In America

Irland / England, 100min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Jim Sheridan
B:Jim Sheridan, Naomi Sheridan, Kirsten Sheridan
D:Paddy Considine,
Samantha Morton,
Sarah Bolger,
Emma Bolger,
Djimon Hounsou
L:IMDb
„Ich liebe alles. Alles was lebt.”
Inhalt
In Amerika liegt die Zukunft. Hier wollen Johnny (Paddy Considine) und Sarah (Samantha Morton) einen neuen Anfang wagen. Ein Leben ohne ihren kleinen Sohn, der zu Hause in Irland unter tragischen Umständen starb. Ein Leben aber mit ihren Töchtern Ariel (Emma Bolger) und Christy (Sarah Bolger), die ihre neue Heimat New York mit staunenden Augen empfangen. In der magischen Welt der Kinder sind das schäbige Mietshaus in Manhattan und die exzentrischen Nachbarn ein einziges geheimnisvolles Abenteuer. Vor allem der schwer kranke, unnahbare Maler Mateo (Djimon Hounsou), den sie alle nur „den schreienden Mann„ nennen. Während Johnny, der eigentlich Schauspieler ist, Taxi fahren muss und Sarah als Kellnerin arbeitet, entdecken die Mädchen Mateos sanftes Herz. Und er mit ihnen und ihren Eltern eine neue Familie. Als Sarah ein weiteres Kind erwartet, ist der Sommer geradezu symbolisch dem Herbst gewichen. Denn die Ehe steckt in einer Krise.
Kurzkommentar
Jim Sheridan („Mein linker Fuß“) verarbeitet seine eigene Biographie und schafft einen der schönsten Filme des Winters. Was der schwülstige Titel gar nicht vermuten lässt, widerlegt er letztlich auf treffende Weise: „In America“ ist allem kleineren Pathos zum trotz ein zutiefst spiritueller, tiefgehender, ergreifender Film geworden, der sich intelligent und engagiert mit vielen religiösen Fragen des (Familien-)Lebens auseinandersetzt.
Kritik
Weihnachtszeit ist Familienzeit und es ist schön, dass mit „In America“ dazu nun auch der passende Film in die Kinos kommt. Ohne den üblichen Kitsch vom Formate eines „Tatsächlich Liebe“, mit erträglichem Pathos, viel Sensibilität und hervorragenden Darstellern gelingt dem irischen Regisseur Jim Sheridan ein kleines Kinohighlight. Und dass er dabei trotz der melodramatischen Grundidee und so manchem (kleinen) Klischee eine derart ehrliche und emotionale Geschichte zu erzählen vermag, kann als seine eigentliche Leistung gelten.

Zunächst einmal funktioniert „In America“ als das handelsübliches Familiendrama. Eine hinzugezogene Familie, die nicht nur mit beruflichen und finanziellen Sorgen zu kämpfen hat, sondern sich aufgrund ihrer irischen Vergangenheit auch mit diversen Vorurteilen konfrontiert sieht, das thematisiert „In America“ genauso wie diverse spirituelle Aspekte. Glücklicherweise sorgt Sheridans Feingefühl aber dafür, dass so manches abgedroschene Element nicht Überhand gewinnen und setzt den Fokus immer wieder auf die tiefergehenden Probleme der vier Familienmitglieder. Zutiefst religiöse Fragen werden dabei ebenso angesprochen wie kleinere Diskussionen. So kristallisiert sich ein erster Konflikt zwischen dem Vater Johnny und dem mysteriösen Mitbewohner Mateo heraus, als es um die Frage geht, ob es klug sei, seinem eigenen Kind ‚Glück’ vorzuspielen. Johnny etwa bringt es nicht fertig, dem Wunsch seiner Frau nachzukommen und mit seinen Kindern „so wie früher“ zu spielen, Mateo aber versteht die Absicht Sarahs und nimmt zum Beispiel das Zitronenbonbons Ariels entgegen, weil diese „magische Kraft“ besitzen sollen.

Den Kern von „In America“ bildet aber die Auseinandersetzung mit den „großen Themen“ Leben und Tod. Immer wieder führt Sheridan dem Zuschauer deren Koexistenz und gegenseitige Bedingung vor Augen, konterkariert sie sowohl mittels einfacher Parallelmontagen als auch in einer direkten Konfrontation durch stellvertretende Charaktere. So kann man Mateo als Repräsentanten für „Leben“ verstehen: er liebt alles, was lebt (vgl. Zitat), rettet auf gewisse Weise dem neugeborenen Baby das Leben, opfert dabei sein eigenes. Seine Kunst ist bunt und mit Leben (Blut) gezeichnet. In einer der entscheidenden Sequenzen des Films sieht man sogar, wie er – bereits ans Krankenbett gefesselt – eine Art Ritual vollführt und sein Leben sozusagen an das verfrüht geborene Kind weitergibt. Dabei vollbringt er genau das Wunder, das Johnny (der als Repräsentant des „Todes“ gelten kann, oder zumindest als den durch den Unfall seines Sohnes mit dem Tod gezeichneten) auf den Weg des Glaubens zurückführt. Dieser vermied seit dem vergangenen Vorfall jedwedes Gebet und ist der Meinung, Gott habe nicht nur seinen Jungen, sondern auch ihn – in der Rolle des unbesorgten Familienvaters – ihres glücklichen Lebens beraubt. Dass Mateos Name also an einen der Evangelisten angelehnt ist, dürfte kein Zufall sein.

Auch die große Referenz an „E.T.“ ist nicht zufällig, steht die Figur doch für das Märchenkino der 80er, für die Verabschiedung eines Freundes bzw. Kindes und für die Konfrontation mit einem Fremden. So bezeichnet sich Mateo gegenüber der kleinen Ariel als Außerirdischen und spielt dabei sowohl auf die ihm gegenüber geäußerten Vorurteile, seine Andersartigkeit sowie auf seine spirituellen Fähigkeiten an. Johnny begreift seine Rolle lange Zeit nicht und gibt sich „ungläubig“. Erst am Ende versteht er; dann, wenn er seine kleine Tochter hinaus auf den Balkon ruft und vorgibt, er habe E.T. vor der Mondsilhouette erspäht. Hier zeigt sich, dass er die Lektionen Mateos gelernt und seinen Glauben – sowohl an seine Familie als auch an das Leben an sich - wiedergefunden hat. Eine schönere Botschaft – so sie denn so subtil wie hier herübergebracht wird – kann es kaum geben.

Spirituelles Kinomärchen mit großartigen Darstellern. Der ideale Weihnachtsfilm.


Thomas Schlömer