Dem Himmel so fern
(Far from Heaven)

USA, 107min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Todd Haynes
B:Todd Haynes
D:Julianne Moore,
Dennis Quaid,
Dennis Haysbert,
Patricia Clarkson
L:IMDb
„It made me feel alive somewhere”
Inhalt
Amerika, Connecticut, 1957: Cathy (Julianne Moore) und Frank (Dennis Quaid) sind "die Whitakers", eine perfekte vorstädtische Einheit mit einem schönen Haus, einem gepflegten Garten, entzückenden Kindern und "schwarzen" Dienstboten. Doch der Schein trügt. Frank muss wegen der Gefahr öffentlicher Ächtung seine Homosexualität insgeheim ausleben. Als sich dies Cathy offenbart, hält sie trotzdem zu ihrem Mann, findet in ihrem eigenen Alleinsein jedoch nur Unterstützung bei ihrem "schwarzen" Gärtner (Dennis Haysbert). Kontakt zwischen "Weißen" und "Schwarzen" bedeutet jedoch auch die soziale Ausgrenzung. Ein auswegloser Kreislauf spitzt sich zu.
Kurzkommentar
Vier Jahre nach seinem letzten Film Todd Haynes demontiert Todd Haynes den „amerikanischen Traum“. Der ist als Angriffsfläche nicht neu, aber Haynes Zugriff, zu dem er im doppelten Coup auch selbst das Drehbuch verfasste, ist intelligent wie berührend. Mit dem gesellschaftsfähigen Rassismus, der sozialen Ausgrenzung des „Anderen“ und Geschlechterkonstruktion im Spießbürger-Amerika der 50er Jahre verknüpft er dramaturgisch wirksam moderne Sozialneurosen. Mit „Dem Himmel so fern“ sieht man deren Konsequenzen in einem poetischen Drama, das auch von seinen brillanten Darstellern und der erzählend-schönen Form lebt.
Kritik
Amerika, das ist noch immer der Mythos der Freiheit. Bis er aber die Freiheit aller meinte, lebte die vermeintlich so freie „Neue Welt“ von der Ausgrenzung des Anderen. Betroffen ist wieder der „amerikanische Traum“. Nichts zeigt seine Haltlosigkeit besser als ein Blick in die 50er Jahre. Was von denen heute hier angekommen ist, ist natürlich wieder nur das vermittelte Bild eines Klischees, kaum unmittelbar. Doch trotz oder mit des Spaßes an der Überzeichnung scheint eines klar: das Selbstverständnis dieser Gesellschaft war eines der Selbstverlogenheit und Tabuisierung. Soziologen dürfen sich nun darüber entsetzen, dass wir im Urteil über jene transportierten Bilder ebenso reduzierend denken, wie uns die damalige „Wirklichkeit“ erscheint – als hohle Scheinidylle, konstruiert durch „rassistische“ Macht.

Der Utopie amerikanischer Spießbürgerlichkeit die Hosen runterzulassen hat bekanntermaßen zuletzt „American Beauty“ mit Genuss betrieben. Das war Satire insofern, als den Neurosen des Konstrukts „Gesellschaft“ der Spiegel vorgehalten wurde, indem Werte des Miteinanders überzeichnet lächerlich gemacht wurden. Das ist für Betroffene gut zu verkraften, weil Lachen ja so harmlos sein kann. Aus gesellschaftlichen Abgründen aber ein erschütterndes Drama zu machen, kann extrem ans Selbstverständnis rühren. Die amerikanische Vergangenheit ist noch gegenwärtig. Regisseur Todd Haynes, bekannt nur durch „Velvet Goldmine“ (1998), hat es gewagt und doppelt gewonnen: weil ihm mit „Dem Himmel so fern“ ein himmlisches Stück Kino gelingt und er dazu auch das originelle Drehbuch selbst verfasst hat.

Bevor der Inhalt zum Tragen kommt, erzeugt die Form - also Bild, Ton und Aufwand des Settings – die handwerklich beeindruckende Sterilität einer „typischen“ Spießbürgerlandschaft. Hier wird das Negativklischee auch dank der eleganten Kameraarbeit Edward Lachmans ziemlich plastisch eingesetzt. Dem Zuschauer wird klar, dass den Bildern hier eine betont erzählende Rolle zukommt, weil die fast blendende Farbigkeit der Puppenhausatmosphäre die Sehnsucht zur „Natürlichkeit“ im gleich mehrfachen Sinne weckt: weil die pflanzlich verstandene Natur eben das Kontrastprogramm zur gekünstelten „Kultur“ der Spießbürgerhölle ist. Und was für ein Zufall, dass sich der menschliche Rest der Natürlichkeit ausgerechnet im Gärtner des selbstlosen Sozialopfers Cathy Whitaker findet.

Dass der Gärtner „schwarz“ und Cathys Mann homosexuell ist, das ist nun das Problem und Todd Haynes simple wie tragfähige Idee. Denn will man zwei Neurosen oder Konflikte nennen, die im Hintergrund des mühsam errichteten Scheins einer heilen bürgerlichen Welt schwelten, dann sind Homosexualität – die Neurose des konstruierten Geschlechts – und der Rassismus sicher zwei zentrale Themen, deren Konsequenz für die Betroffenen die gleich fatalen waren: das gesellschaftliche Todesurteil. Ist das „Outcoming“ heute salonfähig und die Gleichstellung aller Hautfarben vielleicht in Zukunft erreicht, so war doch beides im Amerika der 50ern das ultimative Tabu. Kontakt zwischen Angehörigen der privilegierten Schicht der „Weißen“ und den „Schwarzen“ verbot sozusagen schon die „biologische Vernunft“.

Auf gleichdelikater Ebene war die körperliche Liebe zu Gleichgeschlechtlichen. Das war nichts weniger als pathologisch und kriminell, am besten gleich mit Elektroschocks zu therapieren. Den doppelten Tabubruch nun ausgerechnet von einem Paar begehen zu lassen, das eigentlich Grund genug gehabt hätte, in seiner (Schein)Idylle glücklich zu sein, verschachtelt die Konfliktebenen geschickt und legt Tragweite und Ausweglosigkeit mitreißend offen. Das gelingt auch deswegen, weil Haynes die sicher undifferenzierte Abbildung dieser Themen zu einem Darstellerfilm nutzt, in dem außer dem Ehepaar alles angemessen Kulisse bleibt. Der größte Glücksgriff war wohl die Entscheidung für die dezente Julianne Moore. Schlichtweg begnadet gibt sie die Rolle der sich sensibel aufopfernden Hausheldin.

Hinter ihrem affektierten Lächeln, hinter der dümmlich-förmlichen Oberfläche von Konvention und diktiertem Verhaltenskanon, auf dem sie sich sicher bewegt, ahnt man Abgründe und den verdrängten Wunsch nach dem wirklichen Ich. Dem Himmel ist sie, wie alle auf dieser pervertierten Bühne, gar nicht so nah wie die „bürgerliche Ideologie“ es dachte. Haynes Regie versteht es, in der sich zuspitzenden Dramatik der Ereignisse Kopf und Gefühl des Zuschauers gleichermaßen zu bedienen. Und Dennis Quaid als Ehemann an Moores Seite zu stellen, macht sich auch glänzend. Die Figur des beruflich erfolgreichen, emotional und sexuell jedoch frustrierten Ehemanns transportiert er absolut glaubwürdig. Zusammen mit Moore gibt er große Szenen. Sie bedürfen, um die Psychen der Figuren offen zu legen, nicht vieler Worte.

Neben Moore und Quaid zeichnet sich auch Dennis Haysbert in der Rolle des Diskriminierten aus, der die Unmöglichkeit der Gleichheit stoisch trägt und trotzdem wie die wandelnde Hoffnung aussieht. Jenseits der leicht plakativen, aber stets berührenden Behandlung seiner Zentralthemen lebt „Dem Himmel so fern“, wie angedeutet, vom großartigen Einfall und seiner polierten Form, die neben dem inhaltlichen auch einen rein ästhetischen Wert hat und zusammen mit der Musikuntermalung von Elmer Bernstein hohen Sinngenuss verspricht. Damit klingt die Erschütterung so traurig wie schön. Auch schon der Titel hat ja poetischen Anspruch. „Dem Himmel so fern“ gehörte zu den Gewinnern der Filmfestspiele von Venedig. Mit Grund. Diese kritisch berührende Parabel sollte man nicht verpassen.

Kunstvolles, kühl komponiertes Sozialdrama über unterdrückte Gefühle


Flemming Schock