Identität
(Identity)

USA, 90min
R:James Mangold
B:Michael Cooney
D:John Cusack,
Ray Liotta,
Amanda Peet,
John Hawkes,
Alfred Molina
L:IMDb
„As I was going up the stairs, I met a man who wasn't there. He wasn't there again today, I wish I wish he'd go away”
Inhalt
Zehn Menschen, die sich noch nie zuvor gesehen haben, suchen in einer sturmdurchpeitschten Nacht durch eine Verkettung merkwürdigster Zufälle in demselben, heruntergekommenen Motel mitten in der Wüste Zuflucht. Auf den ersten Blick haben sie nur eins gemeinsam: Jeder von ihnen verbirgt ein Geheimnis – der Limousinen-Chauffeur (John Cusack), eine TV-Schauspielerin (Rebecca DeMornay), ein Cop (Ray Liotta), sein Gefangener, ein entflohener Schwerverbrecher (Jake Busey), ein Callgirl (Amanda Peet), ein gerade frisch verheiratetes Pärchen (Clea DuVall und William Lee Scott), eine Familie in Not (John C. McGinley, Leila McKenzie, Bret Loehr) und ein nervöser Motelmanager (John Hawkes). Doch nur kurz währt die geteilte Freude über den gefundenen Schutz im Naturinferno: Das Motel entpuppt sich als Falle - und für einige von ihnen als Grab. Als ein grausamer Countdown einsetzt, bei dem einer nach dem anderen auf brutalste Weise zu Tode zu kommen droht, macht sich Angst breit.
Kurzkommentar
"Durchgeknallt"-Regisseur James Mangold versucht sich an einem weiteren Genre und besorgt sich mit dem Drehbuch von Michael Cooney ein potenziell interessantes Skript. Das Ansammeln von Plot- und Charakterklischees soll dabei dem bewussten Auf-den-Kopf-stellen bisheriger Genrekonventionen dienen, aber die Auflösung des ganzen Brimboriums fällt allzu hinterhältig und konstruiert aus, als dass man wirklich von frischem Wind reden könnte.
Kritik
Kein Genre hängt so sehr von seiner Schlusspointe ab wie das des „Whodunit“, also des Krimis, Thrillers, o.ä., das sich um die zentrale Frage dreht: „Wer ist der Mörder?“. Mit erstaunlicher Ausdauer ist sie seit „Menschengedenken“ Nährboden für etliche Erzählungen, Schauergeschichten, Romane, Filme, quasi der Kriminal-Dramaturgie selbst. Und nicht erst seit Alfred Hitchcock, dessen komplette Filmografie (überspitzt formuliert) auf diesen dramaturgischen Knackpunkt reduzierbar ist, erfreut sie sich ungebrochener Beliebtheit. Noch immer werden beispielsweise Slasher-Filme am laufenden Band gedreht, noch immer lässt sich mit dem alten Schema Geld verdienen. Künstlerisch gilt jedoch schon beinahe genauso lange: die Luft ist raus, die Spannung stagniert, das Messer ist stumpf geworden. Und während die einen diese dramaturgische Ermüdung dazu nutzen, sie bis ins Lächerliche zu veralbern (ungekrönter Höhepunkt hier immer noch: „Murder by Death“ von 1976, der am Ende gleich mehrere plausible Erklärungen für den vorgefallenen Mord zur Sprache bringt), versuchten sich andere an geschickten Variationen: David Fincher machte mit seinem Thriller „Sieben“ die Frage nach dem Mörder zur Nebensache und konzentrierte sich lieber auf den psychologischen Effekt, Wes Craven nutzte bei „Scream“ die „Whodunit“-Gewohnheiten des Zuschauers aus und ließ das Morden zur Teamarbeit werden.

James Mangold, etablierter Regisseur von so Genre-vielfältigen Arbeiten wie „Cop Land“, „Durchgeknallt“ und „Kate & Leopold“, stand nun ebenfalls vor dem Problem, dem bekannten Schema Neues abzugewinnen. Dass er sich dazu fähig fühlte, zeigt allein schon die Tatsache, dass das vorliegende Skript Michael Cooneys auf dem schon zum Klischee erstarrten Plots Agathie Christies mit ihren „Zehn kleinen Negerlein“ (oder wie es seit Ende der 70er politisch-korrekt heißt: „Ten Little Indians“) basiert. Und ist es noch nicht genug des Anspruches, diesen Plot frisch und unverbraucht erscheinen zu lassen, siedelt Cooney das Geschehen (in einer überdeutlichen Referenz an Hitchcocks „Psycho“) in einem Motel an.

Aber Mangold ist nicht naiv. Er und Drehbuchautor Cooney lassen Exposition und Charaktere natürlich bewusst abgegriffen und schematisch erscheinen, wählen sogar die Besetzung so, wie es den gewohnten Rollen entspricht: John Cusack als rechtsschaffender Idealist, Ray Liotta als cholerischer Cop, Amanda Peet als Callgirl Paris, Jake Busey als durchgeknallter Schwerverbrecher usw. Das ermöglicht zwar einerseits, den Zuschauer spielend leicht (aber auch reichlich plump) in eine falsche Richtung locken zu können, steigert andererseits aber nur noch mehr die Erwartungen in die neue Komponente, die Mangold und Cooney dem Genre hoffentlich hinzufügen konnten. Und, die numerische Wertung verrät es, „Identität“ vermag dem gehobenen Anspruch leider kaum gerecht zu werden.

Spoiler
So handwerklich versiert er gemacht ist, so fähig die Darsteller auch sein mögen, „Identität“ steht und fällt mit seinen Wendungen. Und derer gibt es zwei zentrale: zum einen die „Hauptwende“ nach zwei Dritteln des Films, zum anderen der kleine Twist zum Schluss. Letzterer ist gleich vollkommen gewöhnlich und eigentlich nicht der Rede wert, setzt er doch ziemlich fantasielos auf dem vorherigen auf. Die Wende nach den ersten zwei Dritteln ist hingegen der eigentliche Knackpunkt, lässt sie doch das bisher gesehene unter einem anderen Licht erscheinen. Und hier muss eindeutig gesagt werden: bei solch hinterhältigen und schamlosen Plottwists ist es kein Wunder, wenn die wenigsten Zuschauer auf des Rätsels Lösung kommen. Indem Mangold das bisherige Geschehen als Hirngespinst eines zehnfachen Schizophrenen entblößt, darf der Zuschauer sich gleich zweimal verarscht vorkommen: zum einen, weil das bislang gesehene vollkommen an Bedeutung verliert, weil es nur irreal und somit nicht existent war und die potenzielle Spannung bis dato also nur „simuliert“ wurde (man könnte das jetzt als Essay über das Kino im Allgemeinen deuten, aber da unterstellen wir Mangold wohl zuviel der Absicht). Zum anderen, weil es die restlichen Minuten des Films relativ bedeutungslos macht: welcher Charakter in Malcolm Rivers Verstand nun „überlebt“ dürfte dem Zuschauer relativ egal sein, die Spannung liegt nur noch darin, ob sein Krankheit tatsächlich geheilt ist oder nicht. Und um hier mit Alfred Molinas Doktor mitzufühlen, fehlt es doch reichlich an emotionalem Unterbau.
Spoilerende

„Identität“ so „hart“ ranzunehmen, ist vielleicht etwas ungerecht. Er will ja trotz allem nur ein Genre-Film sein und auch nur innerhalb dieser (quasi toleranteren) Grenzen funktionieren. Vordergründig tut er das auch, aber genaugenommen ist das bei den meisten, uninspirierten Teenie-Slashern auch der Fall. Mangold und Cooney haben sich aber zum Ziel gesetzt, dem Genre auch inhaltlich Neues abzugewinnen und, arrogant formuliert, so kann ich das auch.

Handwerklich versiert und zunächst spannend, letztlich aber zu hinterhältig und einfallslos


Thomas Schlömer