Tatsächlich Liebe
(Love Actually)

USA / Großbritannien, 129min
R:Richard Curtis
B:Richard Curtis
D:Bill Nighy,
Colin Firth,
Liam Neeson,
Emma Thompson,
Keira Knightley
L:IMDb
„Zwei Minuten bei Elton John und schon schwul wie zehn Frisöre”
Inhalt
"All you need is love" ... Warum nur eine romantische Komödie drehen, wenn man auch zehn auf einmal erzählen kann? In den kunstvoll ineinander verwobenen Episoden ist die Liebe die treibende Kraft - und sie erwischt jeden: Die verbitterte Schuldirektorin, den altern-den Rockstar und auch den frischgebackenen, britischen Premierminister (Hugh Grant), der sich in sein Dienstmädchen (Martine McCutcheon) verliebt. Am Weihnachtsabend erreichen schließlich alle Geschichten ihren überraschenden Höhepunkt.
Kurzkommentar
Richard Curtis liefert das, was sein Zielpublikum zur überemotionalisierten Weihnachtszeit erwartet und daraus kann man ihm nicht wirklich einen Strick drehen. „Tatsächlich Liebe“ ist trotz seiner erzwungenen Episodenstruktur ein unterhaltsames Stück romantischer Komödie geworden, dass – auch wenn es sich teilweise in Zynismus und Bitterkeit verliert – erwartungsgemäß das propagiert, was der Werbespruch vorgibt: Love is all around.
Kritik
Das Geschäft mit der Glückseligkeit des Weihnachtsfests ist nicht zuletzt das Geschäft mit Emotionen und das wiederum nicht zuletzt das des Kinos. Das weiß so ziemlich jedes Mitglied der Filmbranche und der Trennstrich kann wohl nur zwischen denen gezogen werden, die das offen zu geben und denen, die das nicht tun. Von Richard Curtis, Drehbuchautor und Produzent zweier der erfolgreichsten (und besten), britschen „Romantic Comedies“ der letzten Jahre, „Notting Hill“ und „Bridget Jones’ Diary“, war man bislang jedenfalls gewohnt, unter der märchenhaften Oberfläche seiner Geschichten auch ehrliche Gefühle zu finden. Und wenn man doch so seine Zweifel hatte, konnte man sich immer noch an den wunderbaren Nebenfiguren, dem charmanten, britischen Humor oder den würzigen Dialogen erfreuen. Diese „Konstanz“ vermag nun auch der unter Eigenregie entstandene „Tatsächlich… Liebe“ zu halten und dieser Hinweis dürfte Interessenten des „typischen“ romantischen Kinos wohl als Empfehlung reichen. So sei also vorweg gesagt, dass Curtis’ neueste Auseinandersetzung mit der bedeutendsten aller Emotionen ebenso seine Zuschauer zufrieden stellen dürfte wie seine vorherigen. Aus diesem Grund gibt’s dann auch die erwartungsgemäß gute Wertung (denn diese ist durchaus gerechtfertigt) sowie eine minimale Empfehlung.

Dennoch brodeln unter der romantisch-verschneiten Oberfläche so einige Fragwürdigkeiten und diese gilt es zumindest teilweise kritisch zu durchleuchten. Da wäre etwa der regelmäßig aufblinkende Zynismus des Films, der in seiner sporadischen Offenkundigkeit schon fast als dreist zu bezeichnen ist. So beginnt der Film zunächst mit der doch leicht sorglosen Feststellung, dass, als damals die Flugzeuge ins World Trade Center gestürzt sind, keines der Opfer in seinem letzten Telefonat irgendwelche Hasstiraden losgeworden sei, sondern jedermann nur von Liebe und Zuneigung gesprochen hat. Angesichts der vielen Sorgen und Kriege, habe die Welt in diesem Moment immerhin bewiesen, dass sie doch nicht so schlecht sei.

Als nächstes wird dann Liam Neesons Charakter vorgestellt und wir sehen ihn auf der Beerdigung seiner Frau. Curtis inszeniert dabei seine Ansprache in der Kirche durchaus gefühlvoll und herzzerreißend, doch in einem späteren Gespräch mit seiner Schwester wird er mit den tröstenden Worten konfrontiert: „Hey, weine nicht soviel. Da will ja keine Frau mehr mit dir ins Bett“. Und als sei das noch nicht genug der gegenseitigen Gefühlsbekundung, bezeichnet er seinen eigenen Sohn später noch als „mutterlosen Rabauken“. Na wer so leicht über den Tod seiner Frau hinwegkommt, dem nimmt man locker ab, dass er mit Claudia Schiffer gerne ein neues Leben beginnen würde.

Noch impertinenter ist aber eigentlich der Erzählstrang um den alternden Rocker. Dank Bill Nighy und den Dialogen ist die Episode nicht ohne Witz, aber im Prinzip brüllt Richard Curtis dem Zuschauer hier in jeder Sekunde ins Gesicht: Du Depp, ich zeig dir gerade, wie jemand seine offenkundige, kommerzielle Vermarktung frei zugibt und die Leute drauf reinfallen und du sitzt ausgerechnet in meinem Film! Denn so liebevoll die Verpackung auch sein mag, „Tatsächlich Liebe“ ist in seinem dramaturgischen wie marktgerechten Kalkül (der Film bezieht seinen Starttermin gar inhaltlich ein: „5 Wochen vor Weihnachten“) derart synthetisch, dass einem eigentlich jede Lust am mitfühlen vergehen möchte.

Abgesehen von dem etwas kuriosen Einfall, eine romantische Komödie mit politischem Subtext zu versehen (die Amerikaner kommen eigentlich durchweg schlecht weg: ob Billy Bob Thornton als zügelloser Präsident oder Shannon Elizabeths und Denise Richards recht peinliche Gastauftritte als erotische Dummerchen), Curtis’ Drehbuch krankt auch etwas an seiner erzwungenen Schwarz-Weiß-Malerei. 129 Minuten Dauerverliebtheit ist wohl auch für mein Zielpublikum zuviel, muss ihm durch den Kopf gegangen sein, also muss ich auch die Kehrseite der Medaille abdecken. Und so dürfen sich zum ersten Emma Thompson und Alan Rickman als gesetztes Ehepaar, zum zweiten Andrew Lincoln als unglücklich Verliebter und zum dritten Laura Linney mit der Bürde der Krankenpflege ihres behinderten Bruders mit den Gegenwirkungen der Liebe beschäftigen. Wenn Rickman seiner Frau zu Weihnachten nur eine CD und nicht die verhoffte Halskette schenkt und Lincoln seiner Traumfrau die endgültige Liebeserklärung macht, zeichnet der Film eine ernsthafte, sehr schmerzhafte Bitterkeit. Dass diese zur Liebe ebenso gehört wie das Glück verschweigt uns Curtis auf die Weise zwar nicht, überschüttet sie aber mit derart vielen, „positiven“ Handlungssträngen, dass sie vollkommen an Wert verlieren. Dieser Gegenpol hätte entweder stärker ausgebaut oder ganz vernachlässigt werden müssen.

Und dennoch, um es endgültig festzuhalten, funktioniert „Tatsächlich Liebe“ auf seine simple Weise. Er unterhält dank guter Dialoge und manch niedlicher Plot-Idee, bietet seinem Zielpublikum wohl genau das, was es möchte und hält – trotz allem – seine leicht-zynische Grundhaltung in Grenzen. Und dass er so schamlos künstlich und kalkuliert ist, kann man wohl als Teil des Weihnachtsgeschäfts werten.

Ebenso verkitschtes wie unterhaltsames Weihnachtskalkül


Thomas Schlömer