Jenseits aller Grenzen
(Beyond Borders)

USA, 127min
R:Martin Campbell
B:Caspian Tredwell-Owen
D:Angelina Jolie,
Clive Owen,
Linus Roache,
Teri Polo
L:IMDb
„Ja. Ein Leben.”
Inhalt
Der rebellische Auftritt des sozial engagierten Arztes Nick Callahan (Clive Owen) auf einer Charity- Veranstaltung hinterlässt bei Sarah Jordan (Angelina Jolie) tiefen Eindruck. In ihr wächst der Wunsch, ihrem bisherigen Leben eine neue Aufgabe zu geben. So beginnt vor dem Hintergrund abenteuerlicher Schauplätze eine gefährliche Reise in die Krisengebiete Äthiopiens, Kambodschas und Tschetscheniens, in denen sie nicht nur mit der Liebe ihres Lebens konfrontiert wird.
Kurzkommentar
Sobald die Unterhaltungsindustrie vorgibt, ein Bewusstsein für das Elend dieser Welt zu befördern, ist Vorsicht angesagt. „Jenseits aller Grenzen“ krankt nicht nur an flickenartiger Dramaturgie. Schon in seinem letzten Film „Vertical Limit“ ließ sich Regisseur Martin Campbell auf Abgründe ein. Diesmal sind es die der Moral. Vorgegaukelt wird in dem Starvehikel für Angelina Jolie ein ambitioniertes Humanitätsdrama. Alles Elend sinkt jedoch bald zur bloßen Dekoration ab, weil „Jenseits aller Grenzen“ zum schalen Liebesfilmchen vor exotischem Hintergrund mutiert.
Kritik
Selbst die westliche Wohlstandsgesellschaft ist sich nicht genug. Hollywood produziert ihre Träume. Alpträume mit authentischem Hintergrund gibt es selten, und wenn, dann meist nur in Form des Kriegsfilms. Sich hier, in der Traumfabrik, die mit all ihren Stars auch gerne dekadent ist und vor allem die Sehnsüchte der ersten Welt bedient, der dritten Welt annehmen zu wollen, mag ja löblich sein. Diese Moral hat aber auch unweigerlich etwas grenzhaft Verzerrtes an sich, ja Zynisches und Scheinheiliges. So soll man also – womöglich noch mit einem Eimer Popcorn und Cola – eine Kinokarte zahlen, um sich für das Elend der Welt im Rahmen der Abendunterhaltung zu sensibilisieren, wo man die paar Euro in einem Anfall von Gutmenschentum hätte besser gleich an eine Hilfsorganisation spenden können. Die sehen von dem Eintrittsgeld aber natürlich nichts. Und wie, bitte schön, sollte ein zweistelliges Millionenbudget für eine mittelgroße Hollywood-Produktion angesichts dieses Lippenbekenntnisses überhaupt zu rechtfertigen sein? Mit der Summe, die in „Jenseits aller Grenzen“ für adrette Leinwandhumanität invenstiert wird, wäre auf den Krisenherden der Welt so einiges zu retten gewesen.

Auch die Filmographie von Regisseur Martin Campbell scheint das Anliegen von „Jenseits aller Grenzen“ schon im Vorfeld als dekoratives Mittel zum Zweck und reine Humanitätsduselei zu enttarnen. Campbell hat sich bisher nicht gerade als alternativer Autorenfilmer hervorgetan. Im Gegenteil. „Goldeneye“ dürfte wohl sein bekanntester Film sein, danach folgte der 1998er Popcorn-Erfolg „Die Maske des Zorro“. Und auch in der Fortsetzung, die mit gleicher Besetzung noch in diesem Jahr entstehen wird, darf man sich dann wieder unbekümmert amüsieren. Dass „Jenseits aller Grenzen“ vor diesem Hintergrund nicht mehr als wohltätige Attitüde würde, war abzusehen. Und das ist er dann auch, weil er sein Gebahren alsbald als das entlarvt, was an der Kasse nur zieht: strahlendes Starkino. Natürlich hat die Entscheidung, Angelina Jolie mit der Hauptrolle zu besetzen, eine gewisse Berechtigung, ist aber gleichzeitig glänzend deplatziert. Die Oscarpreisträgerin, an der seit ihrem zweifachen Auftritt im blödsinnigen „Tomb Raider“ das verruchte Schlägerimage hängt, macht sich mit den Mitteln Hollywoods im „wirklichen Leben“ seit Jahren auch noch als UN-Botschafterin einen Namen.

Eine Gewisse ehrliche Ambition kann ihrem Mitwirken in dem Streifen somit nicht abgesprochen werden. Doch alle ethisch-moralischen Appelle sind hier nicht mehr als Kulisse, um den schönen, engelsgleichen, perfekt geschinkt und ausstaffierten Star enstprechend in Szene zu setzen. Bevor dieses Schaulaufen als Globetrotter des Elends durch ausgesuchte Regionen dieser Welt beginnt, lernen wir Sarah im wohl notwendigen Klischee kennen, das macht schon die gezwungen kultivierte Eröffnung klar: Die leicht angeödete High-Society-Dame intoniert Schumanns Kinderszenen in gewagter Langsamkeit und träumt, dass diese eine Welt ja doch besser sein könnte, sein müsste. Den Moment, der in Sarah den Weltverbesserungsdrang schlagartig wachruft, setzt Campbell dann in der nächsten Szene ebenso kinowirksam wie unrealistich um. In das dekadente Party-Treiben einer Londoner Wohltätigkeitsgala platzt Clive Owen als leicht militanter Entwicklungshelfer, begleitet von einem halbverhungerten afrikanischen Kind.

Die folgende Show macht zwar schlagend deutlich, wie verlogen und böse es ist, für die Hungernden sammeln und gleichzeitig Champagner kredenzen zu wollen. Aber es ist auch eine platte, effektheischende Anklage, die zudem nur dazu dient, beim Society-Girl Sarah, das der Botschaft und dem Entwicklungshelfer gleichermaßen verfällt, den Gesinnungswandel innerhalb von Sekunden zu bewirken. So ändert sich das sinnentleerte Leben innerhalb von Sekunden und Sarah rüstet – ja, man staune – mit eigenen Mitteln einen Hilfskonvoi aus, und auf geht es mit gewaltigem Idealismus und makellosem weißen Dress nach Äthiopien. Dort ist „Jenseits aller Grenzen“ nicht mehr als Elendstourismus mit den nötigen Beigaben und der größtmögliche Kontrast zur Londoner Dekadenz. Sarah mutiert sogleich vom Wohlstandsmensch zur philantrophischen Heldin und James Horners kitschige Ethnomusik beschallt das Geschehen durchweg nervtötend. Gleichwohl gelingen Campbell hier in einigen ungeschminkten Bildern bewegende Momente, die wiederum in der Orchesterschlacke ersticken.

Aber natürlich trifft sie hier ihren Party-Terroristen wieder. Clive Owen versieht den engagierten Arzt Nick mit einem angesichts des namenlosen Sterbens notwendigen Zynismus auch gegen Sarah. Dass es zwischen den beiden trotzdem funkt, macht nun klar, worum es in „Jenseits aller Grenzen“ wirklich geht: um eine im humanitären Gewand versteckte Liebesgeschichte, die so einiges vom Groschenroman hat. So ist das Leid in der Wüste Szenen später vergessen, taugt das monotone Sterben doch nur bedingt zu Unterhaltung. Aber Sarah muss den harten Mann gewinnen und so folgt sie ihm in andere, völlig beliebige Horrorregionen; Hauptsache, sie fahren das gesamte Schreckensrepertoire inklusive Landminen und kitschiger Musik auf. Gleichzeitig bekommt Frau Jolie jeweils demonstrativ Gelegenheit, wieder die Garderobe zu wechseln, mit der alle Gefahren bis zum explosiven Ende gemeistert werden. Hier verspielt Campbell nicht nur durch den häufigen Ortswechsel jede dramaturgische Dichte. Allein einige Actionmomente lassen in diesem Stückwerk und scheinheiligem Liebesdrama ahnen, wo die Fähigkeiten des Regisseurs liegen. Jenseits von Gut und Böse ist der Streifen damit nicht, aber doch ziemlich verzichtbar.

Heuchlerisches Starkino mit zweckdienlicher Exotikkulisse


Flemming Schock