Nicht auflegen!
(Phone Booth)

USA, 81min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Joel Schumacher
B:Larry Cohen
D:Colin Farrell,
Forest Whitaker,
Kiefer Sutherland,
Radha Mitchell,
Katie Holmes
L:IMDb
„I´m aiming at you right now”
Inhalt
Zufällig nimmt PR-Mann Stuart Shepherd (Colin Farrell) den Hörer in einer klingelnden Telefonzelle ab - eine fatale Entscheidung, denn von nun an ist er gewzungen, in der Telefonzelle zu verharren. Ein Scharfschütze bedroht Stuart, und er fordert ihn auf, öffentlich vor allen Fernsehkameras seine Sünden zu bekennen. Doch die Lage eskaliert.
Kurzkommentar
Joel Schumacher beweist Risikofreude zur einfachen, aber nicht einfach zu realisierenden Idee. „Phone Booth“ macht eine der letzten Telefonzellen zum konzentrierten Handlungsort eines originellen Kammerspiels: ein selbstgerechter, von einer amoralischen Welt traumatisierter Scharfschütze will es einem verlogenen PR-Agenten ordentlich heimzahlen. Dieser ist dennoch Sympathieträger, was auch an Colin Farrell liegen mag. Er legt eine sehenswerte Ein-Mann-Show hin. Die Spannung ist erstklassig, Schumachers Thriller trotz oder gerade durch seine Einfachheit enorm ausgeklügelt, straff und stilistisch abgerundet. Allein der moralische Impetus nervt.
Kritik
An Kammerspiele, Filme also, in denen die Handlung meist in nur einem Raum konzentriert stattfindet, wagen sich die Wenigsten. Statt externer Handlung und Szenenwechsel gibt es hier nur die eine Kamera, ununterbrochen wie ein Seziergerät auf Protagonist und Antagonist gerichtet. Psychologie des Drehbuchs und schauspielerische Fähigkeit tragen Kammerspiele ganz entscheidend. Dabei muss der auf verbalen Schlagabtausch abhebende Plot gar nicht mal kompliziert verschachtelt sein. Im Fall von „Phone Booth“ ist es nämlich der genial einfache Kniff, der den Reiz des Streifens ausmacht, ihn trägt und ihm sogar „Thrill“ verleiht: das Kammerspiel wird kurzum in eine Telefonzelle verlegt.

Das führt zu einer ziemlichen Herausforderung, weil die Ausgangssituation modifiziert und auf eine vis-a-vis Konfrontation der Hauptgegenspieler verzichtet wird. Joel Schumacher, schon einer der Älteren in Hollywood, ließ sich auf das psychologische Experiment ein und versucht, in runden achtzig Minuten einen straffen Thriller mit einer Telefonzelle als szenisches Zentrum zu organisieren. Das Ergebnis ist bemerkenswert und tatsächlich ein konzentrierter Thriller, den man gesehen haben sollte, schon wegen der faszinierend makabren Ausgangsidee. Aber auch die stilistische Hinführung Schumachers im Rahmen einer Reflexion über den alltäglichen Kommunikationswahn im Zeitalter des Mobiltelefons punktet.

In einer famosen Einleitungssequenz fährt die fiktive Kamera aus der Weltall- und Sattelitenperspektive zoomend in den hektischen Mikrokosmos der Straßen New Yorks. Telefonzellen sind hier nur noch Relikte, es wimmelt von Millionen von Mobiltelefonbenutzern. Einer von ihnen ist der arrogant narzisstische Medienagent Stu. Stilistisch fängt Schumacher durch schnelle Bild-im-Bild-Montagen den Pulsschlag der Stadt äußerst elegant ein. Stu ist hier perfekt akklimatisiert und gleichsam der Prototyp des an einer telefonischen Oberfläche existierenden Menschen. Lügen sind hier scheinbar naturwüchsiger Teil des kommunikativen Netzes, doch damit ist Schluss, sobald Stu den Hörer in der Zelle abnimmt.

Da nun allein Colin Farrell am einen Ende der Leitung zu sehen ist, musste schon die Stimme des Anrufers markant und fesselnd sein. Im amerikanischen Original übernimmt Kiefer Sutherland diese Aufgabe ziemlich souverän. In dieser Eröffnung des psychologischen Katz-und-Maus-Spiels fällt allerdings auf, dass Stu den Hörer nur deswegen nicht umgehend auflegt, weil das Drehbuch es so will. Hier nun, im Quadratmeter der Zelle, kann Colin Farrell beweisen, aus welchem Grund er zur aufstrebenden Schauspielelite gehört. Schumachers Entscheidung für ihn erweist sich mit zunehmendem Anziehen der Spannungsschraube als absolut richtig.

Der Dialog zwischen Stu und dem unsichtbaren Scharfschützen ist im Bild nur ein Monolog. Wir sehen allein Stu und damit hat der Zuschauer eine eigentlich paradoxe Perspektive: immer wieder nimmt die Kamera Positionen und bedrohliche Blickwinkel auf die Telefonzelle ein, die die des Scharfschützen sein könnten. Er selbst wird aus Spannungsgründen aber nie gezeigt, so dass das Publikum wiederum auf eine Blickhöhe mit Stu zurückgeworfen ist. Das fängt den potentiell tödlichen Voyeurismus hervorragend ein übernimmt sichtliche Erzählfunktion. Störend allein ist vielleicht der Katalysator für die zwickmühlenhafte Situation, ein ziemlich moralischer.

Denn der Scharfschütze entpuppt sich nicht als konventionell gestrickter Wahnsinniger, der eine beliebige Person in der Telefonzelle mittels eines perversen und willkürlichen Spiels kontrollieren will. Vielmehr setzt er Stu berechnend fest, ist er in die Intimsphäre seines Opfers detailversessen eingerückt und will nun dessen moralisch-menschliche Verfehlungen – hauptsächlich die des Betrügens seiner Frau – den Prozess machen. Dass beim Scharfschützen also vor allem der moralische Zeigefinger am Abdrücker ist, der Stu Absolution oder auch die Kugel geben will, wirkt zuweilen lächerlich, ist aber dramaturgisch geschickt entwickelt.

Der Schlagabtausch zwischen Stu und dem Anrufer ist vor allem wegen der sich zuspitzenden Provokation sehenswert, die immer kurz vor der Grenze zur Eskalation, wo also ein Schuss fallen würde, kippt. Colin Farrell zeigt großartig, wie Stu angesichts der unsichtbaren Bedrohung zum Seelenstriptease genötigt wird und letztlich in die Fernsehkameras der gesamten Nation um Vergebung für seine amoralische Scheinexistenz betteln muss. An dieser Stelle stürzt „Phone Booth“ in schlappe Melodramatik, spielt andererseits auf einer übergeordneten Ebene plakativ und doch wirksam mit den Sensationsgelüsten der Presse, die letztlich auch die des Publikums von „Phone Booth“ sind.

Da der trotz allem immer noch distanzierte Dialog zwischen Stu und dem Scharfschützen den Adrenalinspiegel nicht über die gesamte Laufzeit hätte retten können, finden sich im Anrücken von immer mehr Personen um die Zelle des Films herum externe Handlungsmotoren. Forest Whitaker ist in der Rolle des verhandelnden Polizeicaptains pure dramaturgische Notwendigkeit, aber ebenso sehr gut besetzt. Es ist hier die gelungene Kombination aus Kammerspiel und Massenereignis, die „Phone Booth“ als Mainstreamfilm zu einer Ausnahmeerscheinung machen. Mit viel stilistischer Sicherheit und dem Gespür für psychologische Effekte legt Joel Schumacher einen packenden Spannungsfilm vor.

Adrenalintreibend konzentrierter Thriller mit moralischem Ballast


Flemming Schock
Weiterer Kommentar auf der folgenden Seite...
Joel Schumachers neuester Thriller ist in der Tat von exquisiter Spannung, bietet 70 Minuten packende Unterhaltung, sehr gute Darsteller und vortreffliches Handwerk. Wie er allerdings den Einsatz von Waffengewalt moralisch legitimiert und den Scharfschützen als neuen Erlöser feiert, ist zumindest diskussionswürdig....