About Schmidt

USA, 125min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Alexander Payne
B:Louis Begley,Alexander Payne, Jim Taylor
D:Jack Nicholson,
Hope Davis,
Dermot Mulroney,
Kathy Bates
L:IMDb
„ Dear Ndugu... ”
Inhalt
Warren Schmidt (Jack Nicholson) ist frischgebackener Pensionär. Doch schon bald stellt sich heraus, dass mit sich nichts so recht anzufangen weiss. Deshalb beschließt er, seine Tochter (Hope Davis) von ihrer anstehenden Heirat abzuhalten - und während des Versuchs, das Leben seiner Tochter zu retten, wird ihm langsam bewusst, wie sehr er sein eigenes vergeudet hat.
Kurzkommentar
Zurecht wird »About Schmidt« momentan als einer der heißesten Kandidaten auf den Oscar gehandelt. Jack Nicholsons Darstellerleistung ist schlicht die beste des letzten Jahres, und das Drehbuch findet genau die richtige Mischung aus Melancholie und Tristess, Verzweiflung und Hoffnung, Zynismus und Hoffnung.
Kritik
Jack Nicholson konnte ich eigentlich nie leiden. Vielleicht lag es an einer Überidentifizierung mit seinen Rollen - sonderlich viele charmante, liebenswerte Charaktere waren ja nicht dabei. Und trotz drei bereits gewonnener Oscars und mehr als doppelt so vielen Nominierungen hat mich auch nie Begeisterung über seine darstellerischen Fähigkeiten gepackt. »About Schmidt« jedoch überzeugt jeden Kritiker: Nicholsons Darstellung eines alten, verbitterten Pensionärs auf der Suche nach seinem Leben ist schlicht grandios - wäre die Konkurrenz dieses Jahr nicht vergleichsweise stark, so könnte es nicht den geringsten Zweifel an einem Oscar geben.

Und eigentlich hätten auch die Drehbuchschreiber eine Nominierung für die beste Adaption bekommen sollen - denn neben Nicholson ist es das Drehbuch, das diesen Film so sehenswert macht. In Amerika wird »About Schmidt« als Komödie beworben, was entweder eine seltsamer Irrtum oder eine noch seltsamere Verleihstrategie ist. Wer eine Komödie a la »Besser geht's nicht« erwartet, wird zumindest in dieser Erwartung enttäuscht. Dabei hat »About Schmidt« seine komischen Momente, doch sind diese niemals simpel oder platt, geschweige denn vorhersehbar. Wenn Schmidt seine Briefe an den afrikanischen Jungen Ndugu vorliest, so sorgt der Kontrast für reichlich Komik; zugleich aber verdeutlicht er Schmidts seltsame Lage: Materiell übersättigt, vom »Pursuit of Happieness« verfolgt, aber doch ohne nennenswerte soziale Kontakte, vor den Trümmern seines Lebens. In der halb fiktiven, halb realen Figur des Ndugu spiegelt sich Schmidts Sehnsucht, die fehlende Hälfte seines Selbst. Ein weiteres Beispiel: Schmidts verzweifelte Versuche, es sich in einem Wasserbett bequem zu machen dienen oberflächlich der Auflockerung; doch auch hier sind mindestens zwei weitere Bedeutungsebenen verwoben, so etwa Schmidts »Kampf mit Moderne«, oder eine mehr als eindeutige Charakterisierung seines ungeliebten Schwiegersohnes in spe. Die Geschichte seines Lebens, die Schmidt in mehr oder weniger leichter Tagebuchmanier erzählt birgt ihre hermeneutischen Gemeinheiten, denn jede Szene ist mehrdeutig, zwielichtig, hintersinnig.

Beinahe jede amerikanische Kritik betont, dass Warren Schmidt ein »Midwesterner« ist, ein Provinzling, ein einfacher Mann, um dem Klischee zu folgen: eine Mischung aus Ostfriese und Bayer. Dieser Verweis erfolgt derart reflexhaft, dass man darin schon eine mehr oder weniger unterschwellige Abwehr sehen muss: »Naja, in Omaha sind die Menschen halt so, uns kann das nicht passieren.« Die Bayern eben. Doch »About Schmidt« erzählt keine Geschichte, die sich nur auf eine verschrobene Minderheit beziehen lässt. Ein Mann, der nach seiner Pensionierung nichts mit sich anzufangen weiss, dessen Ehe mehr Zweckbündnis als Liebesglück ist, dessen Kinder Wege gehen, die ihm so gar nicht behagen - das ist eine mehr als alltägliche Geschichte. Jeder Zuschauer realisiert wohl insgeheim, dass hier, wenn auch verdeckt, die potentielle Geschichte des eigenen Lebens erzählt wird. Schmidt entscheidet sich schließlich für eine von zwei Möglichkeiten: Er versucht, aus seinem verbliebenen Leben noch das Beste zu machen. Auf der Suche nach mehr Bedeutung, nach etwas Bleibenden, übernimmt er die Patenschaft für ein afrikanisches Kind, fortan ein Anker in seinem Leben. Und er versucht, seine bisher von ihm vernachlässigte Tochter vom Fehler ihres Lebens abzuhalten, nämlich den falschen Mann zu heiraten. Und so begibt er sich auf eine Odyssee, die zugleich quer durch Amerika als auch durch sein Leben führt.

In »About Schmidt« wechseln sich Momente der Verzweiflung mit denen der Hoffnung ab, doch stets verfolgt der Film konsequent seine Linie. Im Gegensatz zu vielen anderen Drehbüchern wird hier nicht die Glaubwürdigkeit der Charaktere einer überraschenden Storywendung zum Selbstzweck oder einem billigen Gag geopfert. Mit am faszinierendsten an »About Schmidt« ist, wie die emotionale Odysse Spiegelbild der geographischen wird - niemals sprunghaft oder unglaubwürdig, jederzeit nachvollziehbar und in dramaturgischen Grenzen alltäglich. Und dabei gelingt es sogar, einige Spannung aufrecht zu erhalten: Wird Schmidts Tochter den Versager heiraten, was geschieht mit Ndugu, ist Schmidt am Ende seines Lebens glücklicher?

Wer glaubt, »About Schmidt« erzähle die Geschichte eines Midwesterners, eines alten Mannes oder der amerikanischen Gesellschaft, der liegt falsch: Vielmehr geht es um ein vergeudetes Leben, und den Versuch, eben diesem Leben kurz vor seinem Ende doch noch etwas Sinn zu geben. Nationalität oder Herkunft spielt dabei eine unbedeutende Rolle. Noch ein Grund, weshalb »About Schmidt« so sehenswert ist: Er ist persönlich, er erzählt die Geschichte eines jeden Zuschauers, und sei es nur ein kleines Stückchen davon.

Brilliant gespieltes, bittersüßes Drama


Wolfgang Huang