Fickende Fische

Deutschland, 103min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Almut Getto
B:Almut Getto
D:Tino Mewes,
Sophie Rogall,
Angelika Milster,
Annette Uhlen,
Hans Martin Stier
L:IMDb
„Es ist beschissen aufs Sterben warten zu müssen. - Und genauso beschissen aufs Leben warten zu müssen.”
Inhalt
Ein Fisch und Ninas Unfähigkeit, auf ihren Inline Skates zu bremsen, bringen Jan und Nina schlagartig zusammen. Jan ist 16, schüchtern und ein Einzelgänger. Seine Leidenschaft ist die Unterwasserwelt, in die er am liebsten eintauchen würde, um seine Krankheit zu vergessen und seine überfürsorgliche Mutter abzuschütteln. Jans einziger Vertrauter ist sein Großvater, ein skurriler Kauz, der die Abenteuerlichkeit des Lebens zu schätzen weiß und als einziges Familienmitglied seinen Humor nicht verloren hat. Nina ist anders: Sie ist frech, spontan und steht auf eigenen Beinen. Ihre Mutter hat sich ins ferne Kenia abgesetzt, auf ihren Vater und ihren Bruder kann Nina nicht zählen. Nur ihre Freundin Angel, eine Mittfünfzigerin, die sich mit dem Verkauf von Erotikspielzeug über Wasser hält, hört ihr zu. Doch Beide haben mehr gemeinsam, als es auf den ersten Blick scheint. Zusammen brechen sie aus ihrem Alltag aus und genießen ihr Leben in vollen Zügen. Sie suchen ihr Paradies und sie wissen: Es ist dunkel, ruhig, nass und voller Fische. Um die brennende Frage zu beantworten, ob Fische wirklich Sex haben, übernachten Nina und Jan heimlich im Aquarium – mit ungeahnten Konsequenzen. Ihr kleines Paradies ist bedroht – durch die beengende Welt der Erwachsenen, Missverständnisse, Unsicherheiten und durch eine nicht mehr zu verdrängende Realität: Jan ist mit dem HIV-Virus infiziert.
Kurzkommentar
"Fickende Fische" von Debüt-Regisseurin Almut Getto löst Benjamin Quabecks "Nichts bereuen" als letztes, treffendes Jugenddrama ab und bietet neben der gleichen Ehrlichkeit eine wohltuende Mischung aus Pubertäts- und HIV-Drama. Mit tollen Darstellern und gutem Drehbuch gelingt ihr eines jener deutschen Kleinode, die dem Massenpublikum entgehen.
Kritik
Von Regisseurin und Drehbuchautorin Almut Getto konnte man in der deutschen Kinolandschaft bislang nur schwer etwas zu Gesicht bekommen. Zum einen weil die studierte Journalistin erst sehr spät einen sogenannten Postgraduierten-Studiengang "Film" aufnahm, zum anderen weil ihr einzig erwähnenswerter Kurzfilm Spots & Stripes in England gedreht wurde und bislang nur auf diversen Festivals lief. Ihr erster Langfilm sollte schließlich ein Drama mit dem Titel "Sieben Tage Leben" werden, aber für die Geschichte um drei Frauen Mitte 30 reichte das Budget nicht. So entschloss sie sich ein kleines, aber umso feineres Drama auf die Beine zu stellen, das sich um die Frage drehen sollte: Wie gehen eigentlich Jugendliche mit dem Thema HIV um?

Angesichts des Ergebnisses kann man eigentlich nur dankbar sein, dass die Dinge so gelaufen sind wie sie gelaufen sind, denn aus "Fickende Fische" ist einer dieser deutschen Schmuckstücke geworden, die ähnlich den Jugenddramen "Absolute Giganten", "Vergiss Amerika" oder auch "Nichts bereuen" noch viel zu wenig Beachtung finden (überhaupt scheint das stark kritisierte deutsche Kino viel Gespür für Jugenddramen zu besitzen - eine Schande, dass hier die mediale Beachtung gleich Null ist). Almut Getto jedenfalls gelingt eine wunderbare Symbiose aus Pubertäts- und HIV-Drama, kann sich auf nahezu tadellose Darsteller verlassen und findet eine gute Gewichtung aus treffender Traumsymbolik und realistischer Darstellungsweise von Gefühlen, Entwicklungen, Beziehungen, Alltag.

Ebenso geschickt wie sie die Hinweise der Ansteckung Jans mit dem HIV-Virus in den Dialogen versteckt, gelingt ihr auf subtile Art und Weise sowohl Jans Eltern als auch Ninas Vergangenheit und Familienumgebung zu charakterisieren. Man mag hier einwenden, dass "Fickende Fische" neben dem im Kontext des Films zwar passenden, aber für seinen Erfolg wohl missglückten Titel auf das ein oder andere Klischee zurückgreift (die verhasste Stiefmutter; der senile Großvater), aber insgesamt helfen ihr die vorzüglichen Darsteller, die eben nicht perfekte Hollywood-Optik und die fast immer gelungenen Dialoge einen Grad von Aufrichtigkeit zu erreichen, der den Film ebenso wie seine eingangs erwähnten "Verwandten" wohltuend vom Mainstream-Einheitsbrei abhebt.

Dass Getto dabei das Element des Wassers bzw. das Wesen des Fisches getreu dem Motto "frei wie ein Fisch" Jans Traumwelt sein lässt (er spricht sogar vom Paradies), mag auf den ersten Blick banal sein, ist in seiner Inszenierung aber subtil umgesetzt, was besonders bei der Renovierung zum Vorschein kommt, wenn Jan und Nina mit dem Hintergrund verschmelzen und eins werden mit ihren Träumen und Wünschen. Nach und nach dringt Nina in einer anderen Sequenz auch in Jans Wasser- und Traumwelten ein und schwimmt schließlich mit ihm vereint, was hoffnungslos verkitscht rüberkommen würde, wäre da nicht der grandiose Soundtrack und so manch ironischer Seitenhieb (vgl. den Titel des Films).

Auch wenn in "Fickende Fische" nicht alle Elemente gelungen sind (der "Schock" um den Tod Jans), Nina-Darstellerin Sophie Rogall ihr durchaus hohes Niveau nicht immer halten kann (im Gegensatz zum grandiosen Tino Mewes) und die Traumsequenzen im Wasser keinen Originalitätspreis gewinnen werden, so stimmt an Almut Gettos Kinodebüt doch immer die Mischung, korrelieren die Bilder immer sehr sorgsam mit der großartigen Musik und ist das Ende aufgrund seiner Ambivalenz wohl noch das treffendste, weil am wenigsten kitschige. Ob es sich beim Sturz von der Brücke um eine reale Sequenz handelt oder nur den symbolischen Abschied der beiden von ihrem bisherigen Leben in eine gemeinsame Zukunft darstellt, dürfte den Zuschauer auch beim Verlassen des Kinosaals noch beschäftigen. Und das ist nur eine der vielen Qualitäten, die dieser deutsche Film zu bieten hat.

Einfaches, ambitionierties Jugenddrama von erfrischender Aufrichtigkeit


Thomas Schlömer