Sass - Die Meisterdiebe

Deutschland, 112min
R:Carlo Rola
B:Holger Karsten, Uwe Wilhelm
D:Ben Becker,
Jürgen Vogel,
Henry Hübchen,
Jeanette Hain
L:IMDb
„Gibt es eigentlich irgendwas für das Du ins Zuchthaus gehen würdest? - Ja, für dich.”
Inhalt
Franz (Ben Becker) und Erich Sass (Jürgen Vogel) werden mit einer Reihe von spektakulären Einbrüchen zu wahren Volkshelden. Die Polizei ist machtlos. Kriminalsekretär Fabich (Henry Hübchen) ist den beiden zwar immer dicht auf den Fersen und einige Male gelingt es ihm sogar, die Brüder zu verhaften, doch die Indizien reichen nie für eine Verurteilung aus. Aus den mittellosen Brüdern einer Arbeiterfamilie werden angesehene Mitglieder der besseren Gesellschaft im Berlin der "Goldenen 20er". Aus vollen Zügen genießen sie das süße Leben. Doch dann wagen Franz und Erich Sass ihren größten Coup. Der als nicht zu knackend geltende Tresor der Diskonto-Bank ist das Ziel ihrer Träume.
Kurzkommentar
Trotz einiger Klischees und nicht gerade neuen Storyelementen überzeugt Carlo Rolas ("Rosa Roth") Interpretation des Lebens der Gebrüder Sass durch schicke Bilder, nette Figuren und einem gar nicht mal so schlechten Drehbuch. Radikale Gegner deutscher Großproduktionen dürften auch ihre Probleme mit "Sass" haben, aber insgesamt stechen die positiven Seiten des Gangsterdramas die negativen doch deutlich aus.
Kritik
Deutsche Großproduktionen haben es seit dem mittelmäßigen Erfolg von "Comedian Harmonists" nicht mehr einfach an den hiesigen Kinokassen. "Marlene" ist gnadenlos gefloppt und viele meinen völlig zurecht, da Joseph Vilsmaier bei der Kreation seiner ach-so hübschen Bilder die eigentlichen Figuren und diesen störenden Klotz am Bein, genannt Story, vollkommen vergessen hat.

Dementsprechend sind auch die Reaktion mancher Kinozuschauer, die schon beim Trailer "großes Kino aus Deutschland" eher als Aufforderung zum Boykott, denn als griffigen Werbespruch verstehen. Und genau das, was so manch anderes, historisches Drama aus Deutschland zu ihrem wenig rühmlichen Image verholfen hat, konnte auch TV-Regisseur Carlo Rola bei seinem Kinodebüt "Sass" nicht abstellen: die Pseudo-Epik, der Wunsch, großes, erzählerisch-tiefgreifendes Kino zu sein, von einmaligen Figuren und der Zeit, in der sie leben, zu berichten, dies mit pompösen Bilder zu umhüllen und gleichzeitig echte Emotionen zu wecken. Auch "Sass" schwankt sehr zwischen gelungener, atmosphärischer Inszenierung und amateurhaftem Zwang, episch sein zu wollen. Aber will "Sass" wirklich ein großes Gangsterdrama sein? Will Carlo Rola tatsächlich Martin Scorsese Konkurrenz machen? Ich denke nicht. Dazu ist das Drehbuch etwas zu leicht, zu positiv, zu unterhaltsam. Nehmen wir z.B. den Humor in "Sass" - sehr sympathisch, wie ich finde, wenn auch nicht immer 100prozentig gelungen. Die Autoren Schmidt und Wilhelm mischen ziemlich geschickt Berlin-Dialekt mit zeitgemäßgen Sprüchen ("So, ick höre!" - "Ick hör nischt. Hörscht Du was, Franz?") und geben ihren zugegebermaßen wenig komplexen Figuren eine ansprechende Charakterisierung. Jürgen Vogel darf den technisch versierten, aber tolpatschigen und naiven Erich mimen, der erfahrene Ben Becker den großen, abgeklärten Bruder. Die beiden harmonieren wunderbar mit ihren Figuren und auch manch Nebencharakter wie der Inspektor und sein Laufbursche wissen trotz ihrer geringen Klischeehaftigkeit zu überzeugen.

Selbst der wenig innovativen Story kann man so manches abgewinnen: die diversen Einbrüche (die fast spannender waren als in "The Score" mit DeNiro, Brando und Norton), das Ausschalten der rivalisierenden Gruppe und der Zusammenhang zum historischen Deutschland war nicht ungeschickt in die Lebensgeschichte der Gebrüder Sass integriert. Trotzdem dem Zuschauer die Motivation der Gebrüder für ihren gefährlichen, letzten Coup schleierhaft bleibt (obwohl Inspektor Fabich in einer starken Szene Franz Sass direkt mit dieser Frage konfrontiert) und manches Element eindeutig zuviel des Guten ist (die Schwangerschaft Sonjas) konnte mich die emotionale Dichte des Streifens größtenteils überzeugen: der Tod des Vaters, der sich gegenüber den Nazis machtlos fühlende Inspektor und nicht zuletzt die schöne Bildkomposition und die hübschen, letzten Worte beim Tod der Gebrüder zeigen durchaus, daß Carlo Rola der Inhalt seines Films wichtiger ist, als das (opulente) Drumherum der Zwanziger Jahre.
Geben Sie "Sass" also eine Chance - der Film mag nicht jedem Zuschauer liegen und der ein oder andere mag seine Vorurteile gegenüber deutschen Großproduktionen bestätigt sehen, aber insgesamt kann "Sass" durchaus als inspirierte Produktion gelten - mit Liebe zum Detail und Herz inszeniert. Etwas, was die zahlreichen, "kleinen" deutschen Filme schon seit längerer Zeit besitzen.

Pseudoepisches, aber sehr unterhaltsames und sympathisches Drama


Thomas Schlömer