25 Stunden
(25th Hour)

USA, 135min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Spike Lee
B:David Benioff,David Benioff
D:Edward Norton,
Philip Seymour Hoffman,
Barry Pepper,
Anna Paquin,
Brian Cox
L:IMDb
„I'd like to be one of the X-Men. That one that can walk through walls.”
Inhalt
24 Stunden noch, dann endet für Monty Brogan (Edward Norton) das Leben in Freiheit. 24 Stunden noch, dann muss der ehemalige Drogendealer eine siebenjährige Haftstrafe antreten. 24 Stunden, in denen Monty Zeit bleibt, mit sich, seiner atemberaubenden Freundin Naturelle (Rosario Dawson), seinem Vater (Brian Cox) und seinen beiden besten Freunden, dem Wall-Street-Broker Slaughtery (Barry Pepper) und dem schüchternen Highschool-Lehrer Jacob (Philip Seymour Hoffman), ins Reine zu kommen. Und er will die Zeit nutzen herauszufinden, wer es war, der ihn bei der Polizei angeschwärzt hat.
Kurzkommentar
Mit superbem Cast, einem feinen Skript und grandioser Musik entwirft Black Cinema-Exzentriker Spike Lee ein ergreifendes, für die Zukunft hoffnungsvolles Bild einer gebrochenen Existenz. Auf teils subtile, teils etwas zu plakative Weise verbindet er zudem das Schicksal seiner drei Hauptfiguren mit dem einer Stadt. Dank Benioffs feiner Vorlage ein sehenswertes Drama nicht zuletzt über Freundschaft und Moral.
Kritik
Es gibt Regisseure, die mit kraftvollen Dramen gegen Antisemitismus und Intoleranz vorgehen, denen es gelingt das Schicksal eines Einzelnen zu universalisieren und auf unterdrückte Minderheiten auszuweiten, die in einer einzelnen Einstellung all das zusammenfassen, was sie zu sagen haben. Diese Fähigkeit zur Trichterung einer Aussage ist zweifelsohne wenigen Regisseuren gegönnt und selbst das nicht jedem ihrer Filme. Spike Lee jedoch, in seinem bereits drei Dekaden andauernden Kampf gegen die Minderbehandlung von Schwarzen auf gewisse Weise als Martin Luther King des amerikanischen Filmgeschäfts zu bezeichnen, konnte in dieser Richtung selten überzeugen. Ob frühe Polemiken wie "Jungle Fever" und "Malcolm X" oder seine letzten Arbeiten "He got Game", "Summer of Sam" und "Bamboozled", alle zeichnete Lee's Hang zur plakativen Anklage aus, die, so sie im Kern durchaus treffend sein mögen, in ihrer geringen Subtilität beim Zuschauer wohl nie den Grad an Betroffenheit und Aufklärung erreichen konnten, den Lee beabsichtigt hatte.

"25th Hour" markiert nun in mehrfacher Hinsicht ein Novum im Schaffen Spike Lees. Zum einen sind seine Hauptdarsteller allesamt weißer Hautfarbe, zum zweiten ist das Kernthema ausnahmsweise nicht der Rassismus, zum dritten ist "25th Hour" wohl sein erster guter Film. Und noch eine wichtige Änderung gibt es: das Drehbuch stammt diesmal nicht von Lee selbst, sondern von David Benioff, der seinen eigenen Roman adaptierte. Und genaugenommen liegt hier schon der Knackpunkt des Films, denn neben inszenatorischen Mängeln lagen die Probleme bei Lee auch immer in den Skripten.

Benioffs Arbeit hingegen ist Herz und Seele des Films, meistert die Zeichnung dreier fragiler Existenzen ebenso mühelos wie die Erzählung einer spannenden Geschichte. In seiner Vorlage erzählt er parallel vom gescheiterten amerikanischen Traum, vom Kampf gegen die kriminellen Versuchungen New Yorks und, als wäre es selbstverständlich, von Liebe, Freundschaft, Familie. Monty Brogan wirkt ausgeglichen, rational, gutmütig. Das allein wird vor den Credits deutlich gemacht, als er einen Hund rettet, dessen Leben ihm urplötzlich unheimlich wichtig erscheint. Bis zu einem gewissen Grade handelt er sogar moralisch, verkauft seine Drogen "nur" an Kids, die wissen, worauf sie sich einlassen. Er wollte das beste, er wollte rechtschaffend handeln, aber sein Versuch, im amerikanischen Gesellschaftssystem eine moralisch einwandfreie Existenz aufzubauen, ist gescheitert. Das erklärt er seinen Angehörigen als ihn die erste Verzweiflung ob der kommenden sieben Jahre im Gefängnis packt. Mit Drogen reich zu werden erschien ihm einfach wesentlich leichter.

In der großartigsten Sequenz des Films (die wohl in die Filmgeschichte eingehen würde, hätte Lee nicht bereits 1989 eine ähnliche Sequenz in "Do the right thing" inszeniert) steht Brogan vor dem Spiegel und rechnet im Geiste mit allen ethnischen Gruppen New Yorks ab. Er will es sich einfach machen und die Schuld für sein versautes Leben seiner Umwelt zuschieben, trotzdem er genau weiß, dass er ganz allein für seine Misere verantwortlich ist.

Doch Benioff begnügt sich nicht damit, allein von Brogan und seinem kleinkriminellen Leben zu erzählen. Ebenso sorgfältig zeichnet er das Leben seiner besten Freunde: von Elinsky, der sich von einer Schülerin angezogen fühlt, von Slaughter, der als Opfer des Kapitalismus eingeführt wird, sich aber dann als wohl feincharakterisiertester Yuppie der jüngeren Kinogeschichte entpuppt. Benioff und Lee gönnen den beiden sogar Sequenzen, in denen Brogan gar nicht anwesend ist, darunter das vielschichtige Gespräch vor den Trümmern des World Trade Centers. Hier nutzt Lee (wie insbesondere in den kraftvollen Credits) die Geschichte New Yorks (wenn auch auf wenig subtile Weise), um Aussagen über seine Figuren zu treffen.

Überraschend für einen Spike Lee-Film ist "25th Hour" aber sicher nicht wegen seines New York-Hintergrundes. Vielmehr erlaubt sich Lee (derjenige, der sonst aufs schärfste die Nebenrollen von Afro-Amerikaner aus Quotengründen anprangert) auch, die Sympathie einmal umzukehren und z.B. die ausnahmslose farbige Polizei als Kleinsadisten zu charakterisieren. Und dennoch bleibt seine Hassliebe zu New York in jeder Sekunde spürbar, sei es in der angesprochenen Sequenz vor dem Spiegel, in den Credits oder in den melancholischen Momenten auf der Parkbank.

Am Ende dann, als die 25. Stunde schlägt und die unvermeidliche Verabschiedung erfolgen muss, zieht Lee Bilanz und wie immer verzichtet er nicht auf ein Zeichen der Hoffnung. Trotzdem Brogan sich von seinem besten Freund verprügeln lässt, um im Gefängnis für die anderen Insassen nicht "attraktiv" genug zu wirken, trotzdem sein Vater sich die Schuld an seiner zerrbrochenen Existenz gibt, trotzdem Elinsky seinen Gefühlen nicht freien Lauf lassen konnte, verabschiedet er sich mit einer alternativen Zukunft. Wir sehen Brogan, wie er der Justiz entkommt, seine Freundin wieder trifft, sein Leben in den Griff bekommt, eine große Familie gründet. Brian Cox als sein Vater erzählt mit hoffnungsvoller Stimme von dem großen Glück, seine Freunde sagen ihm wiederholt, dass er immer noch jung ist, wenn er in sieben Jahren entlassen wird, seine Freundin erweckt den Eindruck, treu bleiben zu wollen. Und wenn Brogan mit seinem Vater in der letzten Einstellung über den Highway fährt kann sich auch der Zuschauer nicht ganz sicher sein, ob Brogan schon für sein komplettes Leben gezeichnet ist.

Insgesamt mag man Lee für die ein oder andere Sequenz wieder schamlose Polemik vorwerfen, mag den Hintergrund der übergroßen Terror-Symbolik grob und holzschnittartig nennen, mag sagen, dass er sich etwas in den drei parallelen Schicksalen verliert. Man mag aber auch anerkennen, dass er seinen bislang besten Film gedreht hat, ein Film, bei dem ihm endlich mal gelingt, Form und Inhalt in Einklang zu bringen, indem Schnitt und Musik (hervorragend: Terence Blanchard) den Inhalt ebenso stützen wie die Darsteller ihre Rollen auf subtile Weise mit Leben füllen können. Lee ist als Filmemacher endlich gereift, hat sein brodelnde Grundstimmung endlich konzentriert filmisch aufarbeiten können. Auch wenn vieles an "25th Hour" Drehbuchautor David Benioff zu verdanken ist.

Leben und Leiden in New York, hervorragend geschrieben und gespielt


Thomas Schlömer