Mann ohne Vergangenheit, Der
(Mies vailla menneisyyttä)

Finnland, 97min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Aki Kaurismäki
B:Aki Kaurismäki
D:Markku Peltola,
Kati Outinen,
Annikki Tähti,
Juhani Niemelä
L:IMDb
„Sollten Sie versuchen zu fliehen, beißt Ihnen der Hund die Nase ab. - Die versperrt mir sowieso nur die Sicht aufs Meeer.”
Inhalt
Nachdem er in Helsinki halb tot geprügelt wurde, landet der Mann ohne Vergangenheit (Markku Peltola) in einem leer stehenden Container im Hafen. Die Miete dafür zahlt er an den geldgierigen Wächter (Sakari Kuosamen), doch mit einem Bett und einer Jukebox eigerichtet, schafft er sich ein gemütliches Zuhause. Am Rande der Gesellschaft findet er echte Freunde und trifft auf eine wunderbare Frau: Irma (Kati Outinen) sorgt als Mitglied der Heilsarmee für warme Suppe, neue Kleidung und einen Job. Doch gerade als die beiden sich näher gekommen sind, wird der Namenlose Zeuge eines Bankraubs. Seine darauf folgende "Berühmtheit" bringt seine Identität ans Licht: Ausgerechnet seine Frau hat sich wieder gemeldet.
Kurzkommentar
Aki Kaurismäkis Gewinner des großen Preises der Jury beim Filmfestival von Cannes ist ein umwerfend wortkarges, teilweise köstlich inszeniertes Stück finnländischen Kinos, kämpft aber mit seiner Absicht, lakonische Komödie und Humanitätsparabel verbinden zu wollen. Nichts desto trotz ein mehr als sehenswerter Filme für alle Freunde des etwas trockeneren Humors.
Kritik
Aki Kaurismäki kann wohl als Regieexzentriker Finnlands gelten, hat er sich doch buchstäblich vom Tellerwäscher zum Filmproduzenten hochgearbeitet und seine eigenen Filme dabei am meisten auseinandergenommen (über einen seiner auch außerhalb Finnlands bekanntesten Filme, Leningrad Cowboys Go America, soll er mal gesagt haben: "Das ist der schlechteste Film in der Geschichte des Kinos - es sei denn man zählt die von Sylvester Stallone mit"). Er gilt außerdem als extrem wortkarg, introvertiert und beissend lakonisch. Und genauso sollen auch seine Filme sein.

Schwer zu beurteilen, wenn man bislang keinen gesehen hat, aber "Der Mann ohne Vergangenheit" weist äußerst viele der genannte Wesenszüge auf. Hier fällt kein Wort zuviel, schwebt die Grundstimmung immer zwischen absurd und urkomisch, und sind die Figuren allesamt verschrobene, verschlossene Typen. Trotzdem bleiben sie menschlich, strahlen eine gewisse Wärme aus und zeigen Ansätze von tiefster Liebenswürdigkeit. Bricht einmal dieser herzerwärmende Grundgedanke durch, ist der Film ungewöhnlich stark und entkommt seiner Lakonik. Trotzdem hat Kaurismäki Angst auch nur ansatzweise in der Gefühlsduselei Hollywoods zu enden und so schneidet er immer dann weg, wenn es nur minimal kitschig werden könnte. Das ist nicht immer eine kluge Entscheidung, zeigt aber Kaurismäkis Bemühen um Andersartigkeit und "echte" Gefühlsvermittlung. So konnte man selten mehr Emotionen im Gesicht einer Person erkennen als Irma sich (mit knapp 50 Jahren) für ihr erstes Rendezvous vorbereitet und vollkommen ungeschickt ihre Schminke aufträgt.

So lebt der Film nicht nur von seinem bis an die Grenze gehenden, trockenen Humor und dem Charisma seines Hauptdarstellers Markku Peltola, sondern vor allem von seiner parabelartigen Erzählweise. Und hier begeht Kaurismäki auch seinen einzigen Fehler: so anrührend seine Geschichten um die Obdach- und Arbeitslosigkeit, um die verstossenen Figuren und die kleine, zwischenmenschliche Hilfsbereitschaft sein mag, so schwer tut er sich, sie gebührend zu inszenieren. Denn dominiert werden die Situationen immer von seinem kargen Humor, nie gewinnt das Herz einmal die Oberhand.

Dieses Spannungsverhältnis vermag Kaurismäki nicht zu umgehen und so kämpft der "Mann ohne Vergangenheit" mit seiner Unausgewogenheit. Besonders deutlich wird diese Problematik nochmal am Ende: Kaurismäki hat mehrere Gelegenheiten den Film eindeutig und klar enden zu lassen, doch er setzt immer noch eine kleine, letztlich unnötige Sequenz drauf. Aber obwohl das die Stringenz des Filmes angreift, bleibt er definitiv sehenswert: dazu sind die meisten Dialoge zu köstlich, die Situationskomik zu treffend und die Darsteller einfach zu charismatisch.

Umwerfend lakonisch, aber leicht unausgewogen


Thomas Schlömer