Verschwende deine Jugend

Deutschland, 101min
R:Benjamin Quabeck
B:Ralf Hertwig, Kathrin Richter
D:Jessica Schwarz,
Tom Schilling,
Robert Stadlober,
Marlon Kittel,
Dieter Landuris
L:IMDb
„Die Augen aufs Große und den Großen aufs Auge”
Inhalt
Harry (Tom Schilling) ist 19 Jahre und arbeitet bei einer Bank. Sein Hauptinteresse gilt jedoch der Musik, besonders der Münchner Band Apollo Schwabing, deren Manager er ist. Mit seinen Freunden Vince (Robert Stadlober), Melitta (Jessica Schwarz) und Freddie (Marlon Kittel) träumt er vom Durchbruch und großen Konzerten. Doch bislang sind sie über Auftritte in Gemeindezentren nicht herausgekommen. Es ist 1981, die "Neue Deutsche Welle" erobert Deutschland. Und Harry will es endlich allen zeigen: Warum nicht als Vorgruppe der besten Band DAF – Deutsch Amerikanische Freundschaft – im Circus Krone auftreten? Alle sind begeistert, die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren. Doch es gibt einen winzigen Haken: DAF wissen noch gar nichts von ihrem Auftritt.
Kurzkommentar
Trotz detailreichem 80er Jahre Hintergrund ist "Verschwende deine Jugend" erstaunlich wenig am Zeitgeist seines Sujets interessiert. Es spielen weder Ideale noch Geschichte noch die Musik die zentrale Rolle in Benjamin Quabecks ("Nichts bereuen") zweitem Langfilm und so beraubt er sich seiner vielleicht interessantesten Komponente. Stattdessen liegt "nur" eine temporeiche, pointierte Coming-of-Age Geschichte vor, die es vor allem seinen charismatischen Darstellern zu verdanken hat, dass sie trotz allem empfehlenswert bleibt.
Kritik
„Anfang der 80er war die Welt am Arsch. Jahrelang waren wir zugemüllt worden mit dem Schlagerschwachsinn unser Eltern und dem Betroffenheitsgejammer unser Hippie-Geschwister […] Immer mehr Bands tauchten aus verdammt schlecht gelüfteten Proberäumen auf und machten Musik, die simpel war, aber gerade deswegen umso geiler“, so tönt es zu Beginn von Benjamin Quabecks zweitem Langfilm „Verschwende deine Jugend“ aus dem Off. Die Sätze stehen dabei nicht nur für Harry Pritzels Empfinden innerhalb des Films, sondern repräsentieren auch Quabecks Jugendgefühl: aus der etablierten, energielosen Langeweile der älteren Generationen ausbrechen und sich mit vollem Engagement für was einsetzen. Was neues, unverbrauchtes, noch nie dagewesenes. Den Schwung, den Idealismus der Jugend mitnehmen und mit vollem Herzen sein Ziel verfolgen, dem zum Klischee erstarrten, dennoch wahren Motto folgen: seine Träume verwirklichen.

Alles lieben, alles leben, nichts bereuen, das war schon der Werbespruch zu Quabecks Kinodebüt „Nichts bereuen“. Er trifft auch auf seine zweite Arbeit zu, denn dem 80er Jahre Hintergrund zum trotz geht es Quabeck primär um den Reifungsprozess seiner Hauptfigur, nicht um die Ideale einer Generation, nicht um die Zurschaustellung etlicher modischer oder trendiger Peinlichkeiten, noch nicht mal um die unverwechselbare Neue Deutsche Welle und deren musikalischer Ausdrucksformen. Das ist insofern ein Problem, als dass der Film dadurch zu jeder anderen Dekade hätte spielen können und er sich in seiner Aussage nicht verändert hätte. Der Hauptreiz des Sujets, die nostalgische Zeitreise in die Welt (der Ideale) vergangener Generationen, geht dadurch aber verloren und so könnte man „Verschwende deine Jugend“ um seinen Zeitkolorit entschlacken und erhielte ein gewöhnliches Coming-of-Age Drama.

Das ist nicht weiter schlimm, inszeniert Quabeck doch mit Tempo, pointierten Dialogen, sympathischen Darstellern und angemessenem Handwerk, aber doch ziemlich schade. Denn er und Drehbuchautoren Kathrin Richter und Ralf Hertwig (ehemals Bandmitglied der NDW-Band Palais Schaumburg) machen die 80er mit Liebe zum Detail lebendig, sei es nun durch Großkofferhandys, Poster, Videospiele, blaues Wassereis oder kurzes Anreißen politischer Hintergründe (die wiederum etwas ausgebaut hätten werden können). Da sie für die Geschichte aber keine Rolle spielen, werden sie wiederum bedeutungslos und dieser Umstand reduziert den Film auf den aus „Nichts bereuen“ bekannten Kern: wenn du etwas tust, tu’ es aus voller Überzeugung, kämpfe für deinen Traum, auch wenn du dafür ein Jahr auf Bewährung bekommst. Die Message bringt Quabeck unvermittelt und direkt rüber, lässt aber die Leidenschaftlichkeit aus „Nichts bereuen“ vermissen, denn strukturell ist „Verschwende deine Jugend“ weit konventioneller als noch sein Debüt, dramaturgisch gerade zu zahm statt (dem Inhalt angemessener) rebellisch. So wirkt das Drama um die erste Liebe (bei aller Sympathie der Charaktere) obligatorisch, die Eifersüchteleien zwischen Vince und Melitta zu kraftlos und haben Quabeck und Komponist Lee Buddah in „Nichts bereuen“ noch mit dem Soundschnitt experimentiert, fährt Quabeck nun auch formal auf der, um es böse zu formulieren, kleinbürgerlichen Schiene.

Diesem Missstand zum trotz ist „Verschwende deine Jugend“ ein unterhaltsamer Film geworden, das bleibt ohne Zweifel. Tom Schilling, vielleicht etwas zu bubenhaft für die Rolle des Harry Foyer (andererseits: das war Patrick Fugit im potenziellen Vobild „Almost Famous“ auch), spielt mit Charme und Engagement, Robert Stadlober und Jessica Schwarz agieren ebenso glaubhaft, Denis Moschitto und Josef Heynert verkörpern DAF absolut stilecht. Die Überraschung bleibt aber vielleicht noch Nadja Bobyleva, bekannt aus „Engel + Joe“, deren bezaubernde Unschuld noch jede Szene zu elektrisieren vermag – leider wird aber auch ihre Rolle sträflich nebensächlich behandelt. Und so wäre ohne die sympathischen Darsteller aus „Verschwende deine Jugend“ nur Konfektionsware geworden, trotzdem eindeutig festgehalten werden sollte: Quabecks Arbeit ist immer noch lebendiger und frischer als jede standardisierte Jugendkomödie aus Hollywood und insbesondere aufgrund der Tatsache, dass die Produzenten Jakob Claussen und Thomas Wöbke in letzter Zeit mit dem finanziellen Erfolg zu kämpfen haben, durchaus einen Besuch wert.


"Nichts bereuen" in den 80ern: weniger kraftvoll, aber immer noch sympathisch


Thomas Schlömer