Open Hearts
(Elsker dig for evigt)

Dänemark, 113min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Susanne Bier
B:Anders Thomas Jensen
D:Sonja Richter,
Mads Mikkelsen,
Paprika Steen,
Nikolaj Lie Kaas
L:IMDb
„Wir hatten einfach kein Glück”
Inhalt
Die junge Liebe von Cecilie (Sonja Richter) und Joachim (Nikolaj Lie Kaas) gerät aus allen Fugen, als den lebensbejahenden Mann das Auto von Marie (Paprika Stehen) überrollt. Im Krankenhaus erfährt Joachim, dass er für immer gelähmt sein wird. Aus tiefer Verbitterung und Zukunftsangst verstößt er seine verzweifelte Freundin. Cecilie sucht daraufhin Trost bei dem verständnisvollen Krankenhausarzt Niels (Mads Mikkelsen), der zufällig der Ehemann der Unfallverursacherin ist. Es kommt, wie es kommen muss. Die beiden verlieben sich und stürzen ihre ohnehin verwirrten Gefühle endgültig ins Chaos.
Kurzkommentar
Mit geschicktem Formalismus, ausgewiesenen dänischen Darstellern und einem pointierten Drehbuch ist „Open Hearts“ ein dramatischer, in seiner Schlichtheit berührender Blick auf die brutale Regie des Zufalls. Susanne Biers Dogma-Film besticht durch eine zurückhaltende, leise Inszenierung. Damit gelingt ihr eine emotional starke und gleichzeitig atmosphärische Nahaufnahme von der Macht zentraler Lebensmomente. Und am Ende wartet der Trost.
Kritik
Es ist der achte Kinofilm der Regisseurin Susanne Bier. Das passt, denn „Open Hearts“ ist auch der achte Vertreter des berüchtigten Dogma-Manifestes von 1995. Diese Programmerklärung zur neuen ästhetischen Nacktheit hat damals viel Lärm losgeschlagen. Sieben Jahre danach schreckt der manierierte Purismus keinen mehr: wackelnde, investigative Handkamera, fehlende Ausleuchtung und der Verzicht auf Maske sind zu längst typisierten Elementen einer pseudo-dokumentarischen Natürlichkeit geworden. Oft täuschte aber die experimentelle Form, irgendwie avantgardistisch aussehend, nur müde über lahme Inhalte hinweg.

Trotzdem hat, das ist unbestritten, die provokative Stilistik formale Epoche gemacht und viele Impulse gegeben. So definiert sich das Original mit jedem Film wieder neu, doch nicht mehr lange. Susanne Biers „Open Hearts“ wird einer der letzten Streifen mit offiziellem dänischen Gebotssegen sein, und vielleicht ist er auch einer der besten. Wie eine schockierend zufällige Sekunde ein ganzes Leben durch einen Unfall zerstörerisch verändern kann und welche Konsequenzen daraus für die Mitlebenden erwachsen, fängt Biers Film in nüchternen Bildern ein. Die 35-Millimeter-Kamera nimmt eine behutsam erzählende Position des Beobachters ein. Sein Blick liegt immer eindringlich nahe auf den Gesichtern der Handelnden.

So zeigt „Open Hearts“ fast idealtypisch, wie der Minimalismus des Dogma-Manifestes einen überzeugenden, pathosfreien Grad an Realismus zu liefern vermag. Doch ist das mehr als eitle Kunstübung, denn Susanne Bier hat gemeinsam mit Anders Thomas Jensen ein brillantes Drehbuch über die Fragilität des Glücks und die entgleitende Kontrolle im Leben verfasst. Besonders tragisch wie faszinierend entpuppt sich dabei die Ausgangskonstellation, die das Schicksal zweier Paare miteinander verknüpft: dass sich der junge Arzt Nils, Mann Maries, von deren Auto Joachim erfasst wird, um Cecilie, die geschockte Freundin des nun gelähmten Joachims, kümmert und sich ausgerechnet in sie verliebt, bietet viele Möglichkeiten.

Susanne Bier nutzt sie sicher nicht zur billigen Dramaturgie. Es geht, als Nils im Grunde aus Fürsorge Cecilie verfällt und diese sich in Nils anscheinend aus Verzweifelung verliebt, nie um eine moralisierende Perspektive, nie um eine Identifikation des Zuschauers mit dem eventuell Unschuldigen. Denn ins Unglück gestürzt scheinen alle Beteiligten. Joachim, der am härtesten Getroffene, kann für Cecilie aus bitterer Verzweifelung nur Zynismus und Fatalismus erübrigen. Aber selbst Stine, die Tochter Maries, ist traumatisiert und von Schuldgefühlen geplagt. Nach und nach lässt die subtile Regie Biers das Seelenleben der Einzelnen erahnen – durch glaubwürdige Dialoge und starkes Mimenspiel.

Gut auch, dass jener Erwartungshaltung nicht entsprochen wird, der man nach den ersten Minuten aufsitzen könnte: dass nach der sekundenschnellen Zerschmetterung des Glücks „Open Hearts“ gradlinig von der Wiedererweckung des Lebenswillens Joachims erzählt würde. Wo das nur in Rührseligkeit geendet hätte, kann „Open Hearts“ vielmehr dadurch, dass sich alle Seelen, die verwundet sind oder unwillentlich verwundet werden, dem Zuschauer öffnen, enorm berühren. Damit erzählt dieser kleine, aber bewegende Film von Situationen, auf die es viele Antworten, doch nie die passende gibt, vom Wert des fragilen Glücks – und zuletzt von der Hoffnung. „Open Hearts“ ist der diesjährige dänische Oscarbeitrag. Mit Recht.

Kraftvoll naturalistisches Drama über die Macht von Zufall und Liebe


Flemming Schock