K-19: Showdown in der Tiefe
(K-19: The Widowmaker)

USA 2002, 138min
R:Kathryn Bigelow
B:Louis Nowra, Christopher Kyle
D:Harrison Ford,
Liam Nesson,
Peter Stebbings,
Peter Sarsgaard
L:IMDb
„Ein Stückchen Vaterland, sagte er”
Inhalt
Es beginnt als Testfahrt und endet als Todeskommando. Als die K-19, das erste mit Nuklearraketen bestückte sowjetische Atom-U-Boot, 1961 in See sticht, ist sie der Stolz der Marine. Doch hinter dem technischen Traum verbergen sich gravierende Material- und Konstruktionsmängel. Von Beginn an liegt ein Fluch über dem Boot. Der neue Kapitän Vostrikov (Harrison Ford) und sein entmachteter Vorgänger Polenin (Liam Neeson, der als Erster Offizier an Bord geblieben ist, geraten mehrfach aneinander. Denn Vostrikov fährt einen knallharten Kurs und treibt Crew und Boot an die Grenzen der Belastbarkeit. Die Folgen sind katastrophal. Ein Leck im Kühlsystem des Reaktors macht die K-19 zur Zeitbombe. Gelingt nicht innerhalb von Stunden eine Reparatur, droht eine nukleare Katastrophe. Die einzige Rettungsmöglichkeit führt direkt in die radioaktive Hölle.
Kurzkommentar
Ein Kriegsfilm, von einer Frau gedreht. Das ist auch das Bemerkenswerteste, denn im Übrigen wirkt Kathryn Bigelows ("Strange Days") aufwendig polierte Tauchfahrt wie charakteristisch grobes Männerhandwerk. Dank großem Starduell und solider Spannungskurve bleibt "K-19" gleichwohl sehenswert. Gegen Ende nimmt die Lancierung von Heldentum und fragwürdigen Soldantentugenden jedoch derbe Züge an.
Kritik
U-Boot-Filme bilden ein eigenes Sujet. Heldentum und Nervenkrach in der Sardinenbüchse werden, obwohl sie vom dramaturgisch-dramatischen Faktor her äußerst reizend sind, nur selten Thema in Hollywood. Das hat einen einfachen Grund, und der kam 1981 mit Petersens "Boot" aus Deutschland. Von Pathos und dicker Heldenschminke war in dem Antikriegs-Monument nichts zu spüren und so wurde "Das Boot" zum definitiven, endgültigen U-Boot-Streifen. Filmisch gesagt konnte und kann im Grunde danach nicht mehr viel, war die Messlatte doch zu hoch gesetzt. Andere Genre-Vertreter arbeiteten sich am Vorbild dann überwiegend erfolglos ab und gerade die Beiträge aus Hollywood mutieren fast selbstläufig zum flachen Patriotentorpedo, so zuletzt "U-571".

Immer sind es dann Männerfilme, für Männer, von Männern. Bis jetzt. Das einzige, was in der Ankündigung von "K-19" aufhorchen ließ, waren zwei Tatsachen: zum einen, dass die schon etwas morsche Haudegen-Ikone Harrison Ford unter Deck das Sagen hat und zum anderen, dass mit Kathryn Bigelow ausgerechnet eine Frau Regie führt. Und diese blickt schon auf ein interessantes filmisches Schaffen zurück. Bigelow bewies mit Streifen wie "Blue Steel" und dem unterschätzten Noir-Werk "Strange Days" Variationsfähigkeit und nicht nur stilistischen Einfallsreichtum. Zuletzt legte sie dann mit "Das Gewicht des Wassers" eine Literaturadaption vor. Diese hat es ins hiesige Kino allerdings noch nicht geschafft, wonach "Strange Days" von 1995 der letzte Bigelow-Film in deutschen Kinos blieb.

Will sich eine Frau nun in dieser harten Männer-Domäne beweisen, birgt das Potential als auch Risiken. Harrison Ford hingegen dürfte nach seinen wenig geglückten Rollenwahlen der Vergangenheit ("Schatten der Wahrheit", "Begegnungen des Schicksals") ganz in seinem Element sein, dem großen Abenteuer eben. Und natürlich soll und muss sich alles so zugetragen haben, wie der erwartungsgemäße "nach einer wahren Begebenheit"-Satz uns zu Beginn zu verstehen gibt. Das ist ganz nach Programm, wie auch der Rest. Selbst wenn der Stoff, erst einmal durch die Drehbuchmühle gewürgt, eigentlich nichts anderes hergibt – Kathryn Bigelow hätte sich weniger der Genre-Grammatik beugen müssen. Sie tut sogar noch Ärgeres, indem zunehmend kräftig ins Heldenhorn geblasen und kruder soldatischer Autoritätshörigkeit das Wort geredet wird.

So verwässert "K-19" alsbald zur Konventionsware, aber immerhin zu einer überwiegend tadellos funktionierenden. Unter Wasser kämpft man den geistigen Krieg am besten gegen den Feind im eigenen Boot. Und wer nun keine psychologische Tiefenauslotung, sondern einen handfesten Thriller mit zuerst klaren, identifikationsfördernden Fronten erwartet, wird nicht enttäuscht. Hat er in "Schatten der Wahrheit" endlich einmal das Böse gemimt, so gibt Ford hier wenigstens den scheinbar ambivalenten, von Ehrgeiz zerfressenden Kapitän. Den Gegenpol des kameradschaftlichen und menschlichen "Alten" fällt dann dem fähigen Liam Neeson zu. Keine Frage, das grobe Tauchduell der beiden Stars soll Zuschauer locken, in die Tiefe geht es dabei kaum. Aber auch wenn Ford ein wieder einmal ein wenig steif wirkt und beide Rollen auf Kosten typischer Eskalationsmomente absolut undifferenziert sind, kann "K-19" letztlich doch spannend unterhalten.

Das beruht nur in zweiter Linie auf der tadellosen technischen Durchführung. Interessant ist vielmehr, dass es diesmal nicht um die Torpedierung des unsichtbaren Anderen geht, sondern um Loyalität und Autorität. Ford und Neeson lassen in der Enge ihrer Rollen gekonnt den knallharten, jede menschliche Regung erstickenden Soldaten und den glühenden, aber väterlich bedächtigen Patrioten aneinander geraten. Dramatisch wird das halbwegs gekonnt vom kollektiven Kampf gegen das Reaktorleck abgelöst und zugespitzt. So mag das Szenario mitsamt den Motiven und ideologischen Beigaben platt wirken, es ist aber wirksam, weil nicht abgenutzt. Der Spannungsbogen ist also ordentlich, völlig überspannt dagegen das heroische Getöse, das gegen Ende fast bizarre Formen annimmt. Sobald die ersten Matrosen den selbstlosen Opfergang zum Reaktorleck antreten, wird an Bord schon mit der Musik am sakralen Heldentum gebastelt, dann auch symbolisch.

Das wird so dick aufgetragen, dass in der Folge selbst die Logik sämtlicher Moral Kopf steht und widersprechende Positionen sich plötzlich entsprechen. Dass [Spoiler] Polenin nach einer moralisch legitimen, fast notwendigen Meuterei nicht das Kommando akzeptiert und dies später damit "erklärt", er habe nicht seine Würde verloren und so gehandelt, weil anderes falsch gewesen wäre, ist angesichts der vorigen Darstellung seines Kontrahenten in jedem Fall absolut grotesk. Gleiches gilt für den plötzlichen Sinneswandel von Vostrikov, für den nach Polenins überraschender Loyalitätsbekundung nicht mehr die tödliche Pflicht für Mütterchen Russland, sondern das Wohl seiner Mannschaft über allem steht [Spoiler Ende]. Kommentarlos zitiert wird von Bigelow damit mehr als ein fragwürdiges, eisernes Pflichtbewusstsein und mechanische soldatische Loyalität.

Ihr wird trotzdem von einer für wahre Helden blinden Admiralität der Prozess gemacht, die den Vorfall nach einer peinlich theatralischen Verteidigung Polenin für dessen ehemaligen Widersacher unter den Tisch kehrt. Schenken wir Bigelow Glauben, muss so der Kalte Krieg aus russischer Perspektive ausgesehen haben. Das wirkt aber ebenso lachhaft wie das stumm und mit Wodka salutierende Ende auf dem Soldatenfriedhof. Was in einem nervend dröhnenden Heldenlied endet, war über weite Strecken ein schematisches, aber spannendes U-Boot-Drama. Also immerhin, diesmal nicht gänzlich abgesoffen. Kathryn Bigelows "Showdown" ist als Blockbuster und Actionthriller ohne jede Nuance, doch sehenswert. Und sei es auch nur für Männer.

Fesselnder, gut gespielter Actionthriller mit schmerzender Tugendlehre


Flemming Schock