versucht ein Regisseur zum ersten Mal, dem „Harry Potter“-Universum etwas mehr abzugewinnen als reine Attraktionswerte. Dank der dichten und äußerst stimmungsvollen Inszenierung gelingt ihm dabei ein durchaus behutsamer Einblick in Harrys beginnende Adoleszenz ohne den Kriminalplot oder liebevolle Details außer Acht zu lassen. Sicher der bislang beste Teil der Serie.
Kritik
Endlich ein Harry Potter-Film, der eine Auseinandersetzung wert ist. Haftete dem „Stein der Weisen“ sowie der „Kammer des Schreckens“ unter der Regie von Chris Columbus doch immer etwas Lehrbuchhaftes an, wo es nur darum ging, auch ja allen Kriterien eines konventionellen Unterhaltungsfilms gerecht zu werden, gelingt mit „Der Gefangene von Askaban“ die bislang wohl stimmigste und dichteste Umsetzung eines Potter-Romans. Die Actionszenen wurden nicht unnötig aufgeplustert, die Liebe zum Detail ist nochmals gestiegen, die visuellen Effekte sind technisch wie inhaltlich nahtlos eingearbeitet und auch Harrys beginnende Adoleszenz findet die passende visuelle wie emotionale Integration. Ein Großteil dieses Verdiensts geht dabei wohl auf den mexikanischen Regisseur Alfonso Cuarón zurück, dessen Berufung auf den Regiestuhl eigentlich nur den Grund hätte haben können, dass irgendein naiver Produzent nach Cuaróns Kritikererfolg „Y tu mama tambien“ der Meinung gewesen ist, dieser könne gut mit „Kindern“ umgehen. Tatsächlich war es wohl eher so, dass Potter-Autorin J.K. Rowling ein Machtwort gesprochen und als Fan von Cuaróns Filmen seine Verpflichtung nahegelegt hat.

Cuaróns größter Verdienst ist wohl die Ernsthaftigkeit, mit der er sich der Entwicklung der Hauptfiguren gewidmet hat. Zwar kommt der Humor insgesamt nicht zu kurz (auch wenn er sich mehr oder weniger auf Spiele mit Ron Weasleys Ängstlichkeit reduziert), Harrys Reifeprozess gewinnt jedoch erst mit dieser dritten Umsetzung an Kontur: zum ersten Mal geht er entschieden gegen seine Ängstlichkeit und den in seiner Vergangenheit verankerten Schock vor. Er tritt dabei nicht nur seinen verhassten Verwandten entschieden offen entgegen, er ist auch entschlossen, sich jeglichen, quasi ureigenen Ängsten zu stellen: den Irrwichtern, die einen Dementor simulieren, Seitenschnabel, der zunächst einen ganz und gar nicht einladenden Eindruck hinterlässt, Sirius Black, von dem er annehmen muss, dass er nur darauf aus ist, ihn zu töten und schließlich der größten Herausforderung, nämlich sich selbst; in einer Situation, von der er zuvor glaubte, nur sein „übermächtiger“ Vater habe ihn aus dieser befreien können. Hier finden Cuarón bzw. Rowling das passende Sinnbild für Harrys Bewusstseinsprozess und eine schöne Variante, die realen Herausforderungen der Pubertät in einem Fantasy-Film zu vermitteln.

Aber auch sonst ist die Serie merklich erwachsener geworden, das legen nicht nur die tiefromantischen, mondverliebten Bilder und die Freigabe „ab 12“ nahe. Statt kindlicher Hänseleien gibt es nun auch schon mal handfeste Auseinandersetzungen (in der Rowlings Alter Ego Hermine abermals zeigen darf, wer hier der Kopf der Dreiertruppe ist), das ehemals eher farbenfrohe Quidditch-Spiel wird durch ein kurzes Intermezzo ersetzt, das mehr einem Kampf mit der Natur, denn einem Sportereignis gleicht und dass selbst in Hogwarts die Todesstrafe für Kuscheltiere verhängt wird, daran muss sich ein junges Publikum sicher gewöhnen – von Dementoren, Werwölfen und fetten Ratten ganz zu schweigen. All der Düsternis zum Trotz besitzt „Der Gefangene von Askaben“ aber auch mehr Herz als seine beiden Vorgänger: die Vater-und-Sohn-Beziehung, die sich zwischen Prof. Lupin und Harry etabliert, wirkt stärker als alle bisherigen der Serie zusammen (zumal Cuarón sich hierfür angenehm viel Zeit nimmt) und selbst Gary Oldmans Sirius Black nimmt man seine Reue und Fürsorge beinahe ab.

Genaugenommen gibt es nur einen Faktor, der kaum glaubwürdig wirkt: so keusch wie an Hogwarts geht es wohl nur noch an erzkatholischen Schulen zu, was trotz des Mainstream-Hintergrundes eigentlich überrascht, begann Cuaróns „Y tu mama tambien“ doch immerhin mit zwei Freunden, die gelangweilt an einem Swimming-Pool liegen und sich einen runterholen.

Dennoch geht die Film-Serie bislang überraschend gut mit den Büchern d'accord: der erste besser als der zweite, der dritte besser als der erste. Die Schwächen von „Der Gefangene von Askaban“ sind trotz einiger Kürzungen letztlich genau die Schwächen der Vorlage: die Dramaturgie erscheint angesichts übermächtiger Gimmicks wie dem bekannten Unsichtbarkeits-Mantel, der Marauder's Map und dem Zeitreise-Medaillon oftmals beliebig, manche Wendung dadurch deutlich zuviel des Guten. Das fällt im Buch freilich nicht so stark auf wie im Film, wirkt dieser naturgemäß deutlich konzentrierter. Der hübsche Kriminalplot und die Spannung blieben hingegen erhalten und so muss man durchaus skeptisch sein, ob der britische Regisseur Mike Newell der Serie nicht schon wieder ihren neu gewonnen Biss nimmt.

Fantastisches Abenteuer, dicht und stimmungsvoll inszeniert.


Thomas Schlömer