Marlene

Deutschland, 122min
R:Joseph Vilsmaier
B:Christian Pfannenschmidt
D:Katja Flint,
Heino Ferch,
Herbert Knaup
L:IMDb
„Willst du berühmt werden oder willst du glücklich sein?”
Inhalt
New York, Mitte der 70er Jahre: Marlene Dietrich (Katja Flint) steht für ihr letztes Konzert auf der Bühne und erinnert sich zurück an das Berlin der späten 20er Jahre, an den Beginn ihrer einzigartigen Karriere, an den Film "Der Blaue Engel" und an ihren Entdecker und Liebhaber, den legendären Regisseur Josef von Sternberg (Hans-Werner Meyer). Er hatte sie 1929 gegen den Willen des UFA-Produzenten Erich Pommer (Heiner Lauterbach) für seinen Film als Lola engagiert und damit den Grundstein für Marlenes Aufstieg gelegt. Josef von Sternberg, der an Marlenes großes Talent glaubt, fordert sie auf, ihm nach Hollywood zu folgen, um in seinem nächsten Film zu spielen.
Kurzkommentar
Vilsmayer as usual. Nach den "Comedian Harmonists" bringt der nach Extravaganz verlangende Regisseur mit der manierierten "Marlene" erneut eine schillernde Künstlerbiographie ohne Tiefgang. Die ist zwar aufwendig produziert und schön anzusehen, aber die Dietrich ist mehr eindimensionale Hülle als rund gezeichneter Charakter. Die Distanz zum "blauen Engel" geht nicht verloren und Vilsmayer langweilt durch seinen biedere, vordergründige Plotstruktur.
Kritik
Marlene Dietrich. Ihr Schlafzimmerblick fesselte Millionen. Der Name der kühlen Diva ist der jüngeren Generation nur noch Dunkel ein Begriff. Acht Jahre nach ihrem Tod fühlt sich Joseph Vilsmayer, der schon den "Comedian Harmonists" ein bildschönes, aber undifferenziertes Denkmal setzte, berufen, die wichtigsten Karrierestationen ihres oft verklärten Lebens nachzuzeichnen. Er beschränkt sich auf die Jahre 1929 bis 1945, deren historische Ereignisse für die Erzählung als uninteressant eingestuft werden. Da der Titel des Films Programm ist, mag dies prinzipiell dienlich sein, aber Individualgeschichte ist immer durch einen kausalen Zusammenhang bedingt, den Vilsmaier nur kulissenhaft berücksichtigt. Richtigerweise ist Marlene der einzige Mittelpunkt, aber mal im Ernst: Würde es sich nicht um "die Dietrich" drehen, wer würde sich dann um diesen auf Pomp polierten, nur darstellenden, aber nicht erklärenden Streifen scheren?

Kratzt man den Putz der unverfänglichen Weltstarbiographie ab, bleibt nichts, was nicht trivial wäre. Vilsmayer setzt mit minimalem psychologischem Ansatz und mit maximalem Ausstattungsgetue die phrasenhafte Vorstellung des Ruhms um: materieller Reichtum führt zur seelischen Isolation und Entfremdung. Der Wunsch nach dem anonymen Glück keimt auf. "Willst du berühmt werden oder willst du glücklich sein?" - Diese Frage soll Regisseur von Sternberg einmal an Marlene gestellt haben. Vilsmaier lässt sie im Film wortgetreu rezitieren, was sich als exemplarisch für die ganze Konzeption erweist. Sie beschränkt sich auf referierende Chronik, absolut arm an erzählerischer wie emotionaler Dichte. Letztere versucht der Regisseur durch schwülstige Musik zu erreichen und kompromittiert sich damit selbst. Er traut den schwachen Dialogen ebenso wenig wie der pompösen Ausstattung, dem Sehenswertesten am ganzen Film. Der Rest der Marlene-Widmung ist so ratlos wie unkritisch, man erfährt über ihr Wesen nichts, vielleicht nur, dass ihre destruktive Wirkung auf Männer Männer verheerend war. Ihre Psychologie bleibt ein Geheimnis, offensichtlich hingegen ist Vilsmaiers Unvermögen, sich der Figur konsequent zu nähern.

Über Marlene Dietrich sind viele Bücher geschrieben worden, und jedes einzelne wird erhellendere Wirkung haben als diese reflexionsarme Schaubühne. Vilsmaier lässt seine Hauptdarstellerin vornehmlich rauchend, alkoholtrinkend und überproportioniert geschminkt auftreten. Schade, denn nachdem Katja Flint eine frappierende Ähnlichkeit mit der "echten" Dietrich aufweist und den Schlafwandler-Blick ebenso wie das "Berlinerische" natürlich mimt, ist die Möglichkeit einer polarisierenden Charakterstudie im Rahmen des Großbudgets untergegangen. Die übrigen Darsteller sind hinlänglich bekannt, leisten Ansehnliches, können aber nichts hervorzaubern, was das streckenweise bornierte Drehbuch kaputtmacht. Autor Pfannenschmid hatte sprichwörtlich wenig auf der Pfanne.

Reduziert man die Inszenierung um ihr Dekor, bleiben demnach allenfalls lächerlich theatralische Momente in Erinnerung. Marlene allein war für Vilsmaier wohl nicht ergiebig genug und so wird kurzerhand ein fiktiver Liebhaber dazugedichtet, der natürlich nach stereotyper Dramaturgie Wiederstandskämpfer sein muss und in einer Szene aus heiterem Himmel in einem ardennischen Wald auftaucht, wo Marlene gerade ein Konzert für GI´s mitten im Kriegsgebiet gab. Auch köstlich: ein verwunderter deutscher Soldat endigt in abgeschmackter Pathetik unter Quasisegnung der Diva. Aber nicht allein das tut weh. Trotz Vilsmaiers nur partiellem Ausschnitt ihrer Biographie wird sträflicherweise noch nicht einmal das angemessen dargestellt, was von fehlender Charakterpräsenz abgelenkt hätte: das Leben vor der Kamera und auf der Bühne. Allein für eine albern kurze Kussszene in der Studiooase hat es gereicht. Und obwohl Vilsmaiers Zueignung Marlene wenig originell als Opfer des Ruhms makellos stehen lässt, wirkt das zähe Charakterportrait entmythologisierend. Katja Flint spielt Marlene die Darstellerin, aber Marlene als Mensch wird unter Vilsmaiers Regie belanglos.

Als Epochenbildnis auch nicht zu gebrauchen, bleibt wenigstens ein edel anzusehendes Achselzucken, doch überwiegt die Einsicht, dass Produktionsmittel in Deutschland, wenn vorhanden, noch immer falsch investiert werden. Vilsmayer verlässt sich ganz platt auf den Showeffekt des unsterblichen Mythos, seinen zu interpretierenden Gehalt hat er nicht erkannt.

Die veräußerlichte Dietrich


Flemming Schock