Chihiros Reise ins Zauberland
(Sen to Chihiro no Kamikakushi)

Japan, 124min
R:Hayao Miyazaki
B:Hayao Miyazaki
L:IMDb
„No matter how much you want to go home, you must continue to live on.”
Inhalt
Die 10-jährige Chihiro gerät bei einer Fahrt in einem Tunnel in eine Welt, die den Menschen normalerweise nicht zugänglich ist. Sie ist in die Welt der kleinen und großen Ungeheuer, Geister und Gottheiten geraten. Nur unter zwei Bedingungen darf sie bleiben: Sie muss ihren menschlichen Namen ablegen und sie muss für die Hexe Yubaba, die über ein großes Thermalbad wacht, arbeiten. Die anfängliche Angst legt sich bald und schnell findet sie Freunde unter den zahllosen Kreaturen, die rund um das Thermalbad arbeiten. Eines Tages macht sie jedoch eine schreckliche Entdeckung: Auch ihre Eltern sind in diese Parallelwelt geraten und wurden in Schweine verwandelt. Natürlich setzt sie alles daran, um ihren Eltern zu helfen.
Kurzkommentar
Der erste Filme, der über 200 Mio.$ einspielte bevor er in den USA anlief, kann seine hohen Erwartungen an ein fantasievolles, mystisch-atmosphärisches Abenteuer nur bedingt erfüllen und scheitert schließlich an einer schwachen Plotauflösung. Trotz pädagogischer Fragwürdigkeiten bietet "Spirited Away" dennoch größtenteils subtile, technisch saubere und schlicht märchenhafte Unterhaltung.
Kritik
Dass Regisseur und Drehbuchautor Hayao Miyazaki nicht erst seit "Prinzessin Mononoke" als Koryphäe auf dem Gebiet des Trickfilms gilt, seine Arbeiten nicht nur für die Disney Company ganz großes Vorbild sind und er auch finanziell -vor allem im Heimatland Japan- zu den ganz großen Gewinnern zählt, war der letztjährigen Berlinale-Jury wohl auch vor "Sen to Chihiro No Kamikakushi" klar. Trotzdem liest sich der (durchaus progressive) Verleih des (halben) "Goldenen Bären" etwas wie die reine Anerkennung eines unterschätzen Subgenres. Nur aufgrund der filmischen Qualitäten bleibt bei "Spirited Away" (so der Titel in den USA) die Auszeichnung zumindest fragwürdig.

Doch betrachten wir den Film von Anfang an, Miyazaki ist schließlich nicht umsonst zum wohl bedeutendsten und erfolgreichsten Anime-Regisseur avanciert. Gewohnt atmosphärisch, äußerst ruhig und geradezu medidativ leitet er die Geschichte ein, kümmert sich nicht groß um Sinn und Zweck der Autofahrt von Chihiro und ihrer Familie, schwenkt vielmehr direkt zum relevanten Geschehen. Chihiro und ihre Eltern entdecken den vermeintlichen Themenpark bereits nach wenigen Minuten und sowohl der "Abstieg" in die Fantasiewelt als auch Chihiros folgende Entdeckungsreise, ihr erstes Treffen mit Haku und eine vorzüglich-subtile Vorstellung des mysteriösen Badehauses zeugen von der großartigen Fähigkeit Miyazakis, seriöses Abenteuer nahtlos mit japanischer Trickfilmkunst verschmelzen zu lassen. Auch der Fantasie scheinen hier wenig Grenzen gesetzt, überzeugen doch vor allem die Figuren (wie etwa der arachnoide Kamajii) und die netten Details (die kleinen Furballs).

Das Problem von "Spirited Away" scheint mir viel mehr die weniger fantasievolle Geschichte, sowie der seltsam-pädagogische Touch zu sein. Der Ausgangspunkt (der selbstredend stark an "Alice im Wunderland" erinnert) ist auf jeden Fall spannend und gut in Szene gesetzt, aber schon längere Sequenzen wie die große Waschaktion des Flussgeistes bringen weder die Geschichte voran, noch sind sie sonderlich aufregend. Stattdessen nervt uns Miyazaki mit albernen Seifespielchen und gefräßigen Monstern, die auch vor Mitarbeitern des Badehauses nicht Halt machen. (Spoiler) Vor allem die endgültige Auflösung überzeugt weder im Detail noch im Ganzen. Während Miyazaki z.B. das Rätsel um den stummen, schwarzen Maskengeist liebevoll und atmosphärisch aufbaut, verliert er an dieser Stelle vollkommen den Faden und führt den Handlungsstrang nur wenig befriedigend zu Ende. Das liegt nicht zuletzt an der großen "Plotwende" des Films, die mit ihren Klon- und Schwesterspielchen angesichts des restlichen Films reichlich einfältig und langweilig wirkt. (Spoilerende)

Weiterhin verwundert (zumindest den "Westeuropäer") die fragwürdige Pädagogik des Films. Geht man davon aus, dass Animes in Japan (auch) für Kinder konzipiert werden, so bindet Miyazaki den Kleinen dort Botschaften wie "Nur wenn Du hart arbeitest, werden sie keinen Grund haben, Dich zu töten" auf die Nase. Und das ziemlich hart und unverblümt. Auch wenn diese Mentalität nicht als einzig-Wahre präsentiert wird, so hinterlässt sie doch bleibenden Eindruck und vermittelt in ihrem fiktionalen Kontext nicht die nötige Realitätsferne.

So sehr man von "Spirited Away" (nicht zuletzt aufgrund hoher Erwartungen) enttäuscht sein kann, so sehr sei betont, dass Miyazakis neueste (und evtl. letzte) Arbeit durchaus seine feinen Momente hat. Dank hübscher Optik und Jô Hisaishis abermals grandioser Komposition ist er sehr atmosphärisch, bietet immerhin fantasievolle Figuren und die richtige Mischung aus Märchen und Abenteuer. Dennoch findet er zu keiner geschlossenen Form und scheitert auf der wichtigsten aller Ebenen: der inhaltlichen.

Letztlich enttäuschendes Fantasiemärchen mit wenigen, guten Momenten


Thomas Schlömer