Femme Fatale

USA / Frankreich / Deutschland, 110min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Brian De Palma
B:Brian De Palma
D:Rebecca Romijn Stamos,
Antonio Banderas,
Peter Coyote,
Eriq Ebouaney,
Edouard Montoute
L:IMDb
„You don't have to lick my ass. Just fuck me.”
Inhalt
Nach einem missglückten Diamantenraub auf den Filmfestspielen von Cannes, gelingt der Diebin Laura (Rebecca Romijn-Stamos) samt Schmuck die Flucht in die USA. Dort wird sie von einer Familie aufgenommen, die sie für ihre Tochter hält. Erst nach vielen Jahren kehrt Laura als Ehefrau des amerikanischen Botschafters nach Frankreich zurück, wo sie von ihrer Vergangenheit eingeholt wird.
Kurzkommentar
Dass "Femme Fatale" nicht nur eine übergroße Hommage an das Genre des Film-Noir, sondern auch eine überbordene Sammlung von Filmzitaten an eigene und fremde Thriller ist, macht der Titel zu Brian De Palmas neuester Arbeit auf wenig subtile Weise deutlich. Auch sonst wird Fingerspitzengefühl nicht unbedingt groß geschrieben in "Femme Fatale", auch wenn uns Kameraarbeit, Schnitt und Musik Gegenteiliges weismachen wollen. Klar dürften jedenfalls zwei Merkmale sein: zum einen, dass "Femme Fatale" für viele eine Mogelpackung sein dürfte, zum anderen, dass es ein echter "De Palma" ist.
Kritik
Kaum eine Filmographie gleicht einer solchen künstlerischen Achterbahnfahrt wie die Brian De Palmas. Immer um ambitionierte, clevere Thriller bemüht, trifft De Palma beinahe ebenso oft ins Schwarze wie er auch mal kräftig daneben langt. Einerseits machte er 1976 mit "Carrie" den Teenie-Horrorfilm (und vor allem Autor Stephen King) salonfähig, konnte mit "Dressed to Kill", "Scarface" und "Die Unbestechlichen" sowohl Kritiker als auch Zuschauer gleichermaßen überzeugen und gewann mit "Mission: Impossible" auch dem reinen Action-Sujet ungewöhnliche Thriller-Elemente ab. Andererseits zeigt er sich mit "Fegefeuer der Eitelkeiten", "Spiel auf Zeit" und zuletzt "Mission to Mars" auch für ein paar derbe Schnitzer verantwortlich.

Dennoch wird De Palma häufig unrecht getan. Als großer Anhänger Hitchcocks wird ihm seine Liebe zum Spannungskino oft zum Verhängnis, fällt es doch allzu leicht seine Arbeiten als reine Plagiate abzutun. So gilt "Obsession" als ein verstecktes Remake von "Vertigo", "Dressed to Kill" als mehr als eine Hommage an "Psycho". Seine Unzufriedenheit mit dem amerikanischen Kinomarkt veranlassten ihn jedenfalls dazu, nach Frankreich umzusiedeln. Hier entstand nun auch sein neuester Thriller "Femme Fatale", dessen Dialoge zur Hälfte französischer, zur Hälfte englischer Sprache sind. Und schon der Titel macht deutlich: auch hier will De Palma kein inhaltliches Neuland betreten. Stattdessen bietet er uns das typische Konglomerat aus Filmzitaten, visuellen Mätzchen, mehrschichtigem Inhalt und schwer-erotischem Touch. In diesem Sinne ist "Femme Fatale" ein klassicher De Palma.

Doch starten wir von vorne, denn was man "Femme Fatale" nicht absprechen kann, ist seine formale Konzentration. Sei es die Einbruchssequenz zu Beginn, die auf wunderbare (und durchaus nicht unironische) Weise mit Ryuichi Sakamotos Interpretation von Maurice Ravels "Boléro" unterlegt ist, der beliebte, über reine Spielerei hinausgehende Einsatz des Splitscreens, die verstärkte Anwendung von Zeitlupenaufnahmen oder auch manch harter Schnitt, wenn De Palma diverse Sequenzen bewusst und ohne zeitliche oder räumliche Orientierung aufeinander prallen lässt. Allein auf dieser Ebene macht "Femme Fatale" schon eine Menge Spaß, weil es reines, wie US-Kritiker Roger Ebert es so schön formuliert hat, "elegant, slippery filmmaking" ist.

Aber ohne einen die formalen Spirenzchen begründenden Inhalt verkommt ein Film schnell zur Seifenblase und genau hier wird es bei "Femme Fatale" äußerst heikel. Dank zahlreicher Beispiele in der Filmgeschichte wissen wir, dass die Grenze zwischen Meisterwerk und Trash oftmals nur einen Spalt breit sein kann, wenn die handwerklichen Qualitäten eines Films derart professionell sind. So kann man argumentieren, dass wenn sich Terry Gilliam am Ende von "12 Monkeys" eine exzessive Zeitenlupenaufnahme gönnt, auf meisterliche Weise die Auflösung des Films ausgekostet und konzentriert wird. Wendet jedoch Michael Bay in "Pearl Harbor" die Zeitlupe an, wirkt es überladen, pathetisch, ganz einfach: in großem Kontrast zum Inhalt. So war es in De Palmas Karriere oftmals auch nur ein Katzensprung vom potenziellen Meisterwerk ("Scarface") zum potenziellen B-Movie ("Spiel auf Zeit"). Alles steht und fällt mit der inhaltlichen Ebenbürtigkeit.

Dieser vermeintlich triviale Sachverhalt ist nun auch der Grund für die gespaltenen US-Kritiken und dementsprechenden Zuschauerreaktionen von "Femme Fatale", denn was uns Brian De Palma in einem seiner wenigen, eigenmächtig verfassten Skript auftischt, lädt zu munteren Kontroversen ein. Jeder mag die Ausgangssituation des Films akzeptieren, mag die bewusst etwas verzwickt gesetzte, überspitzt formuliert, David Lynch-artige, aber durchaus reizvolle Szenenfolge tolerieren. Vielleicht duldet sogar die Masse der Zuschauer manche Konstruiertheit wie etwa die Tatsache, dass unsere Protagonistin "zufälligerweise" der selbstmordgefährdeten Tochter eines älteren Ehepaares ähnelt. Aber spätestens bei der "großen Auflösung" der Story werden sich zwei Lager bilden. Die einen werden sich mächtig hinters Licht geführt fühlen, die anderen den leichten Rätselcharakter des Films so sehr mögen, dass ihnen das völlig wurscht ist. Tatsache ist jedenfalls, dass De Palma mit seiner Wendung in jedem Drehbuchseminar durchgeflogen wäre, auch wenn ich persönlich dank der Wendung, die auf die Wendung, die auf die Wendung folgt, zufrieden den Saal verlassen konnte.

Trotz des fragwürdigen Drehbuchs geht man aber zu weit, wenn man "Femme Fatale" auf seine vermeintliche Leere und überbordene Äußerlichkeit reduziert. Dem aufmerksamen Zuschauer wird schlicht soviel geboten, dass der Film über seine grundlegende Funktion als Thriller hinaus einfach viel Spaß macht. Seien es die zahlreichen, visuellen Hinweise, die De Palma schon vor der "großen" Story-Überraschung überall verstreut hat (ein TV-Beitrag, ein Plakat, ein Aquarium), die Verflechtung diverser Handlungsstränge und Charaktere oder auch einfach nur Antonio Banderas urkomischer, wenn auch leicht diskriminierender Homosexuellen-Auftritt. Derartige Hinweise und Spielereien hat man beim großen Vorbild Hitchcock, aber auch bei jüngeren Regisseuren wie Christopher Nolan ("Memento", "Insomnia") freilich schon subtiler gesehen. Trotzdem ist der gewisse Unterhaltungsfaktor "Femme Fatale" schwer abzusprechen.

Ob man "Femme Fatale" nun für ein kleines Meisterwerk oder den untalentiertesten Thriller-Trash der letzten paar Jahre hält, ob man das Drehbuch nun sauclever oder strunzdumm findet und ob man Rebecca Romijn-Stamos als beachtliches Talent oder als typische Mannequin-Darstellerin einordnet. Eines dürfte klar sein: "Femme Fatale" ist ein echter De Palma-Thriller, mit all seinen typischen Stärken und Schwächen.

Eleganter, nicht immer treffsicherer, erotischer Thriller


Thomas Schlömer