City of God
(Cidade de Deus)

Brasilien, 128min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Kátia Lund, Fernando Meirelles
B:Paulo Lins,Bráulio Mantovani
D:Matheus Nachtergaele,
Seu Jorge,
Alexandre Rodrigues,
Leandro Hora,
Philippe Haagensen
L:IMDb
„Why remain in the City of God where God has forgotten you?”
Inhalt
Wenn man in der Cidade de Deus, der City of God – einer der Favelas von Rio de Janeiro – aufwächst, ist die Kindheit früh zu Ende. Was andernorts Bandenspiele sind, ist hier Bandenkrieg – mit echten Waffen. Hier wachsen der rücksichtslose Dadinho (Douglas Silva) und der schüchterne Buscapé (Luis Otávio) auf. Um zu überleben, setzt Dadinho auf Kokain-Handel, Gewalt und Raubüberfälle. Buscapé hingegen träumt davon, Fotograf zu werden. Nach zwanzig Jahren haben beide ihr Ziel erreicht. Buscapé (Alexandre Rodrigues) ist ein erfolgreicher Fotograf. Dadinho ist Zé Pequeño, genannt Locke (Leandro Firmino da Hora), der gefürchtetste Drogen-Dealer Rios. In der City of God ist sein Wort Gesetz.... bis Mane Galinha (Seu Jorge) auftaucht. Mane Galinha wird Zeuge der Vergewaltigung seiner Freundin und beschließt, Zé Pequeño aus Rache zu töten. Über Nacht schart er eine Armee von bewaffneten Kindern um sich, die alle das gleiche wollen: Zés Tod. In der City of God bricht der Krieg aus.
Kurzkommentar
Der brasilianische Überraschungshit "City of God" entpuppt sich als unbarmherziges, kraftvolles Porträt eines gesetzlosen Stadtviertels. Mit virtuosem Handwerk, welches nie den Inhalt überwiegt, entwirft die Stadt Gottes dabei ein Bild von Brutalität, Gewalt und Bedeutungslosigkeit von Leben und entwickelt zaghaft ein schwachen Blick auf Hoffnung. Der Krieg zwischen zwei Banden profitiert zudem von Erzählreichtum und präziser Inszenierung, auch wenn die naturgemäße, emotionale Unterkühlung dem Film etwas zu Schaden kommt.
Kritik
Es ist lange her, dass Brasilien, geographisch betrachtet immerhin das fünftgrößte Land der Erde, filmisch auf sich aufmerksam machte. International anerkannt und erfolgreich wurde zuletzt "Central Do Brasil" von Walter Salles, aber das liegt bereits fünf Jahre zurück. Salles, der gerade "The Motorcycle Diaries" abgedreht hat und als einer der bedeutensten Filmemacher der jüngeren brasilianischen Filmgeschichte gilt, ist auch immer wieder auf der Suche nach jüngeren Talenten in seinem Land und so half er Fernando Meirelles und seiner Co-Regisseurin Kátia Lund nicht unwesentlich bei der Realisierung ihres ehrgeizigen Projekts "City of God", einem Porträt über das gesetzloseste Stadtviertel Rio de Janeiros. Und die Mühen beider Seiten haben sich gelohnt: bevor "City of God" nun auch in Deutschland anläuft, eilt ihm sein Ruf bereits voraus. Knapp zwanzig Preise konnte die Literaturverfilmung, die auf dem gleichnamigen Roman von Paulo Lins basiert, bislang gewinnen, Regisseure und Filmkritiker aus den USA konnten sich mit Lobeshymnen schwer im Zaum halten und auch in Deutschland überschlagen sich die Meldungen.

Und ohne Zweifel, "City of God" ist von anarchischer Kraft. Meirelles verknüpft auf virtuose Weise Gangster- mit Jugenddrama, Selbstverwirklichungsträume mit harter Realität, Tarantino mit DePalma. Dabei war die Realisierung seines Projekts alles andere als einfach: Meirelles musste eine 600 Seiten starke Vorlage mit über 300 Figuren und unzähligen Erzählsträngen auf einen zwei Stunden Film zurechtstutzen, wollte seinen dokumentarischen Stil durch den Einsatz von Laiendarstellern stärken und möglichst an Originalschauplätzen drehen. Doch wie dreht man einen Film, der in den Hauptrollen mit Kindern und jugendlichen Figuren besetzt ist, die darüberhinaus die meiste Leinwandzeiten mit Waffen umgehen, als seien sie so selbstverständlich wie Schreibmaterial. Wie ist es möglich an Originalschauplätzen zu drehen, wo doch kein Crewmitglied in der "City of God" unbeschadet hätte übernachten können. Die eigentliche Umsetzung liest sich deshalb so erschreckend wie abenteuerlich: um geeignete Darsteller zu finden wurden Kinder direkt aus den Slums Rio De Janeiros rekrutiert, wurden in Monate langem Unterricht auf die Schauspielerei vorbereitet, vollständig versorgt und pädagogisch betreut - so gut sich eben "so ein unruhiger Haufen" kontrollieren ließ, wie Meirelles es heute formuliert. Dann die Drehorte: direkt in der "City of God" zu drehen, erwies sich schnell als unmöglich, doch auch das "Neubauviertel" Nova Sepetiba brachte nicht gerade die günstigsten Voraussetzungen mit sich. Statt der stadtlichen Behörden, mussten hier die örtlichen Drogenbarone um Erlaubnis gebeten werden, das Drehbuch wurde über unzählige Hände zum "Eigentümer des Viertels" (der gerade im Gefängnis saß) weitergereicht und dort abgesegnet, Beginn und Ende der Dreharbeiten exakt abgesprochen, Unterkünfte präzise festgelegt. Unterschrieben wurde dabei nichts - hier zählte nur ein ehrlicher Handschlag.

Angesichts dieser Umstände ist es einerseits umso erstaunlicher, was aus "City of God" geworden ist, andererseits wird seine apodiktische Kraft dadurch erst begreifbar. Über drei Dekaden erzählt Meirelles von Ziellosigkeit, Verwahrlosung, Gewalt, der "Verschwendung von Leben" wie er selber angibt. Mit Buscape, in der englischen Fassung Rocket genannt, wählt er eine Hauptfigur, die ähnlich wie Henry Hill in Martin Scorseses Mafiastudie "Goodfellas" durch die Erzählung führt, das Geschehen ebenso kommentiert wie nüchtern beschreibt. Im Gegensatz zu Hill greift Rocket allerdings eher selten ins Geschehen ein, ist weder leitende Person noch isolierter Blickwinkel, erläutert also auch Szenen, in denen er gar nicht anwesend ist. Das führt leider dazu, dass er als Identifikationsperson für den Zuschauer nur bedingt tauglich ist. Zwar bleibt er den gesamten Film der einzige, rechtschaffende Charakter, der einzige, der nie eine Waffe in die Hand nimmt und jemanden tötet, doch Anteilnahme ist in seinem Falle nur bedingt möglich.

Nichtsdestotrotz entwickelt der Film eine ungemeine Stärke. Mit verwackelten Bildern, verblichenen Farben sowie Schnitttechniken, die DePalma und Ritchie entlehnt sind, trichtert der Film auf unverblümte Weise seine Aussage auf eines zurecht: die "City of God" ist erbarmungslos, es herrscht Anarchie und Hackordnung. Die Älteren dominieren die Jüngeren, die Väter die Söhne, die großen Brüder die kleinen, das Individuum existiert nur bis auf wenige Ausnahmen, man redet sich mit Pseudonymen an. Mord und Drogen sind so selbstverständlich wie Fußball und Schwimmen gehen; treffend eingefangen in der Schlusssequenz als die neue "Hood", bestehend aus Sechs- bis Zwölfjährigen, die Straße kreuzt und sich darüber streitet, wer als nächstes aus belanglosen Gründen getötet wird. Die Credits schließen dementsprechend mit fast lockerer, fetziger Musik als habe man gerade eine ironische Satire von Tarantino genossen.

Das zeigt nicht zuletzt Meirelles handwerklichen Ansatz: trotzdem er mit filmischen Kniffen nicht spart, werden Schnitt und Kamera nie Selbstzweck. Er bedient sich unverblümt seiner Vorbilder und setzt sie einen neuen Kontext: was bei Guy Ritchie also Coolness gefeiert wird, wird hier zur kongenialen Übertragung von Hektik, Dreck, Häßlichkeit. Wo Tarantino aus puren Stilgründen Erzählstränge in unchronologische Reihenfolge bringt, unterfüttert Meirelles damit nur seinen Erzählreichtum, will quasi zeigen: es gäbe hier soviel zu erzählen, dass es den Film zum Platzen bringen würde, jeder Charakter hat seine Geschichte, jeder seine eigene traurige Vergangenheit.

So inszeniert Meirelles in jeder Minute mit meisterlichem Gefühl für die Situation, deutet Liebesbeziehung so zart an, dass der sonst emotional so gezielt unterkühlte Film in den Momenten, wo es nötig wird, eben doch den feinen Anflug von Hoffnung und Liebesdurst erhält - etwa, wenn Rocket zum ersten Mal auf Angelica trifft. Darstellerisch sei ihm darüberhinaus wichtig gewesen, dass man bei jeder Person das Gefühl habe, man habe tatsächlich die reale Figur vor sich (der Autor der Vorlage, Paulo Lins, ist selber in der "City of God" aufgewachsen und empfand viele Figuren realen Vorbildern nach). Sein Konzept, Laien aus den Slums zu rekrutieren, ist dabei voll aufgegangen; jeder Darsteller spielt ungemein sicher und äußerst überzeugend (in den End-Credits zeigt Meirelles dann sogar die echten Personen, die in seinem Film porträtiert wurden).

Welche Klasse "City of God" tatsächlich hat, zeigt sich vor allem im Vergleich mit kalkulierteren Beiträgen zum Thema Gangster und Drogen wie etwa Soderberghs "Traffic". Soderberghs Versuch, dem Milieu mit Farbfiltern, Handkamera und Verwebung von Handlungssträngen gerecht zu werden, wirkt geradezu niedlich gegenüber der Intensität von Meirelles "City of God"; Hollywoodstars können in dieser Art von Film einfach nicht das Charisma von absolut glaubwürdig wirkenden Laiendarstellern erreichen. Meirelles inszeniert seinen Bandenkrieg mit Kraft, Erzählreichtum und Brutalität ohne "unnötig" explizit zu werden wie etwa Scorsese. Bei ihm liegt die Stärke in der nahezu perfekten Mischung von inhaltlicher Resonanz und äußerer Form. Doch "City of God" ist nicht nur ein starker Beitrag zum Kino, er ist auch ein starker Beitrag zur soziologischen Situation Rio de Janeiros und Brasiliens.

Absorbierendes, episches Porträt eines unbarmherzigen Stadtviertels


Thomas Schlömer