Geheimnis von Green Lake, Das
(Holes)

USA, 117min
R:Andrew Davis
B:Louis Sachar,Louis Sachar
D:Sigourney Weaver,
Jon Voight,
Tim Blake Nelson,
Shia LeBeouf,
Khleo Thomas
L:IMDb
„You take a bad boy, make him dig holes all day long in the hot sun, it makes him a good boy”
Inhalt
Ein strenges Regiment führt die Chefwärterin einer Erziehungsanstalt für Jugendliche. Es gibt kein Kind weit und breit, das nicht vor Angst erbebt, wenn ihr Name fällt. Als ausgefallenstes Strafprogramm für vom rechten Weg Abgewichene hält die Wärterin eine besonders perfide Übung bereit: Ungehorsame Kinder müssen im Anstaltshof tiefe Löcher ausheben. Die Wärterin besteht darauf, diese Maßnahme stärke den Charakter. Niemand ahnt, dass die grausame Frau ein ganz anderes Ziel verfolgt: Denn ausgerechnet im Hof des
Knasts soll ein legendärer Schatz vergraben liegen.
Kurzkommentar
Actionveteran Andrew Davis („Auf der Flucht“) wagt einen unverhofften Genresprung und transportiert ein erfolgreiches Kinderbuch mit der Hilfe von dessen Autor auf die Leinwand. Aus „Holes“ ist ein abwechslungsreicher, überraschend komplexer Kinder- und Jugendfilm geworden, der durch Humor als auch durch zurückhaltende Ethik zu unterhalten weiß. Zwar reduzieren mehrere Handlungs- und Zeitebenen den Spannungsbogen und auch ist der Film zu lang. Aber Einfälle im Detail, die unverbrauchte Szenerie und vor allem die Interaktion der jungen Darsteller machen "Holes" sympathisch.
Kritik
Dass eine Kinderbuchverfilmung in die Hände eines Regisseurs gelegt wird, der sich vor allem im Actionsegment verdient gemacht hat, ist eine Überraschung. Andrew Davis hat mit Harrison Ford „Auf der Flucht“ gedreht, vorher und nachher ging es auf und ab. „Collateral Damage“, einer der Wiederbelebungsversuche für Arnold Schwarzeneggers Karriere aus dem letzten Jahr und Davis´ bisher letzter Film, fiel bei Publikum und Kritik überwiegend durch. Zeit also, sich vom großen Krachsektor ab- und familienkompatibler Unterhaltung zuzuwenden. Damit erprobt Davis ein für sich völlig neues Genre. Die Entscheidung, Louis Sachars zumindest in den USA sehr populäres Erfolgsbuch „Holes“ aus dem Jahre 1998 zu verfilmen, wurde Davis am Boxoffice gedankt, der Film wurde zu einem relativen Überraschungshit.

Der Grund liegt wohl im Umgang mit Sachars Buch, darin, dass Davis ihn dafür gewinnen konnte, als Drehbuchautor die Vorlage für die Filmbedürfnisse anzupassen. So ist „Holes“ ein ausgefallen zwischen den Genres stehender Kinder- und Familienfilm geworden, in dem alles äußerst richtig, aber auch nicht begeisterungsfähig gemacht ist. Positiv wiegt, dass Sachars Drehbuch seine minderjährigen Charaktere völlig ernst nimmt, sie nie, wie es sonst üblich ist, verniedlicht. Dann ist es das Szenario, der Einfall, einen vom Familienfluch zum Pech verdammten Jungen in das Camp für Schwererziehbare zu schicken, um ihn dort, mit in gottverlassener Wüste, zu rehabilitieren. Stilistisch gekonnt arbeitet Davis gleich mit mehreren Rückblenden: Die erste rekapituliert, wie der Junge überhaupt ins aparte Strafgefangenenlager kommen konnte.

Kurz darauf wird schon eine zweite Handlungsebene eingepflochten, die jugendliches Spannungskino, das sich allein auf den Selbstbehauptungskampf im Lager beschränkt hätte, unmöglich macht. An dieser Stelle, wo die Rückblende gar ins Europa des vorigen Jahrhunderts zurückgeht, wird der Grund für den Fluch des Pechs, der auf der Familie lastet, mit kindgerechtem Humor erzählt. Die schließlich dritte Handlungsebene, ebenso in Rückblenden erzählt, skizziert eine tragische, von Rassenhass im „Wilden Westen“ Amerikas zerstörte Liebe – ein für Kinder immerhin fragwürdiges Sujet, aber mit Patricia Arquette gut besetzt und nicht zu penetrant moralisch erzählt. Das ist neben der Ernsthaftigkeit, mit der „Holes“ seine Jugenddarsteller charakterisiert, generell der zweite Pluspunkt der Inszenierung: sorgt im Genre sonst ein sittlich-pädagogischer Zeigerfinger für Unmut und lähmt die Geschichte, ist „Holes“ frei davon, ohne jedoch in Werterelativismus zu verfallen.

„Holes“ ist damit erzählerisch überraschend komplex ausgefallen und integriert in der Haupthandlungsebene, dem Lagerleben, einen weiten kindsgerechten Kanon, der niemals aufzwingend daherkommt: Mut, Freundschaft, Diskriminierung, Anpassung und Abenteuer, das sind die Themenkreise. Der Hauptcharakter wird von Shia LeBoeuf mit bewundernswerter Ruhe und Reihe gespielt, er gibt damit den Kontrast zu den hier eigentlich lächerlichen Subjekten, den Erwachsenen. Hier fällt auf, wie hochkarätig – zumindest durch die Namen – „Holes“ besetzt ist. Jon Voights Figur des freakigen Lagerpatriarchen ist durchaus lebendig, fast zu lebendig, denn Voight neigt in Hampelmannmanier mit vorgestrecktem Bierbauch zu grässlichem Overacting, zu Lächerlichkeit. Für Sigourney Weaver war die mechanische Rolle der kaum engagierten Lagertyrannin auch nur Überbrückungsmittel.

Unentschlossenheit zeigt der Film bei der Tonfindung: auf nicht sonderlich einfallsreiche Art hat er seine witzigen Momente, die Kapital aus der bizarren Situation des ständigen Lochgrabens schlagen. Auch die Rückblenden geben sich komisch, kaum gelungen wirken hingegen die bizarren Augenblicke in Stanleys Familie. Dann wiederum, wenn er die Beziehung von Stanley und Zero (Khleo Thomas) in den Mittelpunkt rückt und diese sehenswert entwickelt, schwenkt die Stimmung durchaus ins Dramatische. Das wirkt nicht immer wie aus einem Guss, das Zielpublikum wird dennoch unterhalten sein und viele Identifikationswerte entdecken. Förderlich für die Spannung sind die verschiedenen Erzählebenen letztlich auch nicht, aber „Holes“ ist ein detailverliebter Jugendfilm geworden, der auf respektvolle Art von Selbstüberwindung, Größe und Kameradschaft vor einem exotischen Szenario erzählt. Durch weiteläufige Kameraperspektiven versetzt uns Andrew Davis in die Wüste. Wie eine Einöde wirkt dieser gewinnende Film jedoch nicht.

Facettenreicher, gut gespielter Kinderfilm zwischen den Genres


Flemming Schock