Kill Bill: Volume 1

USA, 111min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Quentin Tarantino
B:Quentin Tarantino
D:Uma Thurman,
David Carradine,
Daryl Hannah,
Michael Madsen,
Lucy Liu
L:IMDb
„In this moment, it´s just me in my most masochistic way”
Inhalt
Fünf Jahre liegt die Blondine, die man nur „die Braut„ (Uma Thurman) nennt, im Koma. Als sie wie durch ein Wunder aus der Bewusstlosigkeit erwacht, kennt sie lediglich ein Ziel: Rache. Rache an denen, die beinahe ihren Tod verantwortet hätten. Rache an ihren einstigen Freundinnen und Weggefährtinnen (Daryl Hannah, Lucy Liu), die sie mit einer Kugel im Kopf einfach liegen ließen. Rache an ihrem ehemaligen Ausbilder und Chef Bill (David Carradine), der sie einstmals liebte und den Auftrag für den Mord an ihr gab. Angetrieben von ihrer Wut bereitet die Braut einen
Rachefeldzug vor, in dem es keine Gnade für diejenigen gibt, die sie verraten haben. Doch die Braut ahnt nicht, dass auf dem Weg eine Reihe von schmerzlichen Überraschungen auf sie warten.
Kurzkommentar
Nach blutleeren Jahren meldet sich Quentin Tarantino zurück, bereit, alles auf die Spitze zu treiben. In zweierlei Hinsicht ist das Rachemanifest „Kill Bill“ maßlos und erwartungsgemäß: Gewaltfaktor und Coolness sind kaum beizukommen. Der Film liegt zwischen satirischem Trashspektakel, Videospiel, Manga und Western. Als Stil- und Kulturkollage könnte das Geschichte machen. Der Inhalt, ein schlechter Witz, wird durch attitüdenhaften und sadistischen Splatterfetisch überspielt. „Kill Bill“ ist moralfreie Freakshow, inszeniert Uma Thurman in perfekter Choreographie als kühle Schlächterin, muss aber Geschmacksfrage bleiben.
Kritik
Wenn die „Matrix“-Brüder von Bits und Bytes träumen, dann träumt Quentin Tarantino von Blut. Und trotzdem sind sich die Filmemacher so gegensätzlich wie ähnlich. Kürzlich verhielt sich Tarantino in einem Interview wie einer seiner filmischen Revolverchargen aus „Reservoir Dogs“ oder „Pulp Fiction“: er explodierte. Das war Teil von Marketing und Image, sicher auch echter Idealismus. Cholerisch polterte er gegen digitale Künstlichkeit, gegen Filme, die Unsummen kosten und doch nichts als Kinderkram seien. Das bedeute nicht nur den Tod des klassischen, sondern des Kinos schlechthin. Dann doch lieber Kunstblut, und zwar sintflutartig. Das ist Tarantinos Effekt; ein ganz anderer zwar als jener der „Matrix“-Macher, aber mit ihnen hat Quentin Tarantino doch eines gemeinsam: „Pulp Fiction“ war hip, stilbildend, dann ein Kultfilm und der Wirklichkeit kaum nahe, eher dem Kino selbst.

Die Wachowskis sind cool durch mysteriöse Abwesenheit, Tarantino hingegen als gelebter Teil seiner filmischen Fiktionen. Mit dem überraschend ruhigen „Jackie Brown“, seinem letzten und nun bereits sechs Jahre zurückliegenden Film, wurden Fans nie wirklich glücklich, Erfolgs- und Erwartungsdruck wuchsen. So wird „Kill Bill“, dessen Titel programmatisch ist, ganz ähnlich zu „Matrix: Reloaded“ zur ultimativen Bewährungsprobe gehyped. Während die „Matrix“-Fortsetzung fast logisch in ihrer philosophischen Spirale implodierte, besteht Tarantinos Erzähllogik nur aus zwei Elementen, die in „Kill Bill“ ihr Extrem finden und marktgerecht die Erwartungen befriedigen: Gewalt und Coolness. Damit steht und fällt die Empfehlung: erklärte Anhänger von Tarantinos psychotischen Tötungsorgien sollten sich auf einiges einstellen, serviert bekommen sie noch mehr.

Splatterfeinde und Nichtsahnende seien damit ausdrücklich gewarnt. Alle werbewirksamen Kontroversen um Perversität und Legitimität des Gewaltfaktors in Tarantinos neuem Werk untertrieben nicht: „Kill Bill“ zeigt Gewalt in ihrer energetischsten, rohesten wie künstlichsten Form, wirkt wie betäubender Sadismus für die Sinne. Gewalt in ihrer nacktesten Verfassung entspringt immer aus dem Zusammenhang von Ursache und Wirkung, aus der menschlichen Verfehlung nach Rache. Und die erzählt „Kill Bill“ in der minimalistischsten Form, ohne jeden Schnörkel, ohne Moral, ohne Kompromisse. Sie katalysiert die Brutalität bis zur Grenze. Selbst wenn das lustvolle Schlachtfest zur Parodie neigt, Tarantino-Kritiker werden bestätigt, Fans des Radikalen entzückt. Das Leben ist hier der blitzschnelle Tod. Noch bevor die ersten Bilder der blutgetränkten Einleitungssequenz zu sehen sind, hören wir einen gequälten, abgebrochenen Atemrhythmus.

Es folgt die vermeintliche, schon schockartige Hinrichtung „der Braut“. Die will aber nicht sterben, noch nicht. Uma Thurman bekam aus zwei Gründen die Hauptrolle des blonden Racheengels. Zum einen, weil sie die übliche Verdächtige aus „Pulp Fiction“ und zum anderen, weil sie eine Frau ist. Ein männlicher Vergeltungsschlächter wäre witzlos, nur noch eine schwache Komödie gewesen. Eine Nemesis hingegen, das beweist garantierte Grazilität noch beim Hinmetzeln. Inhaltlich ändert das nichts, „Kill Bill“ erzählt, wenn überhaupt, episodenhaft und rückblendend Leere und wie man sie möglichst effektvoll füllt. Tarantino ist ein meisterhafter Lärmschläger, jemand, der protzt, weil er brutalisieren und schockieren muss, weil nur so ihm die Aufmerksamkeit sicher ist. Das ist so abstoßend wie anziehend zugleich. „Kill Bill“ ist konzentriertes Adrenalin, ein Wutausbruch, mit dem sich Tarantino deswegen als einer der originellsten Regisseure der Gegenwart erfolgreich behauptet, weil er natürlich unsterblich cool ist.

Stil war nie eine Frage des Inhalts, nur der Verkleidung. Handwerklich wurde „Kill Bill“ ein Meisterwerk. Das es nur das ist, stimmt nachdenklich. Hier hat man ganz den Eindruck, Tarantino würde die „postmoderne“ Beliebigkeit, den „Zeitgeist“ ins Bild bringen: noch mehr als seine vorigen Streifen wirkt „Kill Bill“ wie eine hippe Collage aus allen Stilen und Kulturen, wie Pop und Videospiel, wie ein Aufsaugen von drei gewaltigen Filmtraditionen, vor denen sicht Tarantino verbeugt, indem er sie zusammengewürfelt wieder ausspuckt: die Western, ihr oft trashverdächtiges Gegenstück der Martial-Arts-Eastern und die Comickultur der japanischen Mangas, in der Gewalt eines der dominierenden Themen ist. Ohnehin wirkt „Kill Bill“ wie eine fleischgewordene Mangaphantasie. Ohne Stilbruch integriert er, um Schlachtopfer notdürftig rückblickend mit Profil zu versehen, dann auch Zeichentricksequenzen, die noch blutiger ausfallen als die der Realfilmaufnahmen.

Zuweilen beschleicht einen hier der ironische Eindruck, dass Tarantinos Gewaltexzesse noch einen Gang runtergeregelt werden mussten, wird doch mal im stillvollen Dunkel mit blauem Hintergrund, dann ganz in Schwarzweiß gekämpft, um das Rot des Blutes womöglich nicht überborden zu lassen. Aber auch wenn das alles ist Künstlerische getaucht ist, die Fleischerei ist auch so an der Grenze des Erträglichen, irgendwo zwischen Ekel und Satire. Wenn „Die Braut“ mit duzenden schwertfuchtelnden Anzugträgern zum Zwischenshowdown schreitet und alle erdenklichen Gliedmaßen abgeschlagen, kübelweise Kunstblut verspritzt werden, rutscht Tarantino ins schmuddelige Splattergenre, das sonst im Kino, hat es eben keine höheren künstlerischen Weihen, kein Unterkommen hat. Der Sinn dieser gemütskranken Metzgerei ist hinter dem Effekt nie zu erkennen, der Unterhaltungswert fragwürdig; einsame Klasse hingegen die Choreographie.

Weitgehend ohne computerunterstützte Luftsprünge macht Thurman eine wie mit dem Schwert geborene Figur. Die Schnitte sind makellos, die Kämpfe – meist ohne Musik noch unmittelbarer, wesentlicher – beispiellos kraftvoll, schnell, adrenalingeladen. Hier ist „Kill Bill“ am deutlichsten aus Fleisch und Blut. Selten wurde im Film so furios, so direkt getötet. Auf besonders ästhetische Weise findet die Westernstimmung nicht nur durch die – natürlich unsterblich coole – Musik ihren Platz: in fast kontemplativen Momente liegt die Kamera lange auf den Gesichtern der Duellanten, konterkariert Tarantino für Atempausen in malerischer Schneekulisse im japanischen Garten die Gewalt. Wie sehr das alles ans Gemüt schlägt, zeigen mehrfach die manischen Blicke Thurmans. Ohne Gefangene schlägt sie sich bis zur Halbzeit, dem Ende von „Volume 1“ durch. Nicht nur, weil „Kill Bill“ aus ökonomischen Gründen geteilt wurde, fällt es schwer, Tarantinos Exzess für unverzichtbar zu erklären. Magenbelastend ist das Blutbad, infantil, andererseits aber so unwiderstehlich. Denn lässiger kann ein Film kaum sein.

Ein Film wie ein Wutausbruch - unsterblich cool, bedenklich krass


Flemming Schock