Adaption
(Adaptation)

USA, 114min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Spike Jonze
B:Susan Orlean,Charlie Kaufman
D:Nicholas Cage,
Meryl Streep,
Chris Cooper,
Tilda Swinton
L:IMDb
„Are you out of your fucking mind?”
Inhalt
Trotz seines Erfolgs mit der Verfilmung seines Drehbuchs zu "Being John Malkovich" wird Charlie Kaufman (Nicholas Cage) von beklemmenden Selbstzweifeln geplagt. Als er den Auftrag annimt, den Bestseller "The Orchid Thief" zu adaptieren, ist er völlig überfordert und versinkt in der esoterischen Tiefe des Buches, das oberflächlich wenig für einen Film hergibt. Zu allem Überfluss hat sich Charlie auch noch mit seinem ihm nacheifernden Zwillingsbruder Donald (ebenfalls Nicholas Cage) herumzuschlagen, der erfolgreicher Drehbuchautor nach gelerntem Muster werden möchte. In seiner kreativen Verzweifelung entschließt sich Charlie schließlich, sein eigenes Dilemma in das Drehbuch als Erzählstrang einzupflechten. Damit setzt er jedoch eine unbeabsichtigte Kettenreaktion in Gang, die auch das Leben der Autorin der Buchvorlage, Susan Orlean, (Meryl Streep) radikal verändern wird.
Kurzkommentar
Es gibt nur wenige Garanten, die aus einem Film einen Konventionen sprengenden Trip machen. Einer ist sicher das Duo von Drehbuchautor Charlie Kaufman und Regisseur Spike Jonze. „Adaptation“ ist die konsequente Fortführung von "Being John Malkovich", eine satirische Groteske, die der sonst im Schatten vegetierenden Zunft der Drehbuchautoren gewidmet ist. Charlie Kaufman packt die eigene leidvolle Erfahrung mit der Umsetzung eines unmöglichen Stoffes in einen bizarren Film, in dessen Stoff sich der Drehbuchautor selbst hineinerfindet. Realität und Fiktion kollidieren aufs Schrägste. Regisseur Spike Jonze bereitet die unabgeschlossene Absurdität kongenial auf und Nicholas Cage gibt eine überraschende Galavorstellung.
Kritik
An dieser Stelle müsste vom Regisseur die Rede sein, davon, welche Stoffe er bisher wie auf die Leinwand brachte. Schließlich will man ja wissen, wer da die Puppen tanzen lässt. Das würde einleitend Sinn machen, arbeitet gleichzeitig aber wieder am Mythos und Umstand, dass ein Film allein auf den Schultern von Drehbuchinterpret (Regisseur) und Schauspielern entstünde. Auf sie allein kommt schließlich der glamouröse Schein. Filme bauen Träume, die der Regisseur umsetzt, selten sind sie seine eigene Idee. Der Drehbuchautor, dessen Kind sie ist, hat sich aber an dieser Stelle ja bereits über etliche Hürden bis zum Ziel vorgekämpft. Star wird er nicht werden, er bleibt unsichtbar, überwiegend wenigstens. Und darum ist dieser Film ist eine Widmung an die Anonymität und das Leid der schreibenden Zunft im Filmgeschäft.

Drehen wir hier also die Konvention um und reden zuerst vom Drehbuchautor. Damit sind wir das, was Autor Charlie Kaufman auch ist, nämlich selbstbezüglich. Mit einem bösen Wort: wir schreiben eine Meta-Kritik. Da Kaufmans Schreiben aber, wenigstens in diesem Fall, offensichtlich eine autobiographische Seite hat, haben wir an dieser Stelle doch schon wieder den Regisseur zu erwähnen. Denn mit ihm zusammen, mit Spike Jonze, gelang Kaufman – oder eben Jonze mit Kaufman – vor zwei Jahren mit der schrägen Psychofarce „Being John Malkovich“ der Durchbruch. Jonze drehte vordem Videoclips, Kaufman erkämpfte sich unter anderem mit Scripten für Fernsehformate sein tägliches Brot. Hier sitzt auch schon der Kern der Crux, denn bevor sich ein Drehbuchautor überhaupt in die Oberliga des Kinofilms vorkämpfen kann, hat sich seiner Phantasie dem brutalen Diktat der Einschaltquoten zu beugen.

Hier nun ist der Drehbuchautor für den massenhaften Auswurf von schematisch geregelten Scripts verantwortlich. Das Schreiben ist weniger narzisstisches Ringen mit den Stückwerken der eigenen Phantasie, nein, das wäre ja der geistige Luxus der Oberliga, sondern vom Markt diktierte Auftragsarbeit. Sie ist schlecht bezahlt und jede Schreibblockade bringt umgehend Existenzunsicherheit mit sich. Deswegen der Traum von „kreativer Freiheit“ und Ruhm als Ideengeber in der Traumfabrik. Hier bleiben die meisten auf der Strecke, doch der 44-jährige Kaufman hatte es nach harter Arbeit, Durchhaltewillen und pausenlosem Hausieren mit „Being John Malkovich“ schließlich geschafft, die Ernte. Mit Jonze fand er einen Regieneuling, der nichts zu verlieren hatte und verrückt genug war, die Reise ins Absurde, in die Hirnwindungen des Stars Malkovich anzutreten. Schon hier überlappten sich Fiktion und Realität.

So zeigte Kaufman mit „Being John Malkovich“ vor allem eines: nur wer die Regeln kennt, kann souverän mit ihnen spielen, sie brechen. Die erwähnte Durchlässigkeit zwischen Vorstellung und Wirklichkeit wird in „Adaptation“, der wohl als Nachfolger zu „Being John Malkovich“ begriffen werden kann, konsequent weitergesponnen. Denn mit der „Adaptation“, dem haarigen Geschäft des Transfers einer Romanvorlage in ein Drehbuch, geht es im zweiten Film vom Duo Jonze/Kaufman um den wirklichen Kaufman, den Drehbuchautor selbst. Für Verwirrung ist damit gesorgt. Die lebensgeschichtliche Seite liegt darin, dass man Kaufman tatsächlich – ob vor oder nach „Being John Malkovich“ ist nicht bekannt – den Besteller „The Orchid Thief“ von Susan Orlean zur „Adaption“ anbot. Kaufman willigte ein, das nicht-fiktionale, kaum dramatische Buch umzusetzen – und scheiterte.

„Adaptation“ macht daraus einen Film, eine persönliche Widmung an das Leidensgeschäft der Drehbuchautoren, ein andauerndes Drama zwischen höchstem Glück und tiefstem Fall. Doch für „Adaptation“ nur das Klarheit schaffende „nach einer wahren Begebenheit“ zu bemühen, wäre Kaufman und Jonze zu billig gewesen. Die Zeichen stehen wieder vielmehr auf systematische Verwirrung. Der Film ist die halb fiktionale, halb wahre Begebenheit selbst, er ist, um wieder das böse Wort zu bemühen, ein Meta-Film, weil er 1. die Geschichte oder Essenz des zu adaptierenden Stoffes erzählt, weil er 2. die Leidensgeschichte des Drehbuchautors erzählt, der mit dem Stoff verzweifelt ringt und schließlich die Erlösung darin findet, sich selbst in den Stoff hineinzuschreiben und weil er letztlich, 3., sich selbst im Entstehen beobachtet, bespiegelt. Das gipfelt darin, das Ungleichzeitige gleichzeitig zu machen.

Dieser Gipfel der psychotisch-genialen Selbstreferentialität ist dann der, dass das Drehbuch über dem Drehbuch, das Meta-Drehbuch, in absoluter Paradoxie vorgibt, im gleichen Moment geschrieben wie verfilmt zu werden. Das widerspricht allen Gewohnheiten von Erzählung, Logik und des Verstehens, aber was wäre von Kaufman auch anders zu erwarten als Spiegelspielerei und Bruch der Konvention. Der reale Kaufman gibt sich also die Hauptrolle, verkörpert vom fiktiven Kaufman Nicholas Cage, und ist damit gleichzeitig fiktiver und realer Drehbuchautor. Das fertige Script, nach dem „Adaptation“ von Spike Jonze dann umgesetzt wurde, reflektiert damit auf herrlich absurde Weise über die Rolle und Position des Drehbuchautors im Entstehungsprozess von Drehbuch und Film. Kaufman und Jonze jonglieren virtuos mit Dogmen des Autorenhandwerks, mit Wendepunkten, Erzählebenen.

Ja, das ist alles erneut sehr seltsam und der hauptsächliche, nicht prinzipielle Unterschied zu „Being John Malkovich“ liegt wohl darin, dass die Reise diesmal nicht ins Hirn des Schauspielers, sondern in das des Drehbuchautors geht. Und sicher ist es auch das Verdienst Jonzes, die Verwirrung des Drehbuch-Drehbuchs (man verzeihe das Unwort) zu bändigen, die Schichten zu sortieren und dem Zuschauer Kaufmans Selbstexperiment und Selbstexposition dramaturgisch zugerichtet aufzutischen. Die programmatische Unterwanderung des begrifflichen Oppositionspaares Realität/Fiktion macht schon die furiose Einleitung deutlich. Nachdem die Leinwand in den ersten Momenten schwarz bleibt, damit der Zuschauer den ersten selbstanalytischen Kommentaren des fiktiven Kaufmans aus dem Off totales Gehör schenkt, beginnt „Adaptation“ tatsächlich am Set von „Being John Malkovich“.

Bildmaterial und Kameraführung sollen hier dokumentarischen Charakter kolportieren, namentlich haben wir es fast ausschließlich mit „realen“ Gestalten zu tun. Ob das jedoch „authentische“ Aufnahmen sind oder erst im Zuge des Drehs von „Adaptation“ nachgestellt wurden, bleibt bewusst unentschieden. Als letztes fällt die Kamera auf den unsicher im Sethintergrund kauernden Drehbuchautor Kaufman, hier als fiktive Gestalt, gespielt von Nicholas Cage. Mit ihm verlassen wir das Set und finden uns im Außenareal eines Studiogeländes wieder. Selten begann ein Ineinanderschieben von Fiktionen und Realitäten geistreicher, verrückter. Von diesem Zeitpunkt an fällt der Zuschauer ganz in die neurotische Zwangswelt von Kaufman, wird Zeuge vom Mythos der fast selbstzerstörerischen Praxis des „scripten“ und des Daseins zwischen kapitalem Selbstzweifel und pathetischem Ethos.

Will man die sich anschließende, immer bizarrer werdende Achterbahnfahrt überhaupt noch mit einer Kategorie versehen, dann dürfte „Adaptation“ am ehesten eine Satire mit kritischem Unterton sein. Satirisch behandelt werden vor allem die Technik des Voice-Overs oder der Stimme aus dem „Off“, seit jeher im Film zuständig für den inneren Monolog, und wohl des „realen“ Kaufmans Seitenhieb darauf, dass in der Brust des Drehbuchautors zwei Seelen zu wohnen haben: die des kommerziellen und die des künstlerischen Schreibers. Treffend findet sich das im Alter Ego des fiktiven Kaufmans wieder, in dessen Zwillingsbruder, ebenso verkörpert von Nicholas Cage. Mit dem Stichwort der multiplen Persönlichkeiten darf sich hier der Interpret des Films dann abarbeiten. Hermeneutik eben. Denn eines ist klar: „Adaptation“ ist, selbst wenn Kaufman und Jonze Wert auf Spaß legen, schwere Kinokost.

Sie wird auch zum Ereignis, weil sie mit Meryl Streep und Chris Cooper in den Nebenrollen und mit Nicholas Cage als gedoppelter Screenwriter bestechend besetzt ist. Die eigentliche große Überraschung ist allerdings nur Cage. Wer hätte nach seinen durchweg müden Auftritten der letzten Filme überhaupt noch geglaubt, dass jener Darsteller, Erzschlafmütze Hollywoods und doch Oscargewinner, in einer sagenhaften Verwandlungsvorstellung gegen sich und mit sich die anstrengende Dramaturgie fast mit Besessenheit transportiert. Da wird eigentlich Formales, die Schauspielleistung, plötzlich wenigstens genauso Aufsehen erregend wie das ständig komplexer werdende Gedankenspiel im Drehbuch. Cage zeigt mit Tendenz zum Bauch und lichtem Haarschopf Mut zum Anderen und wertet „Adaptation“ weiter auf. Der Höhepunkt des Absurden steht dann wenigstens doch ganz konventionell am Ende.

Damit halten sich Kaufman und Jonze allerdings allein an einen Grundgedanken aus dem Plotlehrbuch. Wie der Regisseur die verschiedenen Handlungs-, Zeit- und Bewusstseinsebenen verschachtelt und der fiktive Kaufman sich im wiederum selbstreferentiell verstandenen Konventionsshowdown nicht nur metaphorisch auf der Flucht vor der seine Gedanken beherrschenden Autorin der Buchvorlage wieder findet, ist wahnsinnig schräg und der letzte Moment der Beste. Hier, wo der Augenblick der Erzählzeit mit dem der Niederschrift des Manuskripts paradoxerweise synchron wird, schließt sich Kaufmans durchdachte Komposition auf die fantastischste Weise. Damit stellt „Adaptation“ erneut psychotisch-genial unter Beweis, dass Jonze und Kaufman zusammen wohl eines nie tun werden: Drehbuchschemata adaptieren.

Brillant anarchische Meta-Film-Satire mit dem besten Nicholas Cage


Flemming Schock