Nicholas Nickleby

England, 132min
R:Douglas McGrath
B:Charles Dickens,Douglas McGrath
D:Charlie Hunnam,
Jamie Bell,
Christopher Plummer,
Jim Broadbent,
Anne Hathaway
L:IMDb
„Ich kann dich nicht retten, weil auch ich gerettet werden muss. Am besten retten wir uns gegenseitig”
Inhalt
Die Lage nach dem Tod des Familienoberhauptes ist erbarmungswürdig. Und der einzige, an den sich der junge Nicholas Nickleby (Charlie Hunnam) in seiner finanziellen Not zu wenden weiß, ist Onkel Ralph (Christopher Plummer), der in London lebende Bruder seines verstorbenen Vaters. Von ihm hat es immer geheißen, er sei äußerst wohlhabend. Doch der vermeintliche Retter entpuppt sich als herzloser Tyrann. Seine unschuldige Nichte Kate will er, gegen entsprechende, dringend benötigte Geldzuwendungen, an einen widerwärtigen Geschäftsfreund verkuppeln. Und Neffe Nicholas wird im Eiltempo zurück aufs Land geschickt. Als Hilfslehrer soll er in dem düsteren Internat Dotheboys Hall arbeiten und mit dem mageren Gehalt seine Familie im fernen London unterstützen. In Dotheboys Hall führen Wackford Squeers (Jim Broadbent) und seine Gattin (Juliet Stevenson) ein schreckliches Regiment: Ihre kleinen Schutzbefohlenen, die eigentlich sorgenfrei lernen sollten, führen in den trostlosen Hallen ein entbehrungsreiches Leben. Am schlimmsten hat es allerdings den jungen Smike (Jamie Bell)
getroffen. Nicholas und Smike freunden sich an und fliehen, bei Nacht und Nebel vor ihren Peinigern.
Kurzkommentar
Douglas McGrath („Emma“) bemüht sich bei seiner Charles Dickens-Verfilmung um Zurückhaltung, Detailtreue und Sinn für Erzählung. Das macht seine Adaption auf sympathische Weise actionarm und märchenhaft-liebevoll, aber leider ebenso spannungsschwach und schwunglos, ist aber dennoch aufgrund der grandiosen Darsteller und der satten Optik einen Blick wert.
Kritik
Eine Kritik zu einem Film zu verfassen, dessen Buchvorlage man nicht kennt, ist immer etwas heikel, besonders dann, wenn die Romane des Autors gewissermaßen allgemeine kulturelle Anerkennung genießen. Beim Engländer Charles Dickens ist das sicher der Fall, seine wohl bekannteste Erzählung „Oliver Twist“ ging (nicht zuletzt in Form unzähliger Verfilmungen) um die Welt. Seine Arbeiten werden auch heute noch – ca. 170 Jahre später – munter zitiert („Gangs of New York“, Martin Scorsese), referenziert („Die Farbe Lila“, Steven Spielberg) oder als Inspirationsquelle genutzt („Dogville“, Lars von Trier). Diese Ausdauer ist selbstredend in der Universalität von Dickens Storyelementen begründet: sadistische Erziehungsmethoden, herrschsüchtige Erwachsene, soziales Gefälle, Missgunst, die Falschheit der Nobelwelt, aber auch hochmoralische Helden, unverwüstliche Güte, Nächstenliebe und der unverzichtbare Sieg des Guten über dem Bösen sind heute nicht minder gefragt als Anfang des 19. Jahrhunderts.

Dickens bediente sich aber auch an klassischen Elementen der Märchenerzählung und bevölkerte seine Welt mit ebenso skurrilen wie karikativen Figuren. Dem trägt Regisseur Douglas McGrath („Emma“) in seiner Verfilmung Rechnung und eröffnet sie sogleich mit einem Pappmaché-Theater und einer sanften, männlichen Erzählstimme. Das setzt unmittelbar den Ton des Films und macht die kommende Episodenhaftigkeit der Erzählung greifbarer. Genau genommen ist diese nämlich ziemlich zerfahren, zumindest in der vorliegenden Filmform nach McGrath: Nicholas Nickleby stolpert von einem Ort zum nächsten, von einer Person zur nächsten, von einer guten Tat zur nächsten. Zuerst räumt er bei den Dotheboys auf (die im Laufe des Films übrigens schlicht vergessen und ihrem Schicksal überlassen werden), dann stattet er dem Theater einen Besuch ab, dann muss er seiner Schwester helfen, dann noch mal Smike, dann – unmöglich, dass er demnächst nichts mehr zu retten haben könnte – lernt er die schüchterne Madeline kennen, befreit diese von seinem Onkel, erobert ihr Herz und weist schlussendlich seinen Onkel in die Schranken. In Romanform lässt sich so ein (relatives) Durcheinander ohne zumindest plotbezogenem, roten Faden problemlos vermitteln, ein Film verlangt da schon nach mehr Stringenz.

Auf die verzichtet McGrath allerdings, vielleicht sogar absichtlich. Denn die Schönheit und Güte einer Märchenerzählung liegt ja auch in ihrer Ruhe und Gelassenheit, in ihrer Unbekümmertheit. Das vermag McGrath treffend einzufangen, auch durch den altenglisch geprägten Dialog. So plätschert „Nicholas Nickleby“ 135 Minuten sanft vor sich hin, wird nie wirklich langweilig, aber auch nie sonderlich spannend oder ergreifend. Trotzdem sich manches Plotelement wie die Geschichte um Smike (abermals großartig: Jamie Bell, bekannt aus „Billy Elliot“) dafür angeboten hätte. Dennoch dank der pompösen Ausstattung, der feinen Photographie, der erlesenen Darsteller und der soliden Geschichte ein recht ansehnlicher Familienfilm, auch weil die Boshaftigkeit des „Bösewichts“ einmal nicht grundlos ausgefallen ist.

Detailreiche, etwas profillose Charles Dickens-Verfilmung mit tollen Darstellern


Thomas Schlömer