Master and Commander - Bis ans Ende der Welt
(Master and Commander - The Far Side of the World)

USA, 140min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Peter Weir
B:Patrick O'Brian,John Collee, Larry Ferguson, Peter Weir
D:Russell Crowe,
Paul Bettany,
Billy Boyd,
James D'Arcy,
Edward Woodall
L:IMDb
„Dieses Schiff ist England”
Inhalt
Während der Napoleonischen Kriege. Das Schiff des hoch dekorierten britischen Navy-Captain "Lucky" Jack Aubrey wird Bei einem Angriff schwer beschädigt und ein Großteil der Crew getötet oder verwundet, und Aubrey muss sich zwischen Pflicht und Freundschaft entscheiden. Er beginnt eine rasante Verfolgungsjagd über zwei Ozeane, um seinen Feind zu stellen. Die Mission kann ihn zur Legende machen - oder "Lucky" Jack und seine Crew vernichten.
Kurzkommentar
Wo Männer noch Männer sein dürfen: Peter Weirs „Master and Commander“ sticht mit den höchsten Produktionswerten in See. Er fesselt durch die historische Detailversessenheit bei der Abbildung von Seeleben und imposanten Schiffsschlachten. Dramaturgisch säuft „Master and Commander“ teils ab, weil ihm zwischen den Gefechten in seiner rudimentären Duellantenstory Charakterentwicklung und Handlungsführung aus dem Ruder laufen. Die hoch dekorierte Besetzung kommt so nur bedingt zum Zug, ein Drama entfaltet sich kaum. Aber auch wenn Weirs Film, der auch überzeugend leise auftritt, einem „Moby Dick“ und weiteren Klassikern nicht das Wasser reichen kann, ist „Master and Commander“ ein Ereignis.
Kritik
Auf den Planken hat man doch festen Boden unter den Füßen. Seefahrt und Filme über sind ganz klar zeitwidrig, fast bürgerlich. Das Meer ist das klassische Bewährungselement der Männlichkeit und damit beste Metapher für das Geschlechterkonzept, das die Emanzipation über Bord stoßen sollte. Auf See hat der Mann seinen Mann zu stehen, das mit der Romantik ist dann der Blick vom Ufer aus. Dass hier die Frauen zurückbleiben müssen, zeigt Peter Weir ganz kompromisslos, denn nicht eine einzige Frau kommt an Bord. Seefahrt ist Not, hat Gorch Fock gesagt, und trifft damit schon den Stimmungskern des maritimen Abenteuers: Peter Weirs „Master and Commander“ ist im Vergleich zum Phantasiespaß „Fluch der Karibik“ schwerbauchig, schwermütig, kriegerisch düster, ernsthaft, aber vor allem eines: akribisch genau. Runde 150 Millionen Dollar soll Weir für seinen Film von drei Studios erhalten haben, um zu zeigen, wie sehr sich die gewaltige Effektkunst von heute von den ehemals charmevoll unglaubwürdigen Schiffsmodellchen entfernt hat.

So haben Seeschlachten protzig zu sein, klar, aber Weir, dessen letzter Film „Truman Show“ fünf Jahre zurück liegt, ist auch gewohnt, leise Töne anzuschlagen. Er zeigt in der beeindruckend unkonventionellen Eröffnung, dass sein Blick tiefer geht, authentischer ist. Er zeigt eine Seite des Meers, die oft ein heroischer Soundtrack überschwemmt hat: die hypnotische Stille in der Weite. Das ist im Nebel ein wenig poetisch wie tatsächlich und übt zusammen mit der nie gesehenen historischen Akkuratesse maritimer Details eine hohe Sogwirkung aus. Nie wirkte die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm glaubwürdiger, nie ein Schiff unmittelbarer. Das ist gleichzeitig auch von Beginn an unmissverständlich die Essenz der Geschichte: die Männer und ihr Schiff, Beute und Jäger zugleich. Angestrengt starrt die Besatzung in den Nebel. Der historische Hintergrund der Feldzüge Napoleons taugt in zwei, drei Sätzen gerade zur Einrahmung, wird in der Weite, wo sich die zwei Rivalen verlieren und belauern, zur völligen Beliebigkeit. Weltpolitische Entwicklungen schrumpfen auf dem Wasser auf ein Gegenüber von Kanonenmündungen zusammen. Wieso auch nicht, auch Duelle sind klassisch männlich.

Nach wenigen Minuten, in denen Russell Crowe schon mal Präsenz auf dem Achterdeck zeigen darf, bricht der erwartete Sturm der Kanonen los. Zwar verzichtet Weir hier auf einen bluttriefenden Hyperrealismus vom Schlage eines „Soldat James Ryan“. Aber auch so scheint die Leinwand durch die Druckkraft der verheerenden Breitseitenattacken förmlich zu bersten. Und man muss ausrufen, was Weir will: nie zuvor wurde dieser tödliche Ausschnitt einer Seeschlacht wirkungsvoller eingefangen, auch hier ist „Master and Commander“ um der Glaubwürdigkeit und Effekte willen neuer Genreprimus. Nach der ersten verheerenden Salve muss sich Crowe als Kapitän Aubrey ohne jede Hinführung gleich seinen Mann stehen. Furcht- und deckungslos werden Kommandos gegeben, wird zurückgefeuert, dann ist wieder Stille in der nebeligen Weite. Diese enorme beeindruckende Eröffnung mit den Kontrasten der Stimmungen und ihren unbedingten Bildern lassen von „Master und Commander“ viel erwarten. Da es aber schon angesichts der Trägheit der Schiffskörper im Gebälk nicht dauernd krachen kann, muss sich Weir auf seine Geschichte mit deren Figuren verlassen.

An diesem wesentlichen Punkt könnte man nun viel mäkeln, weil „Master and Commander“ dramaturgisch als auch figurenpsychologisch von Beginn an aus dem Ruder läuft. Dass er meilenweit hinter seinem größten Vorbild, Melvilles „Moby Dick“ zurückbleibt – die Rolle des mit religiösem Eifer verfolgten Phantoms übernimmt hier die französische Fregatte -, wird mehrfach deutlich, auch wenn klar ist, dass eine fassbare Verfilmung von Melvilles Tausendseitenmonument in guten zwei Stunden ebenso wenig möglich ist wie die der Romanreihe von Patrick O´Brian. Der irische Marineromancier, der vor drei Jahren starb, entfaltete über etliche Bände die Männerfreundschaft des Seehelden Jack Aubrey und seines polaren Schiffsarztes Maturin. Dieser wird in Weirs Film mit Paul Bettany („Dogville“) von einem der bemerkenswertesten Darsteller derzeit gespielt. Dass aber „Master and Commander“ bloß die gedrungene, teils sträflich verkürzte Synthese zweier Bände aus O´Brians bietet, macht sich am Figurenverhältnis und der Handlungsführung deutlich.

In der Kapitänsmesse musizieren Aubrey und Maturin über jede Meinungsdifferenz hinweg, aber ihr Verhältnis bleibt blass, unvermittelt, die darin liegenden Spannungen ungenutzt. Crowe wirkt routiniert, Leidenschaft fehlt allerdings. Nur einmal darf er zusammen mit Bettany zeigen, weil schauspielerisch möglich gewesen wäre: als Aubrey aus messianisch-patriotischem Pflichteifer bei der Verfolgung des Feindes dem Freund das Versprechen verwehrt, aus naturwissenschaftlichen Interesse „am Ende der Welt“ an Land zu gehen. Darüber hinaus treten die Charaktere auf der Stelle, eine Entwicklungsreise ist „Master and Commander“ nicht, die Kunst der „inneren Führung“ eines Kapitäns wird gesetzt, aber nicht wirklich Thema. Schade, denn gerade der abgeschlossene Mikrokosmos Schiff hätte ein steigendes Drama gut Platz gefunden. Dazu kommt es bei Weir nicht, nur aus Verlegenheit, wenn wieder Flaute zwischen den Breitseiten lähmt, wird das Drohen der Meuterei als obligatorisches Moment aus dem Spannungsbaukasten aktiv, gewinnt die Jagd in oberflächlicher Anlehnung an Melville und Jonas einen biblischen Anstrich. Hier kommt es teils zu unfreiwillig komischen Momenten, wenn unheimliche Vollmatrosen von Verdammnis faseln. Einen aufmerksamen Blick für Nebenfiguren, die allesamt bravourös besetzt sind, entwickelt das Drehbuch leider auch nicht. So wirkt der Kurs des Ganzen ein wenig ziellos.

Aber auch wenn die Geschichte weder die Spannungsschraube enger zieht noch durch epische Mensch-und-Meer-Prosa nach Melville, mit dem „Wesen des Meers“ fesseln kann, brilliert „Master and Commander“ doch durchweg durch seinen authentischen Blick auf das Seeleben und maritime Details. Das berauschende der Effekte ist hier – im Gegensatz zur „Matrix“ – das sie Realismus erzeugen, aber kein Stück weiter gehen. Das gelingt einzigartig. Obwohl ein guter Teil des Films im Computer und mit Modellen entstanden ist, sieht man jeder Aufnahme des Seeabenteuers ihre Kosten und das Bemühen um Perfektion an. Peter Weirs Film macht lebendig, was die Geschichtsschreibung meist übersieht. Möglich, dass „Master and Commander“ damit nur ein weiterer Ausdruck der Entwicklung des Kinos ist, Bilder statt Geschichten erzählen zu lassen. Die Schau- und Unterhaltungswerte sind kolossal, mal nostalgisch und weit über jedem vorigen Genrefilm. Weil er darauf setzt, ist der Streifen aber noch nicht seelenlos. Es ist eben Weirs Fähigkeit, den Film mit subtilen Tonarten zu unterlegen, beschränkt nicht nur auf Musik von Bach. Besonders deutlich wir dies ein einer eindringlichen Bestattungsszene. Freund- und Kameradschaft finden damit ihren gebührenden Platz. „Master and Commander“ ist kein großartiger Film, aber doch ziemlich imposant.

Technisch begeisterndes Seeabenteuer mit Handlungsschwächen


Flemming Schock