Okay

Dänemark 2002, 93min
R:Jesper W. Nielsen
B:Kim Fupz Aakeson
D:Paprika Steen,
Troels Lyby,
Ole Ernst,
Nicolaj Kopernikus
L:IMDb
„Es war eine Erleichterung, als sie starb”
Inhalt
Nete (Paprika Steen) ist eine toughe Frau Mitte dreißig. Sie arbeitet als Sozialarbeiterin und hat eine pubertierende Tochter (Molly Blixt Egelind). Ihr Mann Kristian (Troels Lyby) ist ein Schriftsteller, der nicht wagt, seine Manuskripte jemandem zu zeigen und statt dessen mit einer Teilzeitstelle als Dozent sein Geld verdient. Eines Tages erkrankt Netes Vater (Ole Ernst) schwer. Nete erzwingt von dem Arzt die erschütternde Prognose: Ihr Vater hat nur noch drei Wochen zu leben. Obwohl sie sich nie gut mit ihrem Vater verstanden hat, holt Nete den verbitterten alten Mann zu sich in die Wohnung. Er soll seine letzten Tage im Kreis der Familie verbringen. Trotz der zusätzlichen Belastung versuchen alle, mit der ungewohnten Situation klar zu kommen. Netes Bemühungen, ihren Vater und ihren schwulen Bruder Martin wieder zu versöhnen, scheitern. 3 Wochen vergehen. Ein Monat. Netes Vater stirbt nicht.
Kurzkommentar
Einmal mehr gibt Dänemarks Vorzeigestar Paprika Steen („Open Hearts“) Grund, ins Kino zu gehen. „Okay“ wirkt wie mitten aus dem Leben gegriffene Tragikomik über Distanz und mögliche Nähe in einer aus dem Rhythmus kippenden Familie. Figuren und Geschichte sind schablonenhaft, aber die Darsteller erlesen und der emotionale Ton des Films ist bedeutungsvoll, ohne pathetisch zu sein. Paprika Steen ist hervorragend im Portrait einer gegen Ohnmacht ringenden Mutter. Und so gefällt Dänemark auch ganz ohne Dogma.
Kritik
Als dänischer Beitrag im Ringen um die Oscars ging „Open Hearts“, der überhaupt letzte Dogma-Film, in diesem Jahr leer aus. Bekanntermaßen machte Caroline Links „Nirgendwo in Afrika“ das Rennen. Und doch war das manierierte Dogma-Prinzip das bei weitem erfolgreichste Exportkonzept des zeitgenössischen dänischen Kinos. Nachdem nun nicht mehr länger mit überzogen kippelnden Handkameras und fehlender Beleuchtung gekämpft wird, dürfen sich dänische Filme wieder allein über den Inhalt definieren. Die Richtung gab „Open Hearts“ als in seiner Schlichtheit berührungsvolles und wirklichkeitsnahes Drama vor. Keine Frage, im gegenwärtigen, uns erreichenden dänischen Film gibt es wenig zu lachen, aber die Abbildung des Lebens funktioniert auf hohem Niveau.

Als fast bindende Darstellerin kommt dann die hervorragende Paprika Steen ins Spiel, eine alte Dogma-Veteranin, die in „Mifune“, „Idioten“ und dann „Opean Hearts“ zu sehen war. Und auch in „Okay“, dessen Titel mit einem schwachen Wort im ironischen Understatement Bezug auf die kaum mögliche Bewältigung der Schicksalsschläge Bezug nimmt, funktioniert sie mühelos als Schrittmacher im Zentrum eines eigentlich unoriginell gestrickten Familiendramas. Wie schon in „Open Hearts“, wo sie auch die aufrichtige und doch betrogene Familienmutter mimte, schafft Steen es erneut, den Zuschauer mit einer emotional kräftigen und „authentischen“ Rolle zu bannen. Dass die Dramaturgie und psychologische Entwicklung der einzelnen Charaktere nur selten überrascht, wiegt dabei kaum.

Denn als Drama, das schmucklos eine familiäre Extremsituation mit zerlegen und wieder montiert, leistet „Okay“ ein überdurchschnittliches Ergebnis, das auch deswegen gefällt, weil positiv bescheidenes Erzählkino mit dem Hang zum Nicht-Fiktionalen schon Seltenheitswert hat. Der Film beginnt mit der vermeintlich stabilen Ausgangssituation, in der Nete (Steen), durch den Job als Sozialamt ohnehin schon abgehärtet, ihre im kleinbürgerliche Familie sicher im Griff hat. Zwar durchläuft ihre Tochter Katrine (Molly Blixt Egelind) gerade die rebellische Phase, die vor allem mit der Zahnspange zu kämpfen hat, aber es herrscht doch Gleichgewicht. Sicher, die Figuren, ihr Mann, der Universitätsdozent mit Schreiballüren, der störrische Großvater, sind eher stereotype Bilder.

Und doch macht sich „Okay“ durch die Konstellation der Handelnden interessant, da sie ungekünstelt, unmittelbar und wie aus dem Leben gegriffen scheint. Ole Ernst mimt Netes einsiedlerisch schweigenden Großvater, dessen Zynismus mit der Welt schon abgerechnet hat, mit knorriger Überzeugungskraft. Als weiteres „Original“ setzt das Drehbuch die etwas aufgesetzt schrullige Gestalt von Netes Bruder Martin (Nicolaj Kopernikus), schwuler Betreiber einer Sushi-Bar. Da sind die Generationenkonflikte absehbar wie vorprogrammiert, womit die einzelnen Handlungsträger vor allem als notwendige Konfliktfaktoren eingesetzt werden. So ist es die Krebsdiagnose beim Großvater, der diese stoisch gleichgültig hinnimmt und der, da sein Tod angeblich nur eine Frage von Wochen ist, im Angesicht des nahenden Endes bei Nete den verzweifelten Versuch der „Ordnung der Dinge“ auslöst.

Es ist das volle Engagement, mit der sich Paprika Steen als Nete in den sich nun entwickelnden Stresssituationen die Kontrolle zu behaupten sucht, das ohne große Gesten begeistert. Das entscheidende Moment der Zerlegung der fragilen familiären Sphäre ist Netes warmherzige Entscheidung, den Großvater nicht einsam, sondern im Kreise der Familie sterben zu lassen. Regisseur Jesper W. Nielsen fängt in diesen Szenen zwischen Ohnmacht und Hoffnung, die auf letzten Zusammenhalt stützen soll, unpathetisch ein; die erzählende, teils lange auf den Gesichtern liegende Kamera erzeugt dennoch einen hohen Grad an Emotionalität. Fein säuberlich entwickelt „Okay“ die erwarteten Konfliktlinien innerhalb des beengten Wohnraumes, in dem der trotzige Großvater in einem sehenswerten Prozess langsam aufzutauen beginnt und sich durch im Kreise der Lieben aktivierten Selbstheilungskräfte zum greisen Störfaktor und zur nervenaufreibenden Belastung entwickelt.

Dieser Wendepunkt wirkt freilich nach schulmäßigen dramaturgischen Notwendigkeiten konstruiert. Wenn der sarkastische Alte aber zum Rebellionshelfer seiner Enkeltochter wird, am Grab seiner verhassten Frau Jahrzehnte zurückliegenden Seitensprüngen nachhängt und beim Leichenbestatter eigenhändig „die Kiste“ aussucht, sorgt der Film für lakonisch komische Einbrüche in der dramatischen Entwicklung. Köstlich, wie der Alte mit schonungsloser Spürnase die moralischen Verfehlungen von Nettes Ehemann auf den Plan ruft. Zwar zeichnet „Okay“ die Entwicklung der Spannungsverhältnisse, in denen der Alte erst Mitleid und dann Missgunst erfährt, schematisch nach. Wie aber Paprika Steen als Nette nach bestem Willen kämpft und ihr Ziel, einen heilen Kern zu stiften, vorerst nicht erreicht, sondern im Gegenteil, immer weiter der Verbitterung und Ohnmacht verfällt, hat Klasse.

So gibt „Okay“ einen berührenden, wenn auch typisierten Einblick in alltägliche menschliche Größen und Schwächen im Angesicht einer das Äußerste fordernden Situation. Rollenklischees werden gerade in der den Familienvater verführenden Studentin und dem schwulen Bruder, der als Samenspender für ein lesbisches Paar dennoch althergebrachtes Genderverhalten wieder findet, brav durchbuchstabiert. Aber „Okay“ ist ein emotional überzeugend komponiertes, kleines, sympathisches Drama, das dank bitterkomischer Züge Zentralmomenten zwischenmenschlichen Lebens schauspielerisch hervorragend den Spiegel vorhält und trivial, aber ermutigend endet. Auch dieser Film wird wieder ein Fall für die Programmkinos bleiben; schade, denn auch mit „Okay“ beweist der dänische Film seine augenblickliche Stärke.

Simple, emotional sichere Tragikomödie mit erlesenen Darstellern


Flemming Schock